Sonntag, 24.05.2009

Magna, GAZ und die russische Weite im Opel-Poker

Quo vadis, Opel? Auf Russlands Straßen ist noch viel Platz für Autos aus Rüsselsheim - sagt Magna (Foto: ld/.rufo)
Berlin. Magna hat die besten Karten, von der Bundesregierung als Opel-Retter engagiert zu werden. Die Sberbank soll 35 Prozent der Aktien erhalten – und das faktisch bankrotte Autowerk GAZ wird nebenbei reanimiert.
Magna sammelt nach Abgabe seines Gebotes reihenweise Sympathiepunkte: Thüringen und Hessen halten das Gebot für das Beste, auch die Bundesregierung scheint in diese Richtung zu tendieren. Einzig Nordrhein-Westfalen zeigt sich nicht begeistert.

Für den austro-kanadischen Zuliefer-Giganten Magna optiert angeblich auch die vor dem Bankrott stehende GM-Konzernzentrale in Detroit. Der Fiat-Konzern scheint trotz seiner intensiven PR-Kampagne als Konkurrent schon aus dem Rennen zu sein, ebenso der Finanzinvestor RHJ International.

Sberbank soll mehr Aktien bekommen als Magna


Inzwischen ließ auch Magnas Europa-Chef Siegfried Wolf endlich die Katze aus dem Sack, wie er sich nach einer Übernahme die neue Struktur des Opel-Konzerns vorstellt: 35 Prozent der Anteile sollen bei General Motors bleiben, weitere 35 Prozent wird die russische Sberbank bekommen. Magna selbst will nur 20 Prozent übernehmen, die übrigen 10 Prozent sollen die Opel-Mitarbeiter halten.

Am Magna-Konsortium mitbeteiligt ist der russische Autobauer GAZ – nicht zu verwechseln mit dem schwerreichen Energiegiganten Gazprom. Denn das „Gorkowski Avtomobilny Sawod“ (dt.: Gorki-Autowerk) in Nischny Nowgorod kann momentan keine Kopeke bei Opel einbringen.

GAZ - ein leckes Rettungsboot im Bank-Schlepptau


GAZ laviert seit Monaten selbst am Rande des Bankrotts, hat schon ein Viertel seiner Belegschaft entlassen - und produziert nur noch 15 Prozent des Vorkrisen-Outputs. Avisierte Staatsgarantien werden wohl nur die Hälfte der Schulden von etwa 1 Mrd. Euro abdecken. Erste Klagen von Zulieferern sind bereits eingereicht.

Die größten Gläubiger von GAZ sind allerdings staatliche Banken, darunter auch die Sberbank. GAZ gehört deshalb nur noch formell dem Oligarchen Oleg Deripaska.

Der machte zuletzt nur noch deshalb Schlagzeilen, weil er von der Finanzkrise gebeutelt wurde wie kein zweiter in Russland: Sein Vermögen schrumpfte nach Schätzungen um etwa 90 Prozent zusammen – auf 3,5 Mrd. Dollar. Und die braucht er jetzt dringend, um sein Kerngeschäft, die Aluminium-Holding RusAL zu retten.

Fast alles andere, sein Immobiliengeschäft, seine erst 2008 auf Pump zusammengerafften Beteiligungen an internationalen Konzernen – auch jene am Opel-Interessenten Magna – musste er bereits wieder abstoßen.

Magna glaubt selbst an Russland


Tatsache bleibt aber: Magna-Chef Frank Stronach und Deripaska haben sich, als die Automobilwelt noch in Ordnung war, auf ein enges Bündnis eingelassen. In dessen Rahmen brüteten auch GAZ und Magna gemeinsame Projekte aus. Und als der russische Automarkt noch boomte, wollte Magna in Russland an mindestens gleich drei Standorten Teile-Produktionen einrichten. Unverhofft kommt die russisch-kanadische Allianz also nicht.

Die Sberbank, Russlands größte Bank, hat ihrerseits offenbar vor, das marode Autowerk in den Deal einzubringen, um für GAZ mit Magna-Hilfe eine neue Zukunft als Opel-Produktionsfiliale zu schneidern.

