Dienstag, 02.12.2008

Zangengeburt Rosavia: Russlands neue Groß-Airline

Die bankrotte Dalavia aus Chabarowsk ist eine der elf Airlines, die in Rosavia aufgehen sollen (Foto: Tupolev)
Moskau. Elf russische Fluggesellschaften sollen zu einer neuen Airline fusioniert werden. Die neue „Rosavia“ wäre größer als Aeroflot. Doch ist fraglich, welche russischen Fluglinien überhaupt über den Winter kommen.
Das von der russischen Regierung betriebene Fusions-Projekt für zahlreiche staatseigene und halbstaatliche Airlines ist aus der Not geboren. Wobei es zunächst nicht die Weltfinanzkrise war, die zum Handeln zwang, sondern die faktische Pleite der Airline-Allianz AiRUnion. Inzwischen hat sich das Vorhaben zu einer ersten kardinalen Umstrukturierung des in etwa 180 Airlines zersplitterten russischen Luftfahrt-Marktes ausgewachsen.

AirUnion: Pleite statt Höhenflug


Unter der Marke AiRUnion hatten die beiden Brüder Alexander und Boris Abramowitsch (nicht zu verwechseln mit dem Oligarchen Roman Abramowitsch) seit 2004 versucht, aus fünf regionalen Gesellschaften in Russland einen neue große Fluggesellschaft aufzubauen. Hauptpfeiler des Projektes waren die Krasnojarsker Krasair und DAL (Domodedovo Airlines) aus Moskau, bei denen der russische Staat 51 Prozent hält.

Die vom Staat als Großaktionär gebilligte Fusion sollte eigentlich Ende 2008 abgeschlossen werden. Daraus hervorgehen sollte mit einem Marktanteil von etwa zwölf Prozent der nach Aeroflot und Sibir/S7 drittgrößte Anbieter auf dem russischen Luftfahrtmarkt.

Noch vor der Finanzkrise kam die Kerosin-Krise


Im August waren jedoch wirtschaftliche Schwierigkeiten bei AiRUnion nicht mehr zu beschönigen: Wegen offener Treibstoffrechnungen wurde ihren Jets allerorten die Betankung verweigert – tausende russischer Urlaubsreisende saßen tagelang auf Flughäfen fest. AiRUnion machte für die Schieflage die zu diesem Zeitpunkt extremen Kerosin-Preise verantwortlich – zumal ein Großteil der Flotte aus alten russischen Maschinen mit hohem Spritverbrauch besteht.

Die Staats-Holding „Rostechnologii“, die für den Staat als Großaktionär bei AiRUnion einstiegen sollte, warf den Abramowitschs allerdings offen Missmanagement vor. Die Verbindlichkeiten von AiRUnion wurden mit 22 Mrd. Rubel (ca. 600 Mio. Euro) angegeben.

Russische Airlines , die in „Rosavia“ aufgehen sollen:
GTK Rossija (Hauptstandort St. Petersburg),
Krasair (Krasnojarsk),
Atlant-Sojus (Moskau-Wnukowo),
Orenavia (Orenburg),
DAL (Moskau-Domodedowo),
Vladavia (Wladiwostok),
Dalavia (Chabarowsk),
Kavminvodyavia (Mineralnyje Wody),
Samara (Samara),
Saratovskije Avialinii (Saratow),
Sachalinskie Aviatrassy (Jushno-Sachalinsk)

Von AirUnion über "Avialinii Rossii" zu "Rosavia"


Das Ende kam dann schnell: Krasair und Co. wurde von der Luftfahrtbehörde Ende Oktober die Lizenz entzogen. Und Verkehrsminister Igor Lewitin präsentierte einen Rettungsplan, der aus den Trümmern der einen Allianz eine noch größere schaffen soll: die „Avialinii Rossii“ - so lautete zumindest der Arbeitstitel. Der Staat will darin nicht nur seine AiRUnion-Reste, sondern gleich eine ganze Reihe ebenfalls staatseigener regionaler Fluggesellschaften (s. Tabelle) zusammenführen.

Der Markenname der neuen Airline wird aber wohl anders lauten. Laut dem an dem Projekt maßgeblich beteiligten Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow hat man sich schon auf „Rosavia“ verständigt.

Präzedenzfall: Aus Pulkovo Airlines wurde Rossija


Begrenzt als Vorbild des Zusammenschlusses kann die Fluggesellschaft „GTK Rossija“ dienen, in der 2006 der gleichnamige Moskauer Staats-Carrier mit der Petersburger „Pulkovo“ fusioniert wurde. Nun soll GTK Rossija, momentan auf dem russischen Airline-Markt die Nummer 4, nach seiner noch ausstehenden Umwandlung in eine AG ebenfalls in den Avialinii aufgehen.

Formell sind die „Avialinii Rossii“ ein Zusammenschluss zweier fast gleichberechtigter Partner: Es ist vorgesehen, dass Rostechnologii, also der russische Staat, 50 Prozent plus eine Aktie und die Stadt Moskau 50 Prozent minus eine Aktie einbringt.

