St. Petersburg. Eskortiert von zwei Eisbrechern hat der griechische Öltanker „Stemnitsa“ mit über 100.000 Tonnen Öl an Bord heute unversehrt das offene Meer erreicht. Die finnischen Behörden hatten das Auslaufen des Tankers aus dem vereisten russischen Ostsee-Hafen Primorsk mit großer Sorge verfolgt und gestern sogar noch die EU-Administration aufgeboten, um die Russen von derartigen Fahrten abzuhalten. Strittig ist, ob der Tanker für die harten Eisbedingungen geeignet ist oder nicht.
Nach dem Untergang des mit russischem Öl beladenen Öltankers „Prestige“ vor der spanischen Küste reagieren alle Seeanrainer hochnervös auf angebliche oder tatsächliche Gefahren durch Tanker. Nach Darstellung russischer Behörden geht es den Finnen allerdings gar nicht so sehr um die Verhinderung einer Ölpest durch einen vom Eis zerdrückten Tanker, sondern um einen Schachzug im Kampf um den gewinnträchtigen Transport des russischen Schwarzen Goldes.
Der Reihe nach: Am 2. Februar lief der Tanker „Stemnitsa“ aus dem finnischen Hafen Porkalla mit Ziel Primorsk aus. Das Schiff blieb jedoch im Eis stecken, dass dieses Jahr in der nördlichen Ostsee besonders dick ist. Mit Hilfe des russischen Eisbrechers „Kapitan Sorokin“ wurde der Tanker wieder flott gemacht und steuerte zum Aufnehmen von Rohöl den neuen russischen Exporthafen Primorsk bei Wyborg an.
Dieser Vorfall alarmierte die Finnen: Nach Darstellung des finnischen Verkehrsministeriums ist die Eisklasse der „Stemnitsa“ nach internationalen Standards nur für Eisdicken bis 10 Zentimeter ausreichend. Stellenweise bedeckt die Ostsee im finnischen Meerbusen aber ein bis zu 70 Zentimeter dicker Eispanzer. Das Schiff dürfe sich also unmöglich mit einer gewaltigen Ölladung auf den riskanten Weg durchs Eis machen. Auch die EU-Kommission teilte gestern öffentlich die finnischen Bedenken, gestand aber ein, dass sie keine Möglichkeit hat, den Transport zu verhindern.
Russische Experten hängen das Risiko niedriger: Wie die Zeitung „Wedomosti“ heute berichtet, wurde die „Stemnitsa“ von einem russischen Schiffsbau-Institut mit der Eisklasse D0 zertifiziert. „Das ist kein sehr hoher Eisschutz, aber er erlaubt dem Schiff, sich aus eigenem Antrieb ohne Eisbrecherbegleitung durch eine 35 Zentimeter dicke Eisschicht zu bewegen“, so eine Mitarbeiterin des Institutes.
Auch die griechische Reederei Minerva Marine Inc. betont, dass das Schiff für die aktuellen Bedingungen geeignet und zugelassen ist. Schliesslich hatte das russische Verkehrsministerium zugesichert, dass die „Stemnitsa“ von zwei Eisbrechern bis in offene Gewässer begleitet wird. Und anders als der Seelenverkäufer „Prestige“ handelt es sich bei der „Stemnitsa“ um ein im Jahre 2000 gebautes modernes Schiff mit Doppelrumpf.
Damit ist das Problem aber noch nicht aus der Welt: Denn am Rande des Eises wartete heute bereits der baugleiche Tanker „Nounou“ der gleichen Reederei auf die Eisbrecher-Eskorte, um seinerseits nach Primorsk einzufahren. Insgesamt haben das erst 2001 eröffnete Öltverladeterminal seit Jahresbeginn 15 Schiffe verlassen, ohne in Eisnot zu geraten.
In der Verwaltung des Leningrader Gebietes bezeichnet man den Streit um die „Stemnitsa“ als „erneuten Versuch der Finnen, ihre wirtschaftlichen Probleme mit Hilfe der Ökologie zu lösen“, so die Agentur Rosbalt. Die Ölhändler hätten sich bewusst für die Beladung des Schiffes in Primorsk und nicht an einem finnischen Terminal entschieden. Ähnlich sieht man dies in der Primorsker Hafenverwaltung: Finnland versuche, auf diese Weise den Einsatz von zwei Tankern einer heimischen Reederei mit sehr hohem Eisschutz – bis zu 1 Meter Eisdicke - zu propagieren. Doch deren Betriebskosten kämen die Kunden etwa 20 Prozent teurer.
Auch Umweltorganisationen zeigten ihre Besorgnis über die eisigen Tankerfahrten: Am Dienstag hatte Greenpeace vor der russischen Botschaft in Helsinki demonstriert. Der finnische Naturschutzverband forderte eine Vereinheitlichung der Eis-Klassifikation im Finnischen Meerbusen.
Russland fährt gegenwärtig seine Ölproduktion deutlich hoch und hat 2002 mit 8 Millionen Barrel am Tag die Förderleistung von Saudi-Arabien erreicht. Angesichts der hohen Weltmarktpreise versucht die russische Ölbranche, den Export zu steigern. Gleichzeitig soll das für 300 Millionen Dollar im Eilverfahren aus dem Boden gestampfte Ölterminal in Primorsk maximal ausgelastet werden. Motiv für seinen Bau war auch, dem lettischen Hafen Ventspils – bislang einziger Endpunkt russischer Pipelines an der Ostsee - das Öl und das devisenbringende Verlade-Geschäft abzugraben. Ventspils liegt allerdings auch einige hundert Kilometer weiter südlich – und hat deshalb jetzt keine Eisprobleme.
(ld/rUFO)
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Containerumschlag im Hafen von St. Petersburg: Auf diese Weise importiert Russland vor allem - exportiert werden vorrangig Rohstoffe wie Öl, Gas, Metall und Holz.(Topfoto:Deeg/.rufo)