Mittwoch, 14.09.2005

Markenpiraten: Kontrolle wird nur simuliert

Der Duma-Abgeordnete Pjotr Schelischtsch beim Interview (Foto: Packeiser/.rufo)
Moskau. Der Abgeordnete Pjotr Schelischtsch kämpft seit Jahren gegen Produkt-Piraterie. Karsten Packeiser sprach ihm über gepanschten Wodka, korrupte Polizisten und westliche Konzerne, die sich kaum wehren.
Schelischtsch ist Vorsitzender des Verbraucherschutz-Verbandes SUPR und sitzt für die Kreml-Partei “Einiges Russland” in der Staatsduma.

Pjotr Borissowitsch, Sie haben vor kurzem erklärt, nur 15 Prozent aller in Russland verkauften Schuhe stammten aus legaler Produktion. Können Sie beim Einkaufsbummel Markenware von Fälschung unterschieden?

Schelischtsch: Nein, das kann ich nicht. Mich hat diese Zahl selbst schockiert, aber ich habe sie mir nicht ausgedacht. Eine von uns eingerichtete Arbeitsgruppe stellte fest, dass offiziellen Statistiken zufolge sieben Mal mehr Schuhe in Russland verkauft, als produziert und legal eingeführt werden.

Die Differenz erklärt sich vor allem durch illegale Einfuhren?

Schelischtsch: Das sagen die Produzenten. In Sibirien erzählen die Leute von ganzen Lkw-Kolonnen, die mit chinesischer Piratenware durch die Steppe über die nicht bewachte russisch-kasachische Grenze rollen.

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Vierte Schicht am Werk

Aber wir glauben, dass allgemein ein großer Teil der illegal hergestellten Waren nicht unter den Begriff Markenpiraterie fällt, sondern von unseren eigenen, legal tätigen Unternehmen stammt. Bei denen arbeitet dann eine so genannte “4. Schicht”, deren Erzeugnisse nirgendwo erfasst und nicht versteuert werden.

Welche Branchen sind besonders betroffen?

Schelischtsch: Es gibt keinerlei offizielle Statistik über die Menge gefälschter Waren, sondern lediglich Meinungsumfragen, bei denen ermittelt wird, wie viele Leute Piratenware kaufen. Die Antworten geben nicht unbedingt die objektive Wirklichkeit wieder, sondern die Empfindung der Kunden. An erster Stelle stehen Kleidung und Turnschuhe. Dann folgen DVDs und CD-Roms, 90 Prozent der Befragten geben da an, dass sie Raubkopien kaufen.

Und Alkohol?

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Schelischtsch: Die Presse schreibt viel über gepanschten Wodka. Deshalb sind viele Verbraucher davon überzeugt, dass ihnen gefälschter Alkohol verkauft wird. In Wirklichkeit gibt es hier wohl etwas weniger gefälschte Erzeugnisse als allgemein angenommen. Außerdem ist Produktpiraterie im Kosmetik-Bereich und bei Haushaltschemie weit verbreitet.

Es geht um Milliarden, nicht um Millionen

Herstellung und Vertrieb von Piratenwaren sind ein Riesengeschäft. Es geht nicht um Millionen, sondern um Milliarden. Auf den Märkten wird überall Kleidung der großen weltbekannten Marken verkauft. Unsere Verbraucher schauen auf den Preis und ahnen natürlich, dass es eine Fälschung ist. Aber es ist ihnen im Prinzip egal.

Ist Markenpiraterie dann vielleicht ein unvermeidbares Übel der Übergangszeit zur Marktwirtschaft?

Schelischtsch: Es fehlt uns noch die Kultur, fremdes Eigentum zu achten. Erst recht gilt das für intellektuelles Eigentum. Deshalb fehlen ethische Bremsen. Niemand kommt auf den Gedanken, dass Markenpiraterie eine Form von Diebstahl ist.

Sind die geltenden Gesetze denn scharf genug?

Schelischtsch: Es ist schwer, in einem Keller mit Essenz angemischten Alkohol von echtem Parfum zu unterscheiden, wenn er in der richtigen Packung steckt. Deswegen war es für uns so wichtig, das auch die Herstellung von Verpackungsmaterial rechtlich mit der Produktion von Piratenwaren gleichgesetzt wurde. Wir haben das durchgesetzt, aber in der Praxis hat es noch keine Folgen...

...Bislang musste noch kein Markenfälscher ins Gefängnis...

Schelischtsch: Das liegt daran, dass niemand den Markt kontrolliert. Die Sicherheitsbehörden simulieren eine Kontrolle. Aber selbst, wenn sie Anweisungen aus der höchsten Staatsspitze bekommen, führen sie einige Razzien durch, zeigen uns im Fernsehen, wie Bulldozer Piraten-CDs plattwalzen und irgendwelche Strafverfahren eingeleitet werden. Wie die Verfahren ausgehen Ц das steht in den Sternen.

Marken-Eigentümer müssen sich wehren

Es wird keinen funktionierenden Mechanismus geben, solange sich die Eigentümer der Marken nicht intensiv beteiligen. Es gibt in Russland bereits die von ehemaligen FSB-Mitarbeitern aufgebaute Firma “Rescue Group”, die im Auftrag großer ausländischer Konzerne Jagd auf Markenpiraten macht.

Um z.B. Piratensoftware aufzuspüren, muss man nicht Geheimdienstler sein. An jeder Moskauer U-Bahn-Station werden die Raubkopien offen verkauft...

Schelischtsch: Stimmt genau. Eine CD kostet 80 Rubel (2,30 Euro), weil das Risiko minimal ist. Und von jeder verkauften CD bekommt der Streifenpolizist, zu dessen Revier die Station gehört, fünf oder zehn ab. Es muss riskanter werden, solche Geschäfte zu decken, und gleichzeitig sollte es Premien für Milizionäre geben, die Piratenware sicherstellen. Die Eigentümer der Markenrechte müssen damit beginnen, in ihren eigenen Schutz zu investieren. Wir alle haben zwar Anspruch darauf, dass die Polizei uns beschützt. Trotzdem unterhalten alle Großkonzerne einen eigenen Sicherheitsdienst.

Aber vorerst bleiben die betroffenen Konzerne eher passiv?

Schelischtsch: Sie müssen ihre Maßnahmen heimlich durchführen. Vor kurzem gab es jede Menge Presseberichte über gefälschte Medikamente in Russland, und es wurden offen einige betroffene Marken genannt. Als Folge sind deren Verkaufszahlen eingebrochen. Inzwischen sagen alle: Bei uns gibt es keine Probleme mit Fälschungen. Aber wir wissen, dass es in Wirklichkeit ganz anders aussieht.

(kp/.rufo)