Samstag, 02.02.2008

Kaliningrad: Start für den Bau der Küstenautobahn

Ring in Sicht: Die Autobahn soll alle Küstenorte des Kaliningrader Gebietes verbinden (Foto: Plath/.rufo)
Kaliningrad. Zwischen Kaliningrad und Selenogradsk haben Vorbereitungen für den Bau der Küstenautobahn begonnen. Die 178 km lange Ringstrecke soll die Kurorte der Samlandküste und die Gebietshauptstadt miteinander verbinden.
Die alte Cranzer Chaussee von Kaliningrad in Richtung Selenogradsk und Kurische Nehrung führt als beschauliche Allee durch eine sanftwellige Gegend, ganz nett zum entspannten Bummeln, doch dem Verkehr ist sie längst nicht mehr gewachsen. Vor allem nicht an schönen Sommertagen, wenn sich vormittags tausende Kaliningrader Strandanbeter mit ihren Autos auf den Weg an die Bernsteinküste machen. Dann verwandelt sich die Landstraße in eine 30 Kilometer lange, ununterbrochene Blechkolonne: morgens in Richtung Ostsee, abends retour. Für die Strecke Kaliningrad-Selenogradsk, sonst in knapp 30 Minuten gefahren, braucht es in Spitzenzeiten schon mal zwei Stunden.

Mit hundertvierzig an den Strand



Darum wird seit zwei Jahren an einem Autobahnprojekt geplant. Historisch gesehen dachten sogar die Deutschen vor dem Krieg schon an eine solche Schnellstraße zwischen Königsberg und der Küste. Jetzt geht es also los, und zwar gewaltig. Bis Sommer 2009 soll der erste Abschnitt fertig sein - Kaliningrad-Selenogradsk: vierspurig, straßenbau- und umwelttechnisch auf westlichem Niveau, prognostizierte durchschnittliche Fahrzeit zwölf Minuten. Mit hundertvierzig an die See. Da wird der Platz am Bernsteinstrand wohl noch richtig knapp werden.

Dem Verkehr nicht gewachsen: Straße Kaliningrad-Selenogradsk (Foto: Plath/.rufo)
Für den gesamten Küstenring, der an den Seebädern Pionerskij (Neukuhren), Swetlogorsk (Rauschen) und Jantarnyj (Palmnicken) sowie den Häfen Baltijsk (Pillau) und Swetlyj (Zimmerbude) vorbei wieder zurück nach Kaliningrad führen soll, sind eine Bauzeit von fünf Jahren und Gesamtkosten von 55 Milliarden Rubel (etwa 1,45 Milliarden Euro) kalkuliert. Das Geld für dieses größte jemals im Kaliningrader Gebiet umgesetzte Straßenbauvorhaben stammt aus dem föderalen Haushalt und ist Teil des Infrastrukturprogramms, mit dem Moskau seine Exklave zur Vorzeigeprovinz an der Ostsee veredeln will.

Anbindung an den Flughafen


Den Zuschlag für das ersten Bauabschnitt, Kosten etwa sechs Milliarden Rubel (rund 166 Millionen Euro) ging an eine große Straßenbaufirma aus St. Petersburg. Derzeit läuft die detaillierte Trassierung, bleibt das Wetter so mild, werden wohl in den nächsten Tagen die ersten Planierraupen anrollen.

Das erste Teilstück des ersten Teilstücks von Kaliningrad nach Chrabrowo soll noch in diesem Jahr möglichst weit fertig werden. Bei Chrabrowo (Powunden) liegt der Kaliningrader Flughafen, und dessen Anbindung an die Gebietshauptstadt ist äußerst miserabel, eine schmale, chronisch überlastete Chaussee. Ein vierspuriger Flughafen-Zubringer ist überfällig - auch hinsichtlich der ehrgeizigen Pläne, den Airport von KD-avia zum Luftdrehkreuz zwischen Russland und Westeuropa auszubauen.

Noch unberührt: Der Kaliningrader Küste steht eine große Verwandlung bevor (Foto: Plath/.rufo)
Für den Bau des Küstenringes ("primorskoje kolzo") wird eine komplett neue Trasse projektiert. Die betroffenen Landeigentümer sollen dafür entschädigt werden: 2000 Dollar will die Gebietsregierung pro Hektar zahlen, auf Basis offizieller Gutachterpreise für Ackerland. Doch viele Flächeneigner fordern mehr - der Marktpreis liege mitterweile doppelt so hoch. Parallel zu den Asphaltwalzen werden auch die Gerichte noch viel Arbeit mit dieser Autobahn haben.

Brücke oder Tunnel



Das technisch anspruchsvollste Teilstück wird die Querung des von großen Schiffen befahrenen Kaliningrader Seekanals sein. Dazu sind derzeit noch zwei Varianten im Gespräch und werden derzeit von Fachleuten auf Kosten und Wirtschaftlichkeit untersucht: Hochbrücke oder Tunnel. Favorisiert wird eine Hochbrückenkonstruktion, die ähnlich wie die im Herbst eröffnete neue Rügendamm-Querung zwischen Stralsund und der Insel Rügen zu einem neuen Wahrzeichen der Stadt werden könnte.
Dieser Abschnitt ist gewissermaßen das Finale des Schnellstraßenrings, geplanter Baubeginn frühestens 2010-12. Im gleichen Zuge soll auch die in den letzten Kriegstagen von der Deutschen Wehrmacht zerstörte so genannte "Berliner Brücke" über das Pregeltal am östlichen Stadtrand durch einen Neubau ersetzt werden. Bis heute ragen die gesprengten Brückenteile schräg in den Himmel - auch ein Kaliningrader Wahrzeichen...

"Trasse in die Zukunft"



Tatjana Kondakowa, Chefin der Agentur für Städtebau in der Kaliningrader Regionalregierung, sieht die "Via Bernsteinküste" dennoch als riesigen Beitrag zur Modernisierung und der touristischen und wirtschaftlichen Erschließung desGebietes. Insgesamt, so Kondakowa jüngst vor örtlichen Presse, gehe es um viel mehr als eine Straße, sondern um eine "Trasse in die Zukunft", eine wichtige Voraussetzung für den touristischen Ausbau der Küste, die sich in den nächsten Jahren zu stärksten Wachstumsregion der russischen Exklave entwickeln dürfte.

Das umstrittene, aber fest geplante "Las Vegas", (die bei Jantarnyj zu errichtende Casino-Stadt), die Erschließung des Küstenabschnitts zwischen Selenogradsk und Swetlogorsk mit einem breiten Gürtel aus Hotels, Pensionen und Privatvillen, der Bau einer Sommerresidenz für die russische Regierung bei Pionerskij und schließlich die zur touristischen Entwicklungszone
auserkorene Kurische Nehrung werden in den nächsten zwei Jahrzehnten viele hundert Millionen Euro an Russlands westlichen Ostseestrand spülen.

Damit der Rubel richtig rollen kann, braucht es - mindestens - eine Straße.

Thoralf Plath