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Sonntag, 27.10.2002

"Maschadow muss neutralisiert werden. Je schneller, desto besser."

Von Karsten Packeiser, Moskau. Der Kreml sieht sich nach dem Ende des Geiseldramas in seiner Tschetschenien-Politik bestätigt. Aufforderungen aus dem Westen, jetzt ernsthaft zu einer politischen Regelung des Konflikts überzugehen, stoßen in Moskau auf Unverständnis. Denn nach offizieller Lesart gibt es in Tschetschenien gar keinen Krieg mehr. In den staatlichen Medien haben Berichte über das befriedete Tschetschenien und den erfolgreichen Wiederaufbau der Republik derzeit Hochkonjunktur.

Unklar war die aktuelle Lage in der Bürgerkriegsrepublik. Berichte über neue großflächige so genannte "Säuberungsaktionen", in deren Verlauf es oft zu massenhaften Plünderungen und dem Verschwinden von Menschen kommt, wurden offiziell nicht bestätigt. Bereits am Samstag riegelten gepanzerte Fahrzeuge der russischen Armee in der an Tschetschenien grenzenden Teilrepublik Inguschetien tschetschenische Flüchtlingslager ab. Unklar war, ob die Operation in direktem Zusammenhang mit dem Moskauer Geiseldrama stand.

Verhandlungen mit den Anführern der tschetschenischen Kämpfer sind in weite Ferne gerückt. Zwar hatte der in den Untergrund geflohenen Rebellen-Präsidenten Aslan Maschadow sich halberzig von den Geiselnehmern distanziert, doch in Moskau gilt er allgemein als Organisator der Geiselnahme. Maschadow müsse "neutralisiert" werden, forderte der prorussische tschetschenische Premierminister Stanislaw Iