Von Lothar Deeg (St. Petersburg) Ein großer Teil der russischen zivilen Luftflotte wird von den europäischen Flughäfen verbannt, wenn in der EU am 1. April wie geplant neue Lärmgrenzwerte in Kraft treten. Eine russische Delegation unter Führung von Verkehrsminister Sergej Frank versuchte ab heute in Brüssel in Gesprächen mit der europäischen Kommission, die für die russischen Airlines fatale Aussperrung noch einmal aufzuschieben oder abzumildern.
Nach Angaben des Verkehrsministeriums drohen die russischen Airlines 11000 Flüge oder 3 Millionen Passagiere jährlich verloren zu gehen, wenn die neuen Lärmbeschränkungen den Einflug von älterem russischen Fluggerät in die EU-Staaten verbieten. Dies entspricht 12 Prozent des gesamten Passagieraufkommens der russischen Zivilluftfahrt – und wäre für viele Fluglinien existenzgefährdend. Vor allem viele der preiswerten Charterflüge für russische Touristen zu Urlaubszielen in Westeuropa würden durch die neuen Vorschriften unmöglich gemacht.
Bei diesen handelt es sich eigentlich nur um Empfehlungen der Zivilluftfahrtorganisation ICAO, die jedoch von europäischen Parlament ab dem 1. April 2002 für verbindlich erklärt wurden. Während die im Durchschnitt deutlich moderneren westlichen Boeings und Airbusse keine großen Schwierigkeiten hat, die Lärmgrenzwerte zu erfüllen, würde fast die ganze russische Flotte ausgesperrt. Die am weitesten verbreiteten Flugzeugtypen Tu-134 und Tu-154 sind davon ebenso betroffen wie die große Il-86. Lediglich bestimmte Modifikationen der mit anderen Triebwerken ausgestatteten TU-154M sowie die nur in wenigen Exemplaren existierende Il-96 und die TU-204 sind leise genug.
„Für uns ist das keine Katastrophe. Aber wir würden natürlich gerne weiterhin unseren ganzen Flugzeugpark auf den Auslands-Routen einsetzen“, erklärte Anatoli Iwanow, der Chefpilot der Petersburger Fluggesellschaft Pulkovo, auf Anfrage von russland-aktuell.ru. Unter den 44 Maschinen von Pulkovo seien 14 Exemplare der Tu-154M, die dank zusätzlicher Lärmschutzverkleidungen an den Triebwerken die neuen EU-Normen erfüllen. Bitter sei für Pulkovo jedoch, dass die kleinere Tu-134 dann nicht mehr ins westliche Ausland fliegen kann. „Wenn man nur 60 Passagiere hat, schickt man ungern ein Flugzeug mit 160 Plätzen auf die Reise“, so Iwanow.
Viele andere Airlines verfügen jedoch nicht über Maschinen, die den neuen Normen entsprechen. Pulkovos TU-154M-Flotte wurde auch bereits mit Kollissions-Warngeräten und exakter arbeitenden Höhenmessern ausgerüstet, die seit kurzem ebenfalls bei Flügen in die EU vorgeschrieben sind. Wie NTW heute berichtete, kostet die entsprechende Umrüstung eines Flugzeugs 200.000 Dollar – eine Investition, die sich bei vielen vor der Ausmusterung stehenden älteren russischen Maschinen nicht mehr lohne und von kleineren Gesellschaften auch nicht zu leisten sei. Die Kaliningrader Fluggesellschaft verfüge deshalb gegenwärtig nur über ein auslandstaugliches Flugzeug, so NTW. Völlig neue Flugzeuge als Ersatz kann sich unter den gegenwärtigen Bedingungen auf dem russischen Luftfahrt- und Kapitalmarkt kaum eine Airline leisten. Selbst die relativ „wohlhabenden“ Petersburger haben zuletzt statt neuer Maschinen vier gebrauchte Tu-154M aus China angekauft.
Pulkovo-Chefpilot Iwanow ist allerdings zuversichtlich, dass sich Ausnahmeregelungen für die lauteren russischen Flugzeuge finden lassen, schon allein wegen interner Probleme der Europäer: Die Concorde werde ja wohl auch weiterhin fliegen dürfen – und der britisch-französische Donnervogel aus den 60er Jahren dürfte die neuen Grenzwerte wohl auch nicht erfüllen. Schliesslich handele es sich bei den Lärmnormen um Empfehlungen, die den technischen Fortschritt vorantreiben sollen und nicht um sicherheitsrelevante Regeln, deren Einführung von einen Tag auf den anderen notwendig sei.
Verkehrsminister Frank sprach vor seiner Abreise nach Brüssel davon, dass es „Wege und Mechanismen gibt, um eine harmonische Lösung des Problems zu finden“. Eine „mechanische Anwendung“ der ICAO-Konventionen schade nicht nur den russischen Interessen, sondern auch der europäischen Luftfahrt und vor allem dem Tourismusgewerbe.
Denkbar ist aber auch ein weniger einvernehmlicher Weg der Lösungssuche: Russland könnte als Reaktion auf eine faktische Ausperrung von Tupolew und Co. eigene Luftverkehrs-Regeln aufstellen, die westliche Airlines diskriminieren. Möglich wäre nach den Worten von Anatoli Iwanow etwa die Einführung von gewissen Mindestgeschwindigkeit in bestimmten Lufträumen für bestimmte Flugzeugklassen – bei Unterschreitung werden Strafen fällig. Das Hinterlistige dabei: Da die Tu-154, das Arbeitspferd der russischen Verkehrsflieger, etwas schneller ist als gleich große Boeings und Airbusse, kämen die Russen dabei ungeschoren davon.
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Containerumschlag im Hafen von St. Petersburg: Auf diese Weise importiert Russland vor allem - exportiert werden vorrangig Rohstoffe wie Öl, Gas, Metall und Holz.(Topfoto:Deeg/.rufo)