Mittwoch, 25.03.2009

Finanzkrise: Kudrin warnt vor der nächsten Welle

Alexej Kudrin sagt die nächste Schockwelle für Russlands Ökonomie voraus (Foto: Galejew/.rufo)
Moskau. An der Börse geht es aufwärts, der Rubel hat seinen Boden gefunden, die Wirtschaft schöpft Hoffnung. Doch die Regierung ist pessimistisch: Der Wirtschaft stehe ein neuer Schock bevor, warnt Vize-Premier Kudrin.
Die Krise zieht ihre Kreise, wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Der Export ist gesunken, die Einnahmen der Unternehmen fallen, die Zahl der Arbeitslosen ist inzwischen bei über sechs Millionen.

Wer gehofft hat, dass diese Kreise sich irgendwann verflüchtigen, je länger und weiter sie auseinander laufen - immerhin lässt das Tempo bei den Entlassungen ja nun nach - , den warnt Finanzminister Alexej Kudrin vor verfrühter Euphorie.

Die nächste Welle kommt bald


Die nächste Schockwelle stehe unmittelbar bevor, warnte er. „Ein gewisser Anstieg der Aktienindizes und des Ölpreises sollten uns nicht dazu verleiten, uns zurück zu lehnen. Das ist eher eine kurzfristige Verbesserung und unter Berücksichtigung der Basis-Indikatoren der amerikanischen und der globalen Wirtschaft kommt in Kürze eine neue Korrektur und ein neuer Verfall der Aktienkurse“, sagte er. Seine Vorhersage bewahrheitete sich postwendend – der RTS gab am Dienstag deutlich nach.

Schon zuvor hatte Kudrin vor einer bevorstehenden neuen Pleitenwelle im Bankenwesen gewarnt. Das Sozialprogramm Putins kritisiert er jetzt in einem Seitenhieb als nur "kurzfristigen Impuls". Nun gilt Kudrin als äußerst vorsichtig mit seinen Prognosen; selbst zu Boomzeiten der russischen Wirtschaft hielt er sich mit Erfolgsprognosen zurück und mahnte zur Haushaltsdisziplin.

Gefahr einer neuen Krise besteht real


Doch in diesem Fall steht er nicht allein mit seiner Meinung. Nicht nur über die Hälfte der Russen ist Umfragen zufolge vom krisenhaften Zustand der russischen Ökonomie überzeugt, auch die Experten in der Regierung sind es.

Der stellvertretende Wirtschaftsminister Andrej Klepatsch räumt ein, dass das Risiko einer neuen Krisenwelle real sei. „Es hängt damit zusammen, dass sich infolge fehlender Nachfrage und Kreditressourcen die Balance (zwischen Einnahmen und Ausgaben – d.R.) der Unternehmen verschlechtert.“, sagte er. Differenzen gibt es lediglich darüber, wann die Krise zuschlägt, ob noch im Frühling (Kudrin) oder erst im Herbst (Klepatsch).

Bis Ende des Jahres hofft Wirtschaftsministerin Elvira Nabiullina immerhin darauf, dass zumindest einzelne Motoren der Binnennachfrage anspringen. Sie fürchtet allerdings vor allem einen „Wettlauf der Währungsabwertungen“ zwischen den einzelnen Ländern, die dadurch ihre Wirtschaft ankurbeln wollen.

Langfristig will Russland zur Nummer 1 werden


Immerhin langfristig hofft der für Wirtschaftsfragen zuständige Vize-Premier Igor Schuwalow trotzdem auf Erfolg bei der Krisenbewältigung. „Welche Krisensymptome es auch gibt, wir vergessen nicht, dass wir danach streben, Russland zum lebenswertesten und attraktivsten Land im Weltwirtschaftssystem zu machen“, sagte er.

Bis 2020 soll eine breite Mittelschicht in Russland entstehen, die 50 – 60 Prozent der russischen Bevölkerung umfasst. Die Arbeitsproduktivität, die heute aufgrund veralteter Technik und hoher Bürokratie weit hinter westlichen Standards zurück hinkt, werde sich um ein Mehrfaches steigern. „Das ist weder absurd, noch ein Märchen“, versichert zumindest Schuwalow.