Sajano-Schuschenski Stausee und Wasserkraftwerk - das grösste in Russland (Foto: Archiv)
Montag, 24.08.2009
900 technogene Katastrophen auch ohne Industriesabotage
Gisbert Mrozek, Moskau. Tschetschenisch-islamistische Untergrundkämpfer wollen die Katastrophe im Wasserkraftwerk am Jenissej als ihren Anschlag ausgeben. Schlimmer als jede Sabotage ist die Überalterung russischer Industrieanlagen.
Vier Tage nach der Katastrophe im Sajano-Schuschenki Wasserkraftwerk am Jenissej, die über siebzig Menschenleben forderte und auf Jahre hinweg die Stromversorgung der mittelsibirischen Städte und Industriegebiete in Frage stellt, meldete sich am vergangenen Freitag im Internet eine tschetschenische Kampfgruppe und "übernahm die Verantwortung".
"Wirtschaftskrieg gegen Russland"
Das Bataillion "Rijadus Salichijn" teilt mit, man habe beschlossen, den "Wirtschaftskrieg gegen Russland" zu intensivieren. Darum seien Sabotagetrupps und Diversionsgruppen in einige russische Regionen entsandt worden, um dort Industriesabotage zu betreiben.
Objekte der Sabotage seien vor allem Gas- und Ölpipelines, Kraftwerk, Hochspannungsleitungen und Fabriken. Schliesslich sei es gelungen, eine mit einem Zeitzünder versehene Panzermine in den Turbinensaal des Kraftwerks am Jenissej zu schmuggeln. Das Ergebnis des Anschlages habe die Erwartungen übertroffen.
"Verantwortung" verspätet übernommen
Warum die Erklärung erst vier Tage nach der Katastrophe publiziert wurde, wird nicht weiter erläutert, liegt aber auf der Hand: Die Truppe will sich mit fremden Federn schmücken - wo wie auch schon nach dem grossen Brand im moskauer Fernsehturm von Ostankino und bei anderen Bränden an Pipelines in ganz Russland regelmässig verbreitet wurde, dies seien Anschläge gewesen.
Sabotageaktionen an russischen Industrieanlagen - von den Pipelines, die über tausende von Kilometern durch die Wildnis führen, ganz zu schweigen - sind tatsächlich wohl kaum schwerer zu organisieren, als die Geiselnahmen von Beslan oder im Nord-Ost-Musical.
Die Wirklichkeit ist aber schlimmer: Auch ohne jedwede Einmischung des tschetschenischen Untergrundes sind "technogene Katastrophen" in Russland an der Tagesordnung. Die Ursache ist die Überalterung aller Grossanlagen aus der Sowjetzeit und notorischer Mangel an Wartung und Modernisierung. Zumal viele dieser "Jahrhundertprojekte" nur auf eine Betriebsdauer von 20 bis 30 Jahren ausgelegt wurden.
In einer Studie des russischen Katastgrophenschutzministers Sergej Schoigu hiess 2004, die Industrieanlagen des Landes seien in einem so beklagenswerten Zustand, dass pro Jahr mit etwa 900 "technogenen Katastrophen" zu rechnen sei. Also durchschnittlich beinahe drei kleinere und grössere Katastrophen pro Tag.
An der Industrieerbschaft aus Sowjetzeiten wird Raubbau getrieben - die Quittung sind Katastrophen wie die im Sajano-Schuschenski Wasserkraftwerk, dem grössten Kraftwerk der Sowjetunion und Russlands.
In einem Gespräch beim Radiosender Echo Moskaus berichtet der ehemalige sibirische Duma-Abgeordnete Wladimir Ryschkow, der wegen seiner liberalen und Kreml-kritischen Einstellung bekannt ist, er komme nach vielen Gesprächen mit verantwortlichen Politikern, Beamten und Ingenieuren zu dem Schluss, dass im Falle des Wasserkraftwerkes am Jenissej Pfusch am Bau, Überalterung, mangelnde Wartung und mangelhafte staatliche Kontrolle sich zu den Ursachen der Katastrophe summieren.
Wasserkraftwerk in Rekordzeit von Komsomol-Freiwilligen gebaut
Das Sajano-Schuschenski Wasserkraftwerk am Oberlauf des Jenissej war in der Breschnjew-Zeit von Freiwilligen des Jugendverbandes Komsomol begonnen und in Rekordzeit gebaut worden. Die erste Turbine wurde schliesslich 1978 in Betrieb genommen worden. Schon 1979 und dann 1985 und 1988 kam es zu ersten Unfällen, weil zu hoher Druck die Wassersammler zerstörte.
Ende der 80iger Jahre bildeten sich Risse in der Stauwerksmauer, die mit Hilfe einer französischen Firma gedichtet werden sollten.
Es scheint auch jetzt nach ersten Berichten aus dem Kraftwerk, als ob die Katastrophe in einer Zuleitung zum Turbinensaal begonnen habe.
Turbinenschaden nicht ausgeschlossen
Mögliche Unfallursache könnte auch ein Turbinenschaden gewesen sein. Seit der Inbetriebnahme der ersten Turbine im Jahre 1979 (und der letzten von insgesamt 10 im Jahre 2000) habe die Herstellerfirma "Silowyje Maschiny" jeweils drei Jahre lang Garantiearbeiten an den Turbinen ausgeführt. Danach seien sie von Betriebstechnikern gewartet worden, heißt es in Berichten aus dem Kraftwerk.
Nach der jetzigen Katastrophe erklärte die Staatsanwaltschaft zunächst, es habe bei Wartungsarbeiten eine Explosion in einem Transformator im Maschinensaal gegeben.
Die Betreibergesellschaft RusGidro und auch die Bergungsmannschaften des Katastrophenschutzministeriums widersprachen dem aber von Anfang an. Sie sagten aus, es habe einen Wasserschlag (auch als "Druckstoß" oder "Wasserhammer" bezeichnet) gegeben.
Augenzeugen berichten, so teilte der Ex-Direktor des Kraftwerkes Alexander Toloschinow mit, eine der Turbinen sei explosionsartig aus ihrer Fundamentierung ausgerissen und habe das Hallendach durchbrochen. Nach Meinung Toloschinows könnte die Ursache kein Wasserschlag, sondern ein Turbinenschaden gewesen sein, der sich "nach 30 Betriebsjahren" plötzlich auswirkte.
Überalterung und Überlastung: Viele Faktoren summieren sich zur Katastrophe
Wladimir Ryschkow berichtet bei Echo Moskaus, in diesem Jahr hätten die sibirischen Ströme und Flüsse besonders viel Wasser geführt. Darum habe auch das Sajano-Schuschenski Kraftwerk unter Höchstlast gearbeitet - bis zur Katastrophe.
Jedenfalls sei sich der staatliche Betreiber, die Gesellschaft RusGidro (RusHydro) anscheinend der Gefahren auch bewusst gewesen. Deswegen sei ein neuer Wassertunnel im Bau, der allzu hohen Wasserdruck aus dem Stausee abführen könne. Er sei aber nicht rechtzeitig fertiggestellt worden.
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