Dienstag, 17.04.2012

Produktionseinstellung: Der Schiguli scheidet dahin

Kantig, klassisch und in der Auto-Hierarchie zuletzt ganz unten: der Lada 2107 (foto: ld)
Ischewsk. Das Ur-Modell des russischen Autobaus wird ausgemustert: Diese Woche wird die Produktion des klassischen „Schuhkarton“-Ladas eingestellt. Über 40 Jahre sind ja auch viel für ein Autoleben ...

Letztes Jahr verbannte der Autokonzern Avtovaz schon das Modell 2107 von seinen Fließbändern in Togliatti in das Autowerk Izhavto in Ischewsk. Doch auch in diesem neu von Lada erworbenen Zweigwerk war dem Klassiker des russischen Autobaus kein langes Leben mehr beschert: Wie ein Unternehmenssprecher mitteilte, soll die Produktion des Ur-Ladas in dieser Woche eingestellt werden.

Später Frühling dank Abwrackprämie

Der Grund ist banal: Die Nachfrage nach dem ebenso dünnhäutigen wie kantigen Primitiv-Auto hat in letzter Zeit stark nachgelassen. Dabei hatte das Großväterchen unter den russischen Autos 2010 noch an der Spitze der Verkaufsstatistik gestanden. Dies war allerdings ein Effekt des inzwischen ausgelaufenen russischen Abwrackprämien-Programms, das viele Besitzer von Altautos motivierte, ihr vertrautes Vehikel günstig gegen ein fabrikneues Exemplar einzutauschen.

Lada kommt mit einem würdigen Nachfolger: Schlicht, geräumig und vor allem billig


Zwar wurden von Januar bis März noch gut 35.000 Stück des Klassikers unters Volk gebracht, doch selbst der günstige Preis von 207.000 Rubel (5.300 Euro) für ein nicht gerade ganz kleines neues Auto ist mittlerweile kein gutes Verkaufsargument mehr:

Denn bei den Lada-Händlern steht inzwischen das neue Volksauto-Modell Granta, der in seiner spartanischen Basis-Version nur 15 Prozent mehr kostet – aber dennoch ein vergleichsweise komfortables, sicheres und sparsames Auto des 21. Jahrhunderts ist. Die Wartezeiten für den neuen Billigheimer der russischen Auto-Landschaft betragen dann auch mehrere Monate – sofern die Händler überhaupt Bestellungen annehmen.

Für die Granta-Produktion müssen jetzt auch in Ischewsk Produktionskapazitäten frei gemacht werden – weshalb das Alt-Modell ohne jede Sentimentalität zum Alteisen gegeben wird. Der einzige Trost für die Fans des Fahrzeugs im seit 30 Jahren unveränderten Schuhkarton-Designs: Das Kombi-Modell 2104, schon seit Jahren in Ischewsk zuhause, wird dieses Jahr wohl noch ein paar Monate länger vom Band rollen.

Das Vorbild kam von Fiat - anno 1966


Damit endet nach 41 Jahren die Erfolgsgeschichte des ersten russischen Massen-Automobils: In den 1960er Jahren hatte die Sowjetunion mit dem Fiat-Konzern einen ganz großen Deal eingefädelt - Fiat errichtete auf der grünen Wiese in Togliatti an der Wolga (die neue Autostadt wurde nach einem italienischen Kommunisten benannt) ein großes neues Autowerk.

Mitgeliefert wurde auch gleich noch die Lizenz für das Produkt: Ur-Vater des „Schiguli“ war der Fiat 124 – ein damals durchaus modernes und komfortables Mittelklasse-Auto (1966 wurde es zum „Auto des Jahres“ gewählt). Ab 1971 rollte das Modell VAZ-2101 vom Band. Bald folgte ein Kombi-Modell und die schicker wirkenden Modelle 2103 und 2106.

Anfang der 80er Jahre folgte nach einer grundlegenden Modernisierung die zweite Generation mit eckigen Scheinwerfern – der schlichte 2105 und der mit einem an die ZIL-Staatslimousinen erinnernden Kühlergrill versehene „luxuriöse“ 2107.

Einst Traumwagen im Ostblock


Doch was beispielsweise in der späten DDR noch die Obergrenze für halbwegs realistische Auto-Träume darstellte, ist inzwischen gnadenlos veraltet und jenseits aller Ansprüche an ein modernes Auto – obwohl auch der Shiguli auf seine alten Tage noch auf eine Einspritzung mit Kat umgerüstet wurde.

Auch wenn sie in den reichen rusisschen Metropolen langsam rar werden: Im allrussischen Straßenbild werden zig Millionen gebauten Ur-Ladas noch einige Jahre (oder Jahrzehnte?) präsent bleiben.