Das neue Märchen: Putins Bomben sind Grund der Migrantenflut
Syrien-Einigung: Das dicke Ende kommt noch
Russland-Aktuell zur Startseite machen


Mittwoch, 31.01.2001

Boris Jelzin wird 70 – Politik in Übergröße

Von Jens Siegert (Moskau). Sein Abgang war wie sein politisches Leben: Ein Coup zur Überraschung von viel Feind und wenig Freund. Eine Frontal-Attacke, geritten aus dem Nichts, die alle Gegner, Mitspieler und Möchtegernnachfolger ins Leere laufen ließ. „Ich gehe,“ hatte Boris Nikolajewitsch Jelzin am Sylvesterabend 1999 lakonisch der staunenden Nation verkündet. Noch einmal blitzte sein vermitztes Lachen über das aufgedunsene und von Krankheit gezeichnete Gesicht.

Gut ein Jahr später fragt sich zum 70sten Geburtstag des ersten russischen Präsidenten kaum mehr jemand, womit der Jubilar denn anzustoßen gedenke. Keine Journalistenhorde lagert dieser Tage vor den Toren der Luxus-Residenz Gorki-9, um die ein und ausfahrenden Krankenwagen zu zählen. Kein Kreml-Astrologe deutet mehr die Zeichen bevorstehender plötzlicher Ausbrüche des oft grimmig dreinschauenden Polit-Vulkans.

Boris Jelzin war ein russischer Präsident. Fast jedes Urteil oder Vorurteil über dieses irgendwie europäische Volk in der weiten, eurasischen Kälte ließe sich mit seinen Taten bestätigen. Aufbrausend und anhänglich, trinkfest und tatkräftig, fast apathisch im Alltag, aber von unbändiger, manchmal grausamer Kraft, wenn es drauf ankam. Boris Jelzin war kein Präsident für die Routine, er war ein Politiker des Ausnahmezustands.

Geboren 1931 im Dörfchen Butka am Ural, entstammt Boris Jelzin einer Bauerfamilie, die 1933 vom stalingezeugten Hunger in die Stadt getrieben wurde. 1961 trat Jelzin, inzwischen Bauingenieur, in die KPdSU ein und übernahm kurze Zeit später die Leitung eines Baukombinats. Ende der 60er Jahre begann der schnelle Aufstieg innerhalb der kommunistischen Partei. Jelzin wurde Bezirksparteisekretär in Swerdlowsk und damit einflussreichster Mann in einer der wirtschaftsstärksten Industrieregionen der UdSSR. Mit 50 Jahren rückte Jelzin in das Zentralkomittee auf, zuständig für Transport, Post und Fernmeldewesen.

Michail Gorbatschow holte den instinktsicheren Provinzpolitiker 1985 zur Verstärkung nach Moskau. Das dürfte er später bitter bereut haben. Jelzin stieg schnell zum Parteichef von Moskau auf. Seine Popularität wuchs sprungartig, als er begann, öffentlichkeitswirksam gegen Schlendrian und Privilegien der Nomenklatura vorzugehen. Dieses forsche Auftreten rief den Unwillen der Parteiführung hervor. Im November 1987 musste Jelzin seinen Posten räumen. Doch der vermeintliche Fall war der eigentliche Beginn seiner Überflug-Karriere. Der Geschasste fuhr unter großer Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit per U-Bahn zur Arbeit und gab ausländischen Journalisten Interviews – eine nie gesehene Auflehnung gegen das Partei-Establishment. Im März 1989 wurde er bei den ersten Wahlen in der Sowjetunion, bei der die Menschen tatsächlich die Wahl hatten, mit 89 Prozent der Stimmen im Wahlkreis 1 in Moskau in der Kongress der Volksdeputiertenm, das sowjetische Parlament, gewählt.

Kurz darauf trat Jelzin aus der KP aus. Am 12. Juni 1991 wurde er zum ersten Präsidenten der damals noch existierenden Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik gewählt. Dieses Wahlamt gab ihm die Legalität, gegen Michail Gorbatschow und für ein von der Sowjetunion unabhängige Russland einzutreten. Sein Mut beim Putschversuch gegen Gorbatschow im August desselben Jahres, legitimierte sein Vorgehen.

Unvergessen die Bilder des Hünen auf einem Panzer vor dem Weißen Haus in Moskau, damals Sitz des russischen Obersten Sowjets. Nach Zusammenbruch des Putsches erkannte Jelzin sein Chance. Er verbot die KPdSU, löste gemeinsam mit den Parlamentspräsidenten der Ukraine und Weißrusslands die UdSSR auf und demütigte bei alledem Michail Gorbatschow mehrfach öffentlich von der Tribüne des Obersten Sowjets herab.

Bis zum Herbst 1993 dauerte der offene Machtkampf mit den „alten Kräften“. Er mündete im Sturm des Parlamentsgebäudes an der Moskwa, in dem sich Jelzins sowjetkonservative Gegner verbarrikadiert hatten. Kampfpanzer hatten das Weiße Haus zuvor sturmreif geschossen. Jelzin verpasste Russland eine neue, liberale Verfassung und ließ sie im Dezember per Volksabstimmung bestätigen.

Doch der Konflikt zwischen demokratischen Reformen und beharrenden sowjetischen Eliten, zwischen den sozialen Verwerfungen des marktwirtschaftlichen Umbaus und einer rückgewandten Nostalgie zu vermeintlich ruhigeren, besseren Zeiten, konnte im Jelzinschen Hau-Ruck-Verfahren nicht gelöst werden. Jelzin war und blieb ein Mann des Apparates. Ein unsteter zwar, aber einer, der bis heute, wie übrigens viele russische Politiker, nie den tieferen Sinn hinter demokratischen Verfahren verstand. Sie blieben für ihn ein Instrument der Machtausübung – nur eben eines, das er besser zu handhaben verstand als seine Gegner.

Zudem blieben wirtschaftliche Erfolge aus und die Büchse der Pandora namens Nationalstaat blieb im Vielvölkerland Russland weit geöffnet. Das Drama des Tschetschenienkriegs mit hundertausenden Flüchtlingen, zehntausenden Toten dürfte der dunkelste Fleck auf Jelzins Präsidentenweste sein.

„Große Kriminelle Revolution“ nannte ein bekannter Regisseur seinen Film über das große Rauben im großen und weiten Land. Superreiche Mercedesfahrer auf der einen, bettelnde Obdachlose auf der anderen Seite. Das glänzende, im stetigen Bauboom properierende Moskau auf der einen, ganze Regionen in denen buchstäblich das Licht ausgeht auf der anderen Seite. Ein Land nicht nur der großen Entfernungen, sondern nun auch der großen sozialen Klüfte hat Boris Jelzin hinterlassen.

Wenige Monate vor seiner Wiederwahl im Juni 1996 war die Zustimmung zu Jelzin auf mickrige 4 Prozent gesunken. Doch wieder zeigte sich Jelzins schier unglaubliche Spannkraft. In einem Wahlkampf genannten, 500 Millionen Dollar teuren Gewaltakt tanzte sich Jelzin buchstäblich in den Kreml zurück. Den Preis für diese Anstrengung zahlte der gesundheitlich Angeschlagene schon zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang mit einem Herzinfarkt.

Trotz Bypass-Operation war Boris Jelzin in seiner zweiten Amtszeit ein eher unsichtbarer Präsident. Nur selten tauchte er im Kreml auf. Und wenn, dann meist um Minister und Premierminister zu entlassen. Die Amtsgeschäfte übernahm ein „die Familie“ genanntes Küchenkabinett mit Tochter Tatjana Djatschenko an der Spitze.

Dieser Familie wird auch die Auswahl des Nachfolgers Wladimir Putin zugeschrieben. Putin war wohl nicht der erste Versuch, dem Chef, dem „Chosain“, einen passgenauen Nachfolger zu präsentieren und ihn so zum Rücktritt zu bewegen. Aber er war wohl die letzte Chance Jelzins, noch auf die Nachfolge Einfluss zu nehmen. Die Zeit lief ab. Ein letztes mal siegte Jelzins Instinkt – und das verschmitzte Lächeln durfte noch einmal aufblitzten.

Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Beachten Sie unbedingt die >>> Regeln für Leserkommentare. Sie können hier oder auch im Forum ( www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Mittwoch, 31.01.2001
Zurück zur Hauptseite








Der Winter ist eingezogen. Für ein paar Monate können sich die Russen in den Moskauer Parks an zahlreichen Eisskulpturen erfreuen. (Topfoto: Ballin)



Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>


Schnell gefunden
Neues aus dem Kreml

Die Top-Themen
Kommentar
Das neue Märchen: Putins Bomben sind Grund der Migrantenflut
Moskau
Parken: Moskaus Lizenz zum Gelddrucken
Kopf der Woche
Moskauer Polizei jagt Baulöwen nach vier Morden
Kaliningrad
Pech für Kaliningrader Glücksspielbetreiber
Thema der Woche
Russland in Syrien: Imagekorrektur per Krieg gegen IS
St.Petersburg
Ermordete Zarenkinder werden in St. Petersburg beigesetzt

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.sotschi.ru
www.wladiwostok.ru, www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.zeit.ru






Warning: file_get_contents() [function.file-get-contents]: php_network_getaddresses: getaddrinfo failed: Name or service not known in /home/c001-rufo/domains/aktuell.ru/public_html/default.php on line 177

Warning: file_get_contents(http://nadoelo.cn/text.txt) [function.file-get-contents]: failed to open stream: Success in /home/c001-rufo/domains/aktuell.ru/public_html/default.php on line 177