Auf phantastischen Schwingen der Wirklichkeit entfliehen
Von Stephanie Prochnow, Moskau. Ihr Stil wurde in deutschen Zeitungen als “phantastische Erzählkunst” gefeiert. “Die Zeit” bezeichnete sie als “erfolgreichste russische Autorin ihrer Generation”. Tatjana Tolstaja, das “jüngste” Mitglied der berühmten Schriftstellerfamilie Tolstoi, öffnet in ihren Büchern das Tor zu einer unbekannten Welt. Sie erhebt skurrile Außenseiter zu ihren Helden und lässt die Normalität ins Absurde abdriften.
“Ich habe viele Erzählungen geschrieben. Dann dachte ich mir, es ist Zeit etwas Neues auszuprobieren – andere Genres.”
In den Büchern der Tolstaja wird nur oberflächlich eine Geschichte erzählt. Sie dringen tiefer, in die Gefühlswelt ihrer Hauptpersonen. Der Leser trifft oft auf „schwache” Personen, die am Leben scheitern, aber trotzdem oder gerade deshalb starke Persönlichkeiten darstellen. Diese Menschen, die durch die Raster der – in ihrer täglichen Normalität erstarrten – Gesellschaft gefallen sind, beschreibt die Autorin in ihrer warmherzigen, stimmungsvollen Art.
Obwohl sie die Großnichte von Leo Tolstoi ist, war der 51jährigen Petersburgerin die Schriftstellerei nicht in die Wiege gelegt. Tatjana Tolstaja begann erst spät zu schreiben. Zuerst studierte sie Altphilologie in Leningrad und arbeitete kurze Zeit als Lektorin. 1988 erschien ihr erster Sammelband mit Erzählungen, der sie in Russland schlagartig berühmt machte. In den 90er Jahren arbeitete die begnadete Erzählerin in der kalten Jahreszeit als Professorin in New York, um sich im Frühling in Moskau der Schriftstellerei widmen zu können.
In den letzten Jahren wand sich Tatjana Tolstaja dem Roman als neuem Genre zu. Viele ihrer Bücher wurden unter anderem ins Englische, Französische, Italienische, Schwedische, Holländische und Finische übersetzt. Im Deutschen erschienen bisher die Erzählbände “Stelldichein mit einem Vogel”, Sonja (beide bei Luchterhand) und “Es fiel ein Feuer vom Himmel” (Rowohlt Berlin Verlag).
Auf der Leipziger Buchmesse präsentiert Tatjana Tolstaja ihren in Russland preisgekrönten ersten Roman “Kys” (“Miez”).
Treffpunkt: Donnerstag, 20. März, 10.30 – 11.30, Auzüge aus dem Roman “Kys” im Cafe Europa Halle 3, Stand K503 / M502
und 16.30 – 18.00, “Neue Frauenprosa aus Russland – Lesungen und Diskussion” im Café Europa;
Freitag 21. März, 19.30 – 20.30 im Café Küf, Gottschedstr. 4
Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)