Von Oldag Caspar, Almaty. Und plötzlich war es spät geworden. Zu spät. Eine kleine teure Dummheit, dass wir nicht früher aus dem Haus gegangen waren, in dem wir in Moskau untergekommen waren. Jetzt blieben noch 15 Minuten bis zur Abfahrt des Zuges nach Almaty und zwischen dem Kasaner Bahnhof und mir lagen noch zu viele Minuten Fahrt mit der Moskauer Ring-Metro.
In der Metro spielten wir die B-Pläne durch. Mit dem Flugzeug morgen in aller Frühe nach Saratow, dort den Zug einholen. Besser mit dem Taxi hinterher. Der nächste Haltebahnhof hieß Rjasan und lag nur 198 Kilometer entfernt nach Südosten. Der Zug brauchte dafür knapp drei Stunden – das sollte einholbar sein. Und der nächste Express nach Almaty fuhr erst in vier Tagen. Dafür waren sämtliche Billets wahrscheinlich längst verkauft; mein russisch-weißrussisches Transitvisum war obendrein auch nicht ewig haltbar.
Als wir schließlich mit 50-Kilo-Gepäck den Bahnsteig stürmten, durften wir wenigstens noch die Rücklichter des Zuges sehen. Nun wurde es noch etwas schneller. Im Laufschritt brachte uns ein hilfsbereiter Reisender zu einer Bahnangestellten und die zu den Taxifahrern. Die Taxifahrer blieben ruhig. Für unter 150 Dollar führen sie keinem Zug hinterher. Ich sah wohl doch zu verzweifelt aus. Wir einigten uns bei 130 Euro; dann kam Leben in die Bude. Ein jüngerer sprang los zu seinem Auto. Ich dachte noch so was dummes wie „Jeder Euro für ein gutes Taxi ist jetzt ein gut angelegter Euro.“ Dann sahen wir das Auto. Verdammt. Es war ein Wolga. Das autogewordene Symbol sowjetischer Gemütlichkeit. Dieser hier hatte auch schon mal neuer ausgesehen. Und vollständiger. Keine Stoßstange, die Karosserie ein Sammelsurium vermutlich noch älterer Wolgas, das Nummernschild hing am Bindfaden.
Dann starteten wir. Mein Fahrer hieß John, war im früheren Leben Boxer und klebte nun hinter dem Steuerrad, als könne er seinen alten Wolga durch Anschieben beschleunigen. Doch wenn der Wolga erst rollt, dann rollt er. Unserer jedenfalls jagte jetzt mit 100 Stundenkilometern durch die abendliche Hauptstadt. Jede Kurve auf der Gegenfahrbahn schneidend, Fußgänger vom Asphalt hupend. John presste die Lippen aufeinander. „Jetzt siehst Du, wie wir unser Geld verdienen.“
Ich sah vor allem rot. Am Ende waren es 17 rote Ampeln, die John taktisch ignorierte. So langsam hatte ich Spaß. Johns taktisches Ampelkalkül war völlig richtig. Doch das sollte ich erst merken, als wir auf der Ringautobahn die Höchstgeschwindigkeit erreichten. 110 km/h. Bergab.
Würden wir es schaffen? John schwieg. Dafür wechselte er die Kassette. Russischer Schlager war für diese Tour nicht mehr ganz das richtige. Er kramte was härteres raus: Boney M. Und so fuhren wir – alles was die schäppernden Boxen hergaben – auf der Schnellstraße M5 durch die russische Nacht. „Ro-ro-Rasputin, Russia´s greatest love machine…” Links überholte uns ein Audi nach dem anderen, rechts stand ein mitleidiger Mond über dem Horizont.
Irgendwann wurde John dann zu Schenja und etwas gesprächiger. Er war Mitte 30, hatte zwei Töchter, machte den Job seit fünf Jahren. Ein bisschen stolz war er schon, dass er gerade einem Deutschen eine kleine Lektion in russischer Fahrweise gab. Mich beunruhigte jetzt die Tankanzeige. Die Nadel klebte lässig am unteren roten Rand. Schenja bemerkte es: „Die ist kaputt.“ Aber wie, verdammt, merkte er dann... Ich schwieg besser.
Nach einer kurzen Ewigkeit und einem Fünf-Minuten-Stopp an einer Tankstelle standen wir dann irgendwann in Rjasan auf dem Bahnsteig. Schenja und ich klopften uns auf die Schulter. Do swidanija. Zehn Minuten später kam der Zug. Pünktlich auf die Minute. Genauso, wie er in Moskau abgefahren war.
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare