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Donnerstag, 24.10.2002

Das Geiseldrama, erste Nacht, erster Akt

Von Gisbert Mrozek, Moskau. Zu Beginn des zweiten Musical-Aktes stand plötzlich eine schwarzmaskierte Frau mit MP auf der Bühne und erklärte die 711 Zuschauer zu Geiseln. Jemand schoss in die Luft. Sie riefen, sie seien Tschetschenen und wollten mit ihrer Aktion ein Ende des Krieges erzwingen. Unter den entsetzten Zuschauern waren vermutlich auch mindestens drei Deutsche und drei Briten. Eine deutsche Schülerin konnte per Mobiltelefon ihren Eltern noch mitteilen, das mit ihr alles in Ordnung sei. Erster Akt eines Geiseldramas, das lange zu dauern droht.

Stunden später sassen hunderte von Zuschauern immer noch auf ihren Plätzen. Die Musiker hatten den Orchestergraben räumen müssen. Aber der Saal applaudierte, als schwangere Frauen und Kinder freigelassen wurden. Auf der Musical-Bühne und drumherum zwei oder drei Dutzend Männer in Tarnanzügen. 14 Frauen mit verhüllten Gesichtern hat da jemand gezählt - tschetschenische Witwen, MP-bewaffnet und mit Sprengsätzen behängt. Wer kaukasischer Abstammung sei oder einen ausländischen Pass vorweisen könne, dürfe gehen, sagten sie.

In Moskau wurden noch in der Nacht alle wichtigen Gebäude unter verschärfte Bewachung genommen. In der Stadt wurden Polizeisperren errichtet. Im Kreml tagte unter Vorsitz Wladimir Putins ein Krisenstab in Permanenz, daran beteiligt auch Innenmnister Gryslow, FSB-Chef Patruschew, Regierungschef Kassjanow und Kreml-Kanzleichef Woloschin. Putin sagte seinen Besuch in Berlin ab.

Gegen Mitternacht begannen auch Verhandlungen mit den Geiselnehmern. Im Fernsehen baten Geiseln per Mobiltelefon mit Tränen in der Stimme, keine gewaltsame Befreiung zu versuchen. Tschetschenische Geschäftsleute und Politiker aus Moskau boten sich als Ersatzgeiseln an. Der tschetschenische Abgeordnete und Milizgeneral a.D. Aslanbek Aslachanow wagte sich in das Gebäude.

Kurz zuvor hatte der Moskauer Polizeichef Wladimir Pronin erklärt, es seien insgesamt etwa 300 Geiseln freigekommen. Die Zahl der Geiselnehmer wird mit zwischen 15 und 50 angegeben. Sie hätten sich den Zuschauern gegenüber korrekt verhalten, berichten Freigelassene. Den Kindern wurde zu Trinken gegeben. Zum frühen Morgen hin waren 21 von ihnen frei.


Gegen 3 Uhr Ortszeit wurden die Verhandlungen wieder unterbrochen, nachdem die Geiselnehmer angeboten hatten, weitere 50 Menschen freizulassen, wenn im Gegenzug der moskautreue tschetschenische Verwaltungschef Achmed Kadyrow zu ihnen kommen würde. Kadyrow, der schon acht Attentate von Kampfgruppen überlebt hat, lehnte das ab. Aber das Lagezentrum erklärte auch, dass es keinen Sturmangriff geben solle.

Zwei Schützenpanzerwagen wurden wieder zurückgezogen. Zur gleichen Zeit drängten allerdings Milizionäre bei eiskaltem Nieselregen auch Schaulustige und Journalisten immer weiter aus der Schusslinie und vom Ort des Geschehens ab.

Das Fabrikgelände in der Ul.Melnitsowa war sehr schnell von Miliz abgeriegelt worden. Die Antiterrogruppe Alfa des Inlandsgeheimdienstes FSB traf nach Augenzeugenberichten auch bereits etwa eine Stunde nach Beginn des Geiseldramas vor Ort ein, hielt sich aber weitgehend zurück.

Nachbarn und Augenzeugen berichten allerdings immer wieder per Telefon, dass hin und wieder Schüsse zu hören. Pläne für eine weiträumige Evakuierung der anliegenden Wohngebiete wurden aber von den Behörden in der Nacht noch zurückgestellt.

Offensichtlich setzten die Behörden und Sicherheitskräfte darauf, ruhig und besonnen vorzugehen, um ein Blutbad zu verhindern. Putins PR-Berater Sergei Jastrschembski versprach Besonnenheit. Für die nach und nach freigelassenen Geiseln wurde ein psychologisches Betreuungszentrum eingerichtet. Es gehe jetzt vor allem darum, das Leben der Geiseln zu retten, sagte der ehemalige russische Innenminister Kulikow im Fernsehen.

Unter den Musical-Besuchern waren wahrscheinlich auch mindestens drei Deutsche und drei Briten.


Der russische Bankier und Finanzmanager Andrei Netschajew, der auch mit deutschen Unternehmen eng zusammenarbeitet, berichtet am Abend, seine Frau und sein Kind befänden sich noch im Saal.

Auch der Regisseur und Autor des Musicals, Georgij Wassiljew, einige Journalisten und Moskauer Prominenz hatten das Musical besucht. Dem Liedermacher und zweiten Musicalregisseur Alexej Iwaschenko gelang zusammen mit fünf Schauspielern die Flucht. Iwaschenko sprang aus einem Fenster und brach sich dabei ein Bein.

Vor dem Musical-Saal, einem recht ansehnlich umgebauten ehemaligen Kugellager-Fabrikgebäude, waren recht schnell auch Moskauer Spitzenpolitiker eingetroffen, darunter auch der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow und Polizeichef Waldimir Pronin. Auch zahlreiche Duma-Abgeordnete fanden sich ein.

Hatten die Geiselnehmer zunächst gar keine Forderungen genannt, hiess es wenig später laut russischen Fernsehberichten, dass auf der Internetseite der Tschetschenischen Separatisten (www.kavkaz.org) ein Feldkommandeur namens Mowsar Barajew erklärt habe, dass die Geiselnahme von ihm organisiert worden sei, um ein Ende des Krieges in Tschetschenien zu erzwingen.

Es soll sich um einen Verwandten des berüchtigten Kommandeurs Arbi Barajew handeln, der vor etwa einem Jahr getötet wurde. Barajew hatte sich durch Geschäfte mit brutalen Geiselnahmen einen Namen gemacht. Er liess unter anderem 4 gefangenen britischen und australischen Ingenieuren die Köpfe abschlagen . Arbi Barajew gab sich als moslemischer Fundamentalist aus. Die zitierte Internetseite war aber kurz nach Beginn der Geiselnahme nicht mehr zugänglich.


Es besteht aber dennoch fast kein Zweifel mehr daran, dass es sich um eine Aktion tschetschenischer Kampfgruppen handelt. Augenzeugen erzählen, die Bewaffneten hätten sich von Anfang an selbst als Tschetschenen vorgestellt. Sie hatten ihre Aktion offensichtlich als Show auf "Öffentlichkeitswirkung" angelegt. Die Eingeschlossenen konnten - mit Zustimmung der Geiselnehmer - fortlaufend per Mobiltelefon nach drausssen berichten.

Es scheint, als handelten sie nach demselben Drehbuch, wie die Feldkommandeure Schamil Bassajew und Salman Radujew bei den blutigen Massengeiselnahmen von Budjonnowsk 1995 und Kisljar/Perwomaiskoe 1996.

Schon 1995 hatte Bassajew nach eigenem Bekunden eigentlich nicht vorgehabt, das Krankenhaus von Budjonnowsk zu überfallen, sondern hatte nach Moskau fahren wollen. Ihm sei aber unterwegs das Geld zur Bestechung der Milizposten ausgegangen, sagte er.
Bei Russland-Aktuell
• Fotospecial von der Geiselnahme


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