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Mittwoch, 22.05.2002

Russen zahlen 37 Mrd. Dollar Schmiergeld

Moskau. „Mit oder ohne Quittung?“ Bei Verkehrsdelikten taucht diese Frage am häufigsten auf, und die meisten Russen wissen genau, was sie bedeutet: Beim Verzicht auf die Quittung halbiert sich das Bußgeld, und alle Beteiligten profitieren davon. Der Verkehrsteilnehmer spart sich unnötige Ausgaben und aufwändige Formalitäten, für den Polizisten bedeutet das selbstständig erwirtschaftete Bußgeld eine oft fest einkalkulierte Aufbesserung des kärglichen Gehalts.

Dementsprechend verbreitet ist die Zahlung von sogenannten „wsjatki“ im russischen Alltagsleben. Das finanzielle Ausmaß der Schmiergeldzahlungen muss dennoch erstaunen: etwa 37 Milliarden Dollar im Jahr, das entspricht etwa der Hälfte des russischen Staatshaushalts, fließen in Russland unter der Hand. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des politologischen Instituts INDEM, die dessen Leiter Georgij Satarow am Dienstag in Moskau vorstellte. Satarow erklärt, die Studie basiere auf Interviews mit Geschäftsleuten, Privatpersonen und Beamten. Die genannten Zahlen seien vorsichtig formulierte „Mindestwerte“, die tatsächlichen Zahlen könnten im Einzelfall bis zu drei mal höher liegen.

Besonders hoch präsentiert sich das Ausmaß der inoffiziellen Zahlungen natürlich im Geschäftsleben: etwa 34 Milliarden Dollar entfallen auf diesen Bereich, und 82% aller russischen Geschäftsleute haben sich laut der Studie den geölten Gang ihrer Geschäfte schon einmal etwas kosten lassen.

Interessant die Zusammensetzung der restlichen knapp 3 Milliarden Dollar, die der Erleichterung des russischen Alltagslebens dienen. Ganz oben steht hier der medizinische Sektor: 600 Millionen Dollar fließen jährlich in die Hände von Ärzten und Klinikpersonal. Weitere 450 Millionen werden für Universitätszulassungen, Prüfungsergebnisse und Zeugnisse gezahlt. Mit 368 Millionen sichern sich die Russen die Gunst der Verkehrspolizei, während von den Gerichten immerhin noch 274 Millionen Dollar eingesteckt werden. Weitere Schmiergelder fließen bei der Erteilung von Baugenehmigungen, der Zusage von Sozialleistungen und im Umgang mit der Miliz.

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