Donnerstag, 21.09.2006

Airline Pulkovo droht Flugverbot in der EU

Diese Tu-134 von Pulkovo darf schon länger wegen ihrer Lärmwerte nicht mehr in die EU einfliegen. Njun droht allen Maschinen der Airline ein EU-Bann. (Foto. ld/rufo)
St. Petersburg. Die Fluggesellschaft Pulkovo aus St. Petersburg könnte in der EU auf die „Schwarze Liste“ von Airlines kommen, denen wegen Sicherheitsproblemen der Einflug verboten ist. Anfang Oktober wird es ernst.
Entsprechende Gerüchte waren schon Ende letzter Woche aufgekommen. Jetzt bestätigte sie der amtierende Pulkovo-Generaldirektor Gennadi Boldyrew. Für den 3. Oktober seien Vertreter von „Pulkovo“ von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) in Köln zu einer Anhörung geladen worden, wo sie zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen Stellung nehmen sollen.

Folgen eines Flugverbot: Pleite und Löcher im Flugplan


Sollte „Pulkovo“ auf die „Schwarze Liste“ der EU-Staaten kommen, dürften die Maschinen der Fluggesellschaft nicht mehr in das EU-Gebiet einfliegen. Für die staatseigene Fluggesellschaft, die sich gegenwärtig im Fusionsprozess mit der ebenfalls staatlichen „Rossija“ befindet, wäre dies eine Katastrophe: Etwa 70 Prozent ihrer Einnahmen von etwa 600 Millionen Dollar jährlich bezieht sie aus dem internationalen Verkehr – hauptsächlich mit Westeuropa.

Aber auch St. Petersburg als Wirtschafts- und Tourismusstandort würde so einen Gutteil seiner Flugverbindungen ans Ausland verlieren, da die über 45 Jets verfügende Pulkovo „Platzhirsch“ auf dem gleichnamigen Flughafen von St. Petersburg ist. Von russischer Seite ist Pulkovo hier faktisch der einzige Anbieter von Flügen ins Ausland.

EU-Kontrollen meist in Frankreich


Laut Boldyrew hat Pulkovo im Lauf des letzten Jahres 20 Verweise der EASA auf Abweichungen in technischen Dokumentationen seiner Maschinen erhalten, die von EU-Standards abwichen. Auch andere russische Fluggesellschaften hätten derartige Rügen erhalten, sagte er gestern vor Pressevertretern. Meistens hätten die entsprechenden Überprüfungen durch EU-Vertreter auf französischen Flughäfen stattgefunden. Worum es sich bei den angeblichen Mängeln konkret handelt, sagte Boldyrew nicht.

Seine Fluggesellschaft habe bereits alle Vorwürfe von EU-Seite systematisiert und aufgearbeitet. „Bei einigen Punkte haben wir Maßnahmen getroffen, bei anderen nicht und wir haben es auch nicht vor, sie zu treffen“, so Boldyrew.

Bisher keine russischen Airlines auf der Schwarzen Liste


In der im März 2006 in Kraft getretenen ersten Fassung der EU-Sperrliste waren 92 Fluggesellschaften gelistet. In erster Linie handelte es sich um afrikanische Unternehmen, russische Airlines waren nicht darunter. Aus den GUS-Staaten waren lediglich zwei kasachische und eine kirgisische Fluggesellschaft betroffen.

Der dramatische Absturz einer Pulkovo-Tupolew über der Ukraine, bei dem alle 171 Insassen ums Leben kamen, kann jedoch formell noch kein Anlass zur Feststellung für angeblicher Sicherheitsmängel bei Pulkovo sein, so Pulkovo-Vizedirektor Alexander Golowin. Die Untersuchung des Unglücks sei noch nicht abgeschlossen, deshalb könnten daraus auch noch keine offiziellen Schlüsse gezogen werden.

Spekulation über Motive: Erpressung oder Kuhhandel


In der Branche wird aber auch gemutmaßt, dass es sich bei der Drohung mit einem Flugverbot für die drittgrößte russische Fluggesellschaft um eine Art von Erpressung handelt: „Dies ähnelt sehr einem Versuch, uns unter Vorschiebung von wohlmeinenden Sicherheitsbedenken vom internationalen Markt zu verdrängen“, so ein Pulkovo-Mitarbeiter gegenüber der Zeitung „Kommersant“.

„Gehandelt“ wird aber auch folgende Version: Die EU versucht auf diese Weise, Russland zur Abschaffung der sogenannten Transitgebühren für Überflüge Sibiriens auf interkontinentalen Strecken zu bewegen. Diese kosten ausländische Fluggesellschaften jährlich etwa 200 bis 300 Milllionen Dollar.

Russland habe sich bisher geweigert, dem EU-Vorschlag zuzustimmen, diese Überfluggebühren bis zum Jahr 2014 schrittweise zu eliminieren. Bei der letzten diesbezüglichen Verhandlungsrunde in Finnland seien dann auch erstmals die drohenden Sicherheitsvorwürfe gegen Pulkovo zur Sprache gebracht worden, so die Zeitung.

Russische Gegenmaßnahmen zu erwarten


Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass der russische Staat als Eigner von „Pulkovo“ ein solches Verbot, würde es denn ausgesprochen, nicht ohne Reaktion lassen würde: Mit Sicherheit fänden dann die russischen Luftaufseher Gründe, um der einen oder anderen EU-Fluggesellschaft den Einflug nach Russland zu verbieten. Ein russisch-europäischer „Luftkrieg“ wäre wohl die Folge – mit dem keiner der beiden Seiten gedient wäre.

(ld/.rufo)