Dienstag, 16.12.2014

Rubel kaputt: Russische Währung im Ausverkauf

Der Rubel liegt am Boden. (Foto: Deeg/.rufo)
Moskau. An einem rabenschwarzen Montag verloren der Rubel und die russische Börse 8 bis 10 Prozent an Wert. Die Zentralbank veröffentlichte ein Rezessions-Szenario für die nächsten zwei Jahre - und erhöhte den Leitzins auf 17 Prozent.
„Alarmierend“, „Selbstmord der russischen Wirtschaft“, „zurück in die 1990er Jahre“ – die Begriffe, mit denen russische Wirtschaftskommentatoren am Montagabend die Ergebnisse des Tages verarbeiteten, waren alles andere als dezent.

Das Wichtigste in Kürze: Russlands ganzer Aktienmarkt ist inzwischen weniger wert als die Firma Microsoft. Die Zentralbank prognostiziert, sollte der Ölpreis weiterhin bei etwa 60 Dollar verharren, für 2015 eine Rezension von minus 4,5 bis 4,7 Prozent in Russland – und auch 2016 wird die Wirtschaft dann weiter schrumpfen. Der Rubel ist nur noch halb so viel wert wie vor einem Jahr – und damit nun genauso schwachbrüstig wie die ukrainische Hrywna. Der Euro kletterte über 80 Rubel.

Damit mussten sich auch die letzten Optimisten, die noch etwas Vertrauen in den seit zwei Monaten immer schneller abschmelzenden Rubel hatten, wohl eingestehen, dass sie sich verkalkuliert haben: Der Rubel kollabierte – und es war nicht mehr der Ölpreis, der die russische Währung in den Keller zog, sondern nackte Panik.

Treffpunkt 61: Dollar-Kurs ist höher als der Ölpreis


Bei einem Wert von etwa 61 hatten sich am Montag völlig unromantisch die beiden wichtigsten Leit-Indize für Russlands Wirtschaft gekreuzt: der Rubelkurs im Verhältnis zum Dollar – und der Preis für ein Barrel Rohöl in Dollar. Während der Ölpreis jedoch im Tagesverlauf nur gering sank, ging es mit dem Rubel weiter steil abwärts.

Das war untypisch, denn seit geraumer Zeit hatte sich der Verfall der russischen Währung mit einer einfachen Rechenübung aus dem Abrutschen des für Russland existenzwichtigen Ölpreises herleiten lassen – schließlich machen Öl und Gas knapp 70 Prozent der russischen Exporte aus: Seit geraumer Zeit ergab die Multiplikation von aktuellem Ölpreis mal aktuellem Rubelkurs immer einen stabilen Wert von etwa 3600.

Inflationsschub - auch durch neue Rubelflut


Oder vereinfacht gesagt: In Russland kostet bzw. bringt ein Barrel Öl immer 3600 Rubel – egal wie viel Devisen dafür anderswo gezahlt werden. Nun rutschte auch dieser Wert ab auf 3800, später sogar 4100 – was nur eines bedeuten kann: Die drohende Inflation hat auch Russlands letzten Stabilitätsanker erfasst.

Ein Auslöser für den Absturz war nach Ansicht vieler Experten eine vom halbstaatlichen Ölkonzern Rosneft Ende letzter Woche herausgegebene Anleihe über gewaltige 625 Mrd. Rubel, die umgehend von staatsnahen Banken aufgekauft wurde. Sie können dafür bei der Zentralbank neue Liquidität bekommen. Rosneft dementierte zwar, dass dieses Geld zum Dollar-Kauf in den Devisenmarkt gepumpt würde - doch der Markt war sich da nicht so sicher. Außerdem wurde die riesige Rosneft-Obligation als "Anwerfen der Notenpresse" interpretiert - sprich: die Zentralbank heizt die Inflation selber an.

Im Verlauf des Börsentages sank der Dollar-Kurs am Montag an der Moskauer Devisenbörse um 5,3 Rubel auf 62,85 Rubel, der Euro-Kurs schnatzte um 6,1 Rubel auf 77,68 Rubel hoch. Im außerbörslichen Handel am Abend, abgewickelt in London, setzte sich die panische Flucht von Anlegern wie Spekulanten aus dem Rubel noch fort: Gegen Mitternacht wurden dort 67 Rubel für einen Dollar und 83 Rubel für einen Euro geboten.

Nächtlicher Leitzins-Schock


In den frühen Morgenstunden kam dann die Meldung: Russlands Zentralbank zieht die Notbremse – auf relativ brutale Art: Der Leitzins wurde mit sofortiger Wirkung um gleich 6,5 Prozent auf 17 Prozent heraufgesetzt – „zum Ausgleich der in letzter Zeit deutlich gewachsenen Abwertungs- und Inflationsrisiken“.

Weitere Maßnahmen wurden zunächst nicht ergriffen. Schließlich schloss man in der russischen Wirtschaft nicht aus, dass auch der freie Devisenmarkt wieder eingeschränkt werden könnte – etwa in der Form eines Zwangsverkaufs eines Teils der Deviseneinnahmen russischer Exporteure gegen Rubel. Derartige Regeln gab es bis 2006.

Die Leitzinserhöhung gilt unter Experten als probates Mittel, den drastischen Kursverfall zu dämpfen. Aber gleichzeitig würgt sie die Konjunktur ab. Das von der Zentralbank gestern zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt veröffentlichte Krisen-Szenario für einen mittelfristigen Ölpreis auf dem Niveau von 60 Dollar dürfte derartige Maßnahmen noch gar nicht berücksichtigt haben. Minus 5 Prozent „Wirtschaftswachstum“ für 2015 könnten sich also noch als optimistische Prognose herausstellen.

Nur kurzfristige Kurserholung


Der Markt reagierte am Dienstagmorgen zunächst wie zu erwarten: Der Rubel gewann wieder an Boden und notierte wieder unter 60 Rubel zum Dollar. Doch dies war nur von kurzer Dauer: Im Laufe des Vormittags zogen die Devisenkurse wieder auf und davon – der Euro erreichte 80 Rubel, der Dollar 64 Rubel. Und Russlands Menetekel, der Preis für das Barrel Brent, tauchte in London erstmals seit Juli 2009 unter die 60-Dollar-Marke.

Entscheidend wird nun, ob und mit welchen weiteren Maßnahmen und politischen Schritten Russlands Zentralbank und Regierung den nächtlichen drastischen Einschnitt begleiten, um den Rubelkurs UND die Wirtschaft zu stützen. Bislang glänzt man nur mit verbalen Beruhigungspillen, es sei doch alles nicht so schlimm, nur vorübergehend und für den Alltag ohne Belang.

Passiert auch weiterhin nicht viel, dürften jene Banken das Richtige gemacht haben, von deren jüngsten Anschaffungen die „Iswestija“ heute berichtet: Sie haben neue fünfstellige Kurstafeln für ihre Wechselstuben gekauft – nun mit drei Stellen vor dem Komma für Euro und Dollar.