Donnerstag, 29.10.2009

Sonnenbatterien, Satelliteninternet, Atom-Raumschiff

Dieses neue russische Projekt eines reinen Personen-Raumschiffes kommt noch ohne Atomantrieb aus (Foto: TV/Archiv)
Moskau. Medwedews Innovations-Projekte sind beschlossen, ehrgeizig und hochfliegend: Sonnenbatterien und Satelliteninternet für alle, sogar G-3 für Moskau. Fraglich ist aber, ob ein neues, atomgetriebenes Super-Raumschiff die irdischen Probleme Russlands lösen kann.
Bereits vergleichbar banale Innovations-Projekte bleiben allerdings bisher im Alltagssumpf stecken - so wie beispielsweise mobiles G-3-Internet für Moskau. Was beinahe weltweit Standard ist, funktioniert rund um den Kreml nicht. In St.Petersburg und auch in vielen russischen Provinzstädten gibt es Handy-Provider, die schnelle G-3-Internet-Zugänge anbieten. In Moskau nicht.

"Das ist eine Schande, dass es bei uns in der Hauptstadt kein G3 gibt", schimpfte denn auch Dmitri Medwedew bei der gestrigen Sitzung der staatlichen "Kommission für Modernisierung und technologische Entwicklung Russlands". Er sei schlicht sprachlos.

G3 für Moskau wäre technisch einfach - wenn es keine Korruption gäbe


Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach, wie Insider erklären. Alle drei grossen russischen Mobil-Provider MTS, Megafon und Beeline seien bereits seit langem bereit, ein G3-Netz wie in St.Petersburg und anderswo jetzt in Moskau zu installieren. Es gibt nur keine freien Frequenzen.

D.h., eigentlich gibt es freie Frequenzen, aber sie sind von den Militärs und Bürokraten besetzt. Und die wissen, dass der Preis für die G3-Lizenz umso höher ist, je stärker der Bedarf ... Und während die drei Grossen Mobilprovider endlos verhandeln, zieht der neue G4-Anbieter Yota zügig an ihnen vorbei und besetzt schon mal den Markt.

Zehn Innovationsprojekte


Aber dergleichen Probleme waren gestern kein Diskussionsthema. Insgesamt zehn innovative Grossprojekte beschloß die Kommission zügig unter Vorsitz Dmitri Medwedew. Die Projekte seien voll durchkonzipiert, die Finanzierung bereitgestellt. Die Realisierung könne unverzüglich beginnen.

Sonnenbatterien von der Wolga


So soll in der Republik Tschuwaschien an der Wolga für 20 Milliarden Rubel (knapp 500 Mio Euro) eine Produktionsstätte einer neuen Generation von Sonnenbatterien aufgebaut werden. ROSNANO und RENOVA sollen dort eine Million Module pro Jahr produzieren, die jährlich eine elektrische Leistung von 120 Megawatt jährlich neu ans Netz bringen sollen.

Mit einer neuen Methode zur "spektralen Verdichtung von Langwellen-Kanälen" soll die Übertragungskpazität der Netze von Rostelekom bis zum Jahre 2015 verdreifacht werden. Pilotprojekte sollen schon im kommenden Jahr in Schukowski bei Moskau und in Pensa realisiert werden.

Breitband Internet per Sputnik für alle - aber teuer


Selbst die Moskauer mit ihren G3-Internetproblemen brauchen nur etwas Geduld und Geld, um ihre Probleme zu lösen. Spätestens 2012 bis 2013 sollen drei neue russische Kommunikationssatelliten in der Umlaufbahn sein, die für Russland einen direkten Breitband-Internetzugang gewährleisten. Zwei Millionen Abonnenten könnte das neue System, das nur 17 Mrd Rubel kostet, in nur vier Jahren gewinnen, hiess es bei der Kommissionssitzung.

Billig wird das Vergnügen allerdings für die Endverbraucher auch nicht: ein Monatsabo für das Internet per Sputnik werde 8.000 Rubel (185.- Euro) kosten, 1 MB Traffic sei für höchstens 50 Rubel (1,16 Euro) zu haben.

Mit Atomenergie zum Mars und Alpha Centauri


Das ehrgeizigste aller Projekte aber - ein neues atomares Triebwerk für Raumschiffe - dürfte zumindest international nicht auf ungeteilte Begeisterung stossen. Bis zum Jahre 2012 solle bereits ein Modell eines neuen Raumschiffes fertig sein, das seinesgleichen auf der Welt nicht hat.

Im Jahre 2015 solle das Atomtriebwerk fertig sein, das immerhin eine Leistung von einem Megawatt aufbringen solle, hiess es. Ab 2018 könne dann im Laufe von neun Jahren das neue Raumschiff gebaut werden.

Ganz futuristisch ist das Projekt allerdings nicht: in den 50iger und 60iger Jahren gab es im Westen bereits gigantomanische Projekte eines atomar getriebenen Raumschiffes von bis zu 4.000 Tonnen Fluggewicht - die dann aber als unrealisierbar eingestellt wurden.

Auch in der Sowjetunion wurde mit grossen und kleinen atomaren Antriebsaggregaten experimentiert.

Die Hauptfrage ist allerdings, ob atomare Raumschiffe die irdischen Problemen lösen, oder eher vermehren.