Wird Hauptdrehkreuz von Rosavia: Der Moskauer Flughafen Wnukowo (Foto: Vnukovo)

Stadt Moskau als zweiter Partner


Als Hardware hat die reiche Hauptstadt dabei zwar nur einen 51-Prozent-Anteil an der auch im Frachtgeschäft tätigen Airline „Atlant-Sojus“ zu bieten. Faktisch übernimmt Moskau aber das Management: Zum Generaldirektor der Fluggesellschaft i.G. wurde im November Vitali Wanzew bestimmt, seines Zeichens Vorstands-Chef des stadteigenen Flughafens Wnukowo und Vize-Chef bei Atlant-Sojus.

Vier Hubs zwischen Ostsee und Fernost


Moskaus drittgrößter Airport soll auch Hauptdrehkreuz der neuen Fluggesellschaft werden. Daneben wird auch St. Petersburg, Krasnojarsk und Chabarowsk die Rolle regionaler Hubs zugesprochen – denn die dortigen Gouverneure kämpfen schon jetzt verbissen um den Erhalt ihrer heimischen Standorte.

Das Ziel ist ambitionär: 2012 soll die Allianz 20 Mio. Passagiere befördern, erklärte Rostechnologii-Chef Sergej Tschemessow. Zum Vergleich: Russlands Branchen-Primus „Aeroflot“ kam 2007 auf 10,2 Mio. Fluggäste, die elf Staats-Airlines zusammen auf 10,4 Mio.

Nur ein Fünftel der Flugzeuge ist zeitgemäß


Allerdings ist die Flotte alles andere als modern: „Von den 250 Flugzeugen aller elf Unternehmen zusammen sind nur 47 importierte und 10 russische wirklich für den Einsatz geeignet“, gesteht auch Wanzew. Rosavia müsste also erst einmal im großen Stil neue Maschinen anschaffen.

Fragt sich allerdings, mit welchem Geld: Keine russische Airline steht momentan solide da – und die Bankenkrise macht alles noch schlimmer. „Dalavia“ aus dem fernöstlichen Chabarowsk musste schon Konkurs anmelden.

Die Krise beutelt die ganze Branche


Der privaten Konkurrenz geht es kaum besser: Die schnell gewachsene KD Avia aus Kaliningrad steht nach einem „technischen Default“ bereits mit einem Bein im Grab, die kleine Interavia ist pleite. Und "Sibir/S7" muss sich wohl vom Erzrivalen Aeroflot schlucken lassen, um über die Runden zu kommen.

Der Kreml muss erst zwischenfinanzieren - und dann kräftig investieren


Nun soll der Staat als Finanzfeuerwehr im Rahmen eines Hilfsprogramms für die Luftfahrt-Branche einspringen: Wie auch Aeroflot hat Wanzew für die „Avialinii“ 5 Mrd. Rubel (ca. 144 Mio. Euro) als Überbrückungskredit beantragt. Zusätzliche 2 Mrd. Rubel kostete im September die vorrangig von Atlant-Sojus und dem Airport Wnukowo übernommene „Evakuierung“ der hängengebliebenen Air-Union-Passagiere.

Auch die vergleichsweise kräftige „GTK Rossija“ sucht händeringend nach einen Kredit über 1,8 Mrd. Rubel (51 Mio. Euro), um überfällige Spritrechnungen bezahlen zu können. Ihr Petersburger Betankungsunternehmen „Soweks“ hat bereits einen Vollstreckungsantrag gestellt und damit gedroht, für „Rossija“ auf dem Flughafen Pulkovo die Betankung einzustellen.

Die Altschulden kommen noch hinzu


Und dann gibt es auch noch die gewaltigen Altschulden von Krasair und Co. zu bewältigen. Allein im Falle der DAL aus Domodedovo liegen bereits Klagen von Gläubigern über 1,57 Mrd. Rubel (ca. 45 Mio. Euro) vor. Wenn die mächtigen Avialinii-Paten, neben Verkehrsminister Lewitin auch Vizepremier Sergej Iwanow und Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow, nicht noch einige Male tief in die Taschen ihrer Budgets greifen, wird wohl nichts aus den Plänen.

Noch keine Business-Strategie außer "Wir brauchen Geld und Ruhe"


Laut Wanzew wird seine „Aeroflot-Alternative“ etwa in einem Jahr startbereit sein. Momentan beschränken sich die realen Arbeiten auf eine Koordinierung der Flugpläne der Partner und den Abschluss von Code-Sharing-Abkommen. Die über 10.000 Kilometer verstreuten Standorte will man später in drei Regional-Filialen namens West, Zentrum und Ost aufteilen.

Über Strategien und Geschäftsmodelle schweigt man sich noch aus. Eine derart problematische Schwangerschaft braucht wohl auch Ruhe – um keine Totgeburt zu produzieren.