Mittwoch, 02.03.2011

Aufrüstung der russischen Armee schon gescheitert?

Der Wunsch, mit den USA gleichzuziehen, bleibt für Russland illusorisch. (Foto: TV)
Moskau. Der russische Verteidigungsminister hat einen Bericht vorgelegt, in dem die Umrüstung der russischen Armee als so gut wie gescheitert bezeichnet wird. Dabei gibt es auf diesem Gebiet sehr ambitiöse und teure Pläne.
2010 seien nur 30 Prozent des Geplanten realisiert worden, heißt es in dem Sonderbericht, den Anatoli Serdjukow vor wenigen Tagen Präsident Dmitri Medwedew vorgelegt hatte und der der „Nesawissimaja Gaseta“ von einem hohen Beamten aus dem Verteidigungsministerium zugespielt worden war.

Napoleonische Pläne


Der russische Verteidigungsminister schlägt Alarm: Die für 2010 geplanten Lieferungen an U-Booten, Flugzeugen und Panzern wurden von den Rüstungsfabriken nur zu einem Drittel ausgeführt. Russlands Pläne, seine Armee „auf das Niveau der USA zu bringen“ (so forderte Medwedew im September 2010), sind bei diesem Tempo nicht zu erfüllen.

Dabei gibt es wahrhaft napoleonische Ideen, was die Aufrüstung der Streitkräfte betrifft: Bis 2020 sollen sage und schreibe 20 Billionen Rubel (knapp 500 Milliarden Euro) in die Modernisierung des Waffenparks der russischen Armee gesteckt werden.

Als Premierminister Wladimir Putin diese Zahl im Dezember öffentlich aussprach, musste selbst er zugeben, dass „sie ihm Angst macht“.

Die Rüstungsfabriken arbeiten schlecht


Serdjukow gibt den Rüstungsfabriken die Schuld an dem Dilemma: Sie würden ihre Arbeit schlecht organisieren, obwohl sie „ernsthafte Staatsaufträge unterschrieben haben und einfach verpflichtet sind, diese auch auszuführen“, heißt es in seinem Bericht.

Serdjukow weiß natürlich auch, wie dem lahmen militärisch-industriellen Komplex auf die Beine geholfen werden kann: Die Fabrikleiter müssten abgestraft werden, notfalls mit Gefängnis.

Das Verteidigungsministerium zahlt schlecht


Serdjukows rüde Schuldzuweisung ist aber nur eine Seite der Medaille. Vertreter der Rüstungsindustrie geben den schwarzen Peter denn auch gleich zurück: Das Verteidigungsministerium schulde den Produzenten sehr viel Geld. Allein im Ural, einem Zentrum der russischen Schwerindustrie, hätten sich 228 Millionen Rubel Schulden angehäuft, sagt ein Vertreter des dortigen Verbands der Rüstungsbetriebe.

Außerdem sei die Preispolitik des Verteidigungsministeriums falsch, verlautet vor dort weiter. Es würde nach wie vor in Preisen von 2009 abgerechnet: „Es gibt bis jetzt keine Verträge und kein Geld. Das heißt, dass wir später in Zugzwang mit der Auftragsbewältigung kommen. Die Preispolitik drängt uns in die Ecke!“

Branche hoffnungslos überaltert


Ein weiterer Grund für das mögliche Scheitern der grandiosen Erneuerungspläne ist die Überalterung sowohl der Technik als auch des Personals der Rüstungsindustrie. Ein Drittel der Unternehmen sei „faktisch bankrott“, schreibt die Moskauer Zeitung.

Die Investitionen in die Entwicklung der Branche seien zehn Mal geringer als „in entwickelten westlichen Ländern“. „70 Prozent der Technologien sind physisch und psychisch veraltet“, sagt Generalmajor Wladimir Dworkin vom Rüstungsforschungsinstitut bei der Akademie der Wissenschaften:

„Mehr als die Hälfte der Produktionsanlagen ist zu 100 Prozent abgenutzt. Das mittlere Alter des Personals liegt über 50 Jahren; in den Forschungsbüros nähert es sich sogar einem Schnitt von 60 Jahren.“

Perestroika ist nicht in Sicht


Die „Nesawissimaja Gaseta“ kommt zu dem wenig tröstlichen Schluss, in der postsowjetischen Ära wäre nicht ein einziges der aufgelegten Rüstungsprogramme umgesetzt worden:
Der russische militärisch-industrielle Komplex falle weiter und eine globale Perestroika sei im Lande bisher nicht auszumachen.