Freitag, 07.08.2009

Soziale Proteste der Autowerker bei Lada in Togliatti

Bild mit Symbolcharakter, dem Lada-Bauer AvtoVaz geht es derzeit nicht viel besser als diesem ausrangierten alten Lada (Foto: Ballin/.rufo)
Togliatti. Gut 2000 Menschen haben am Donnerstag vor den Werktoren des Lada-Produzenten AvtoVaz protestiert. Seit Anfang August sind sie im Zwangsurlaub. Sie fordern die Entlassung der Konzernführung und die Verstaatlichung.
Es ist ein ungewöhnlich kalter Morgen an der Wolga. Kalter Regen hat die monatelange Dürre im Gebiet Samara abgelöst, sogar Raureif ist am Morgen im Gras zu sehen. Es ist sicher nicht das beste Wetter, um auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren.

Dennoch versammeln sich rund 2.000 Menschen zu der Protestkundgebung. Aufgerufen dazu haben unabhängige Gewerkschafter. Die offizielle Gewerkschaft von AvtoVaz, der der Großteil der Arbeiter angehört, nimmt an dem Meeting nicht teil. Insofern ist die rege Beteiligung beachtlich.

Ab in den Urlaub – fast unbezahlt


Seit dem 3. August sind die Arbeiter im „Urlaub“. Für einen Monat wurden die Fließbänder bei AvtoVaz stillgelegt. Es ist bereits der zweite längere Produktionsstopp in diesem Jahr. AvtoVaz produziert größtenteils für die Halde. Schon über 85.000 Fahrzeuge stehen am Lager.

Zuletzt gingen die Verkaufszahlen zwar wieder leicht nach oben. Doch immer noch liegt der Absatz gerade einmal knapp über der Hälfte des Vorjahres. Ein gigantisches Minus von über 500 Millionen Euro hat der Konzern eingefahren. Die Staatshilfen versickern spurlos ohne sichtbare Wirkung beim Autogiganten. Der Analyst Anton Strutschinewski von Troika Dialog nennt die gesamte Branche daher gegenüber Russland-Aktuell auch „Schwarzes Loch“.

Wut auf die Konzernführung bei AvtoVaz


Dabei ist Troika Dialog einer der Aktionäre des Konzerns, etwas mehr als ein Viertel der AvtoVaz-Aktien gehören der Investment, daneben sind noch der französische Automobilkonzern Renault und die staatliche Technologie- und Rüstungsholding Rostechnologii mit je 25 Prozent involviert.

Doch mit der Arbeit des Managements sind die Arbeiter unzufrieden. Inkompetenz und Intransparenz in wirtschaftlichen und finanziellen Fragen werfen sie der Konzernführung vor. AvtoVaz-Chef Boris Aljoschin und Samaras Gouverneur, Wladimir Artjakow früher ebenfalls beim Ladabauer aktiv, sollen daher ihren Hut nehmen.

Verstaatlichung und Kontrolle durch die Arbeiter


Eine Verstaatlichung des Werks unter Kontrolle der Belegschaft, ist der Wunsch der Demonstranten. Das, so hoffen sie, gewährleistet dann wieder Vollbeschäftigung. Doch durchsetzen werden sich die Arbeiter mit ihrer Forderung nicht. Putin-Intimus und Rostechnologii-Generaldirektor Sergej Tschemesow nannte die Demonstration bereits eine „Provokation“.

Provokateure am Werk?


„Es gibt Leute, die unzufrieden damit sind, dass wir bei AvtoVaz eingestiegen sind. Sie wurden damals aussortiert und wollen zurück“, sagte Tschemesow. Namen nannte er nicht, doch seit dem Einstieg von Rostechnologii ist insbesondere der Zulieferer SOK in arge Bedrängnis geraten, weil AvtoVaz seine Rechnungen nicht bezahlt. Innovative Neuerungen hat Rostechnologii bei AvtoVaz hingegen bisher noch nicht eingeführt

Es scheint daher unwahrscheinlich, dass die Demonstranten von der Konkurrenz bezahlt wurden. Die eigenen Probleme sind es, die die Arbeiter auf die Straße treiben. Gerade einmal 6.000 Rubel (136 Euro) bekommen sie, während das Werk steht. Davon können sie kaum das Dach über dem Kopf bezahlen.

Entlassungen bei AvtoVaz drohen


Dass es nicht noch mehr Unzufriedene gibt, ist der Initiative des Gebiets Samara zu verdanken. 22.000 der 100.000 AvtoVaz-Urlauber werden im August mit öffentlichen Arbeiten beschäftigt und entlohnt.

Die ABM ist als Übergangslösung gedacht, ehe AvtoVaz im September die Produktion wieder aufnimmt. Doch schon jetzt ist klar, dass AvtoVaz deutlich kürzen muss. Gewerkschaften fürchten russlandweit einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um bis zu 400.00 Menschen im Herbst. Ein Großteil davon könnte aus der maroden Autoindustrie stammen.