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Der zerstörte Metro-Waggon (Foto: www.newsru.com)
Der zerstörte Metro-Waggon (Foto: www.newsru.com)

Wieder Terror in der Metro

Von Karsten Packeiser und Lothar Deeg, Moskau. „Ihr werdet ein grosses Fest bekommen“, sagte ein etwa dreissigjähriger Mann mit kaukasischem Akzent am Freitagmorgen einer U-Bahnangestellten und verschwand im Gewühl des Moskauer Berufsverkehrs. Kurz darauf wurde die russische Hauptstadt erneut Schauplatz eines blutigen Terroranschlags. Mindestens 39 Menschen starben und über 120 wurden verletzt, als ein Sprengsatz in einem überfüllten U-Bahn-Waggon explodierte. Für die russische Führung steht fest, dass auch die Spur des jüngsten Terroranschlags nach Tschetschenien führt.

Für den Moskauer Metro-Fahrer Wladimir Gorelow sollte es ein normaler Arbeitstag werden - wie auch für die etwa 1.000 Menschen, die er an diesem Morgen in seinem aus acht Waggons bestehenden Zug auf der Linie Nr. 2 der Moskauer Metro in Richtung Stadtzentrum beförderte. Doch um 8.32 Uhr, der Zug befand sich gerade zwischen den Stationen Awtosawodskaja und Pawelezkaja im Moskauer Südosten, zerriss ein lauter Knall die Alltagsroutine: Wie der Metro-Fahrer später stockend und schwer schluckend vor Fernsehreportern berichtete, zersprang in diesem Moment die rechte Frontscheibe der Fahrerkabine. Er unternahm eine Notbremsung, informierte über Funk die Leitstelle - und hörte von hinten Schreie aus dem Zug.

Nachdem die Metro-Zentrale die Hochspannung führenden Leitungen im Tunnel abgeschaltet hatte, öffnete Gorelow die Türen des Zuges und wies die Leute über Lautsprecher an, zurück zur letzten Station zu gehen. "Die Leute verhielten sich sehr gut", so der Fahrer. Unter den Fahrgästen befanden sich mehrere Ärzte und Mitarbeiter der russischen Zivilschutzbehörde, die bereits vor dem Eintreffen der Retter erste Hilfe leisteten.

Der Sprengsatz war im zweiten Wagen des Zuges auf dem Boden nahe einer Tür explodiert. Da die Menschen um diese Zeit in der U-Bahn dicht gedrängt stehen, wurden viele Opfer in Stücke gerissen. Zugleich schützte der dichte Wall aus Leibern die weiter entfernten Mitfahrenden. Viele von ihnen erlitten aber Wunden durch Glassplitter und Reizungen der Atemwege.

Seit dem Nachmittag fahnden Polizei und Geheimdienst FSB fieberhaft nach dem verdächtigen Kaukasier. Sein Phantombild wird in allen Nachrichtensendungen eingeblendet. Die Ermittler vermuten, bei ihm könnte es sich um den Komplizen einer Selbstmordattentäterin gehandelt haben, die die Bombe im Metrotunnel zündete. Eine Überwachungskamera der U-Bahn hatte den Mann kurz vor dem Anschlag auf dem Bahnsteig der Station „Awtosawodskaja“ mit zwei Koffern in Begleitung einer Frau gefilmt.

Den Verletzungen und Spuren in dem teilweise ausgebrannten Waggon nach zu urteilen, war die Bombe aber nicht wie bei früheren Selbstmordanschlägen kaukasischer Terroristen mit Schrauben und Metallkugeln gespickt. Die Moskauer Polizei hält es deshalb auch für möglich, dass einem in krimineller Mission reisendem Sprengstoff-Kurier unbeabsichtigt die geheime Fracht explodierte.

Kreml-Chef Wladimir Putin erklärte, er sei sich sicher, dass der tschetschenische Rebellen-Präsident Aslan Maschadow in den Anschlag verwickelt sei. Gespräche mit den Anführern der tschetschenischen Kampfgruppen seien ausgeschlossen. „Russland verhandelt nicht mit Terroristen, es vernichtet sie“, sagte Putin. Der in den Untergrund geflüchtete Maschadow wies über Mittelsmänner jede Verbindung zu dem Anschlag zurück. Erst gestern hatte eine Gruppe von Europa-Parlamentariern sich dafür ausgesprochen, Russland solle einen Maschadow-Friedensplan akzeptieren und die Macht in Tschetschenien an eine UNO-Verwaltung zu übergeben.

Vier Jahre nach der Machtübernahme von Wladimir Putin und dem Beginn des zweiten Tschetschenien-Krieges gibt es in der Kaukasus-Republik zwar kaum noch offene Gefechte zwischen russischen Truppen und den Rebellen. Doch je schlechter die militärische Situation der tschetschenischen Kampfgruppen wird, umso häufiger wird die russische Hauptstadt selbst Ziel von Terroranschlägen. Ein Rezept, mit dem Terror in der eigenen Hauptstadt fertig zu werden, hat der Kreml trotz allgegenwärtiger Polizeipräsenz auf den Moskauer Strassen nicht.

Der gemässigt nationalistische Duma-Abgeordnete Dmitri Rogosin forderte nur Stunden nach dem Anschlag, in Russland den Ausnahmezustand zu verhängen, die am 14. März geplanten Präsidentschaftswahlen abzusagen und das seit Mitte der 1990-er Jahre gültige Moratorium zur Verhängung der Todesstrafe aufzuheben. „Es gibt keinen Grund für die Russische Föderation, für besonders schwere Verbrechen nicht die Todesstrafe zu verhängen“, erklärte der Politiker.

Vor vier Jahren sprengten Terroristen in Moskau zwei Wohnblöcke mit knapp zweihundert schlafenden Menschen in die Luft. Zwar wurden die meisten mutmasslichen Beteiligten des Terrorkomplotts offiziellen Angaben zufolge später bei Gefechten in Tschetschenien getötet und zwei Täter erst unlängst zu lebenslanger Haft verurteilt. Aber die viele Fragen nach den Hintermännern bleiben noch offen. Gegner der russischen Führung vermuten bis heute, der Geheimdienst FSB könnte selbst hinter den Anschlägen gestanden haben, um die Bevölkerung für den neuen Tschetschenien-Krieg zu mobilisieren. Mehrere spätere Anschläge in der Moskauer Metro konnten bislang nicht aufgeklärt werden.

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