GAZ als Pkw-Hersteller glücklos
Das einzige Produkt, die Wolga-Limousine, wurde zwar immer wieder geliftet und mit Komponenten modernisiert, blieb aber letztlich doch eine hoffnungslos veraltete Konstruktion mit Genen aus den 70er Jahren. Mehrere Versuche, aus eigener Kraft einen zeitgemäßen Nachfolger aufs Band zu heben, platzen. Verkaufbar war der Wolga in Russland zuletzt nur noch dank der Formel „Viel Auto für wenig Feld“- bis im Krisenherbst 2008 die Produktion ganz eingestellt wurde.
Kurz zuvor hatte GAZ allerdings den „Volga Siber“ präsentiert. Dabei handelt es sich um eine überarbeitete Version des Chrysler Sebring, dessen ausgemusterte Produktionsanlagen Deripaska zwei Jahre zuvor in den USA für 150 Mio. Dollar gekauft hatte. Doch auch dieses Fahrzeug geht offenbar am russischen Autogeschmack und -Bedarf vorbei: Im ersten Quartal konnte GAZ gerade einmal 679 Stück absetzen – das sind 18-mal weniger Autos, als Opel in dieser Zeit in Russland verkaufte.

Und was hat Opel von GAZ?


Umgekehrt kann Opel von GAZ kurzfristig aber nicht profitieren. Selbst das GM-Händlernetz in Russland (mit den Hauptmarken Chevrolet und Opel) ist heute schon größer als das von GAZ.

Langfristig könnte sich allerdings eine Perspektive ergeben, GAZ zur neuen Nutzfahrzeugsparte des Magna-Opel-Hauses auszubauen. Denn Hauptgeschäft des Autowerkes an der Wolga sind weniger Personenwagen als simple Lieferwagen, Kleinbusse und Leicht-Lkw. Der auf Russlands Straßen allgegenwärtige Kleintransporter „Gazelle“ ist das eigentliche automobile Symbol für die erwachte Privatwirtschaft – und nicht etwa die schweren Geländewagen und Luxuslimousinen der Reichen.

"Großes Wachstumspotential" in Russland



GAZ leidet allerdings nicht alleine Not: Die Autoverkäufe in Russland sackten inzwischen schon um 60 Prozent gegenüber dem Boomjahr 2008 ab, als dort vorübergehend mehr Neuwagen verkauft wurden als in Deutschland. Dennoch sieht Magna-Chef Wolf Russland als „absoluten Wachstumsmarkt“ – wo Opel in Zukunft dank seiner neuen Partner eine stärkere Rolle spielen könnte. Wolf sprach optimistisch von 20 Prozent Marktanteil. Ein hohes Ziel, denn momentan hat Opel nur 3,2 Prozent.

500 bis 700 Millionen Eigenkapital werden Magna und Partner beim Opel-Einstieg investieren, erklärte Wolf. Sofern die Finanzeinlagen das Verhältnis der Aktienpakete widerspiegeln werden, müsste die halbstaatliche Sberbank also zwischen 318 und 445 Mio. Euro bei Opel investieren – und wäre damit in Rüsselsheim in Zukunft genauso wichtig wie GM.

Russen können zu Opels Lenkern werden


Da das US-Mutterhaus aber faktisch pleite ist, wäre Sberbank-Chef German Gref, ehemals russischer Wirtschaftsminister, wohl indirekt die Nummer 1. Es könnte also daraus hinauslaufen, dass in Zukunft indirekt der Kreml bei Opel am Steuer sitzt.

Die als Nebeneffekt eingeplante Rettung von GAZ macht das Geschäft für die russische Führung auch innenpolitisch attraktiv – obwohl ein Putin–Sprecher erklärte, sein rein kommerzieller Charakter erfordere keine Zustimmung der Regierung. Wirtschaftsstrategisch wäre es auch ein Erfolg: Russland könnte sich – sogar relativ billig – endlich einmal als verantwortungsvoller Investor in einer westeuropäischen Kernbranche profilieren.

Und das ganz ohne die lästigen Fragen nach Energiemonopolen oder halbseidenen Oligarchen im Hintergrund.