Samstag, 06.10.2012

Kunst&Albers-Saga neu aufgelegt – in Wladiwostok

Das neue Buch über die Firma Kunst und Albers gibt es doppelt: in einer russischen und einer englischen Ausgabe (Foto: primorye24.ru)
Wladiwostok. Lothar Deegs Buch über das fernöstliche Kaufhaus-Imperium Kunst & Albers erscheint neu: In Wladiwostok wurde eine neue russische und eine englische Ausgabe präsentiert. Eine deutsche Version kommt im November.
Während der Deutschen Kulturtage in Wladiwostok – gleichzeitig das 20. Gründungsjubiläum der dortigen lutherischen Kirchengemeinde um Propst Manfred Brockmann – fand dieser Tage die Präsentation der neuen Ausgabe der Kaufmanns-Saga statt.

Der Autor, Russland-Aktuell-Redakteur Lothar Deeg stellte dabei in Wladiwostok eine neue russische Ausgabe und eine erstmals erschienene englische Übersetzung der Firmengeschichte vor. Beide Bücher sind vom Verlag der Fernöstlichen Staatsuniversität (FEFU) anlässlich des Gipfels der Pazifik-Staaten (APEC) herausgegeben worden.

Kunst & Albers: Wegbereiter in Wladiwostok


Schließlich beweist gerade die Erfolgsstory von Kunst & Albers eindrucksvoll, dass der lange Zeit für Ausländer nicht zugängliche russische Pazifikhafen vor der Machtergreifung der Kommunisten ein international geprägter Ort war, an dem die Wirtschaft goldenen Boden hatte.

ZUm APEC-Gipfel im September 2012 herausgeputzt: Das Kaufhaus GUM im alten Hauptgebäude von Kunst & Albers (Foto: ld/.rufo)
Deeg schreibt dazu in seinem Vorwort: „Vor der sowjetischen Isolations-Epoche war Wladiwostok eine gleichermaßen russisch, europäisch und asiatisch geprägte Stadt mit entsprechenden globalen Beziehungen. Eine Stadt, in der russisches Militär in einträchtiger Symbiose mit ausländischem "Business" zusammenlebte. Die Präsenz deutscher und amerikanischer Kaufleute, dänischer Telegrafisten, französischer Gastronomen und Schweizer Landwirte gehörte damals zum Wladiwostoker Alltag – genauso wie die vielen chinesischen und koreanischen Händler, Bauern und Arbeiter.“

Erstausgaben schon lange vergriffen


Das Buch über die abenteuerliche Erfolgsgeschichte der beiden Hamburger Kaufleute Gustav Kunst und Gustav Albers sowie ihres Thüringer Kompagnons Adolph Dattan war zunächst 1996 in Deutschland beim Klartext Verlag erschienen. 2002 wurde in Wladiwostok dank Brockmanns Unterstützung (er war damals auch deutscher Honorarkonsul) eine russische Übersetzung des Buches veröffentlicht.
Beide Versionen sind schon seit langem vergriffen, doch nun haben zunächst einmal die Interessenten am Schauplatz des Geschehens wieder die Möglichkeit, die Geschichte vom traumhaften Aufstieg ab 1864 und dem traumatischen Überlebenskampf der Firma ab 1914 als neu aufgelegtes Buch zu lesen.

Neue Versionen mit viel zusätzlichem Material


Gegenüber den ersten beiden Buchausgaben sind die russische und englische Version um zahlreiche zusätzliche Materialien ergänzt worden. Zum einen ist der Bildteil mit weit über 100 historischen Abbildungen weitaus umfangreicher als zuvor. Zum anderen finden sich im Anhang des Buches neue Erkenntnisse und zusätzliche Informationen über einige Haupt- und Nebenpersonen der Geschichte.

„2005 haben sich bei mir in Moskau lebende Nachkommen von Gustav Kunst gemeldet – dabei stand in der Firmenchronik klipp und klar, dass er kinderlos geblieben sei. Wie sich herausstellte, hatte er aber doch einen Sohn – und zwar zusammen mit einer koreanischen Lebensgefährtin in Wladiwostok. Dieser Iwan Kunst wie auch sein Sohn Nikolai heirateten wieder ethnische Koreanerinnen – so dass es bis heute in Russland und Kasachstan eine koreanische Familie namens Kunst gibt“, erzählte Deeg den Zuhörern bei der Präsentation in der Wladiwostoker Pauluskirche.

Adolph Dattan: Ein Kaufmann als Wissenschafts-Mäzen


Darüber hinaus beinhaltet das neue Buch einen Aufsatz von Dietrich Bernecker mit umfangreichen neuen Erkenntnissen über das Leben und Wirken von Adolph Dattan – auch jenem außerhalb der Firma Kunst & Albers.

Wie Dattans Enkel herausfand, hat sein Großvater nämlich auch umfänglich die Wissenschaft gefördert - und dies nicht nur in Wladiwostok, wo er zu den Gründervätern und Hauptsponsoren des „Orientalischen Institutes“ gehörte. Dies war die erste Hochschule der Stadt, auf die auch die heutige FEFU zurückgeht, die neue Top-Universität, auf deren nagelneuen Campus der APEC-Gipfel stattfand.

Denn auch in Ethnographie- und Naturkunde-Museen in zahlreichen europäischen Städten befinden sich teils umfangreiche Sammlungen mit Exponaten aus Ostsibirien, die Dattan seinerzeit diesen Museen gestiftet hat – in der Hoffnung, dafür hochrangige Orden der entsprechenden Länder zu bekommen.

Spionagevorwürfe gegen Dattan - was ist dran?


Schließlich hat sich Bernecker auch gründlich mit dem existenzgefährdenden Vorwurf auseinandergesetzt, der 1914 gegen den erst kurz zuvor in den erblichen russischen Adel erhobenen Dattan aufkam: Er soll ein deutscher Spion gewesen sein – wofür ihn die russischen Behörden während des Ersten Weltkriegs ins Innere Sibiriens verbannten. Berneckers Fazit: Beweise dafür gibt es nicht – aber viele Argumente, warum Dattan kein Interesse an einem solchen doppelten Spiel gehabt haben kann.

Das Cover der neuen deutschen Ausgabe (Abb.: Klartext Verlag)

Deutsche Ausgabe folgt in Kürze


In faktisch identischem Umfang wie die Wladiwostoker Ausgaben erscheint das überarbeitete und ergänzte Buch im November auch auf Deutsch: Erneut ist es der Essener Klartext Verlag, der die Geschichte der deutschen Handels-Pioniere in Russisch-Fernost auflegt.

Unter dem Titel „Kunst & Albers. Die Kaufhauskönige von Wladiwostok. Aufstieg und Untergang eines deutschen Handelshauses jenseits von Sibirien“ wird das Buch voraussichtlich ab Mitte November zum Preis von 19,95 Euro im Buchhandel erhältlich sein.

Bestellen kann man es übrigens schon jetzt im Online-Shop des Verlags.

Und voraussichtlich im Januar 2013 ist Adolph Dattan dann die historische Hauptfigur in einer Terra-X-Sendung des ZDF unter dem Titel "Abenteuer Sibirien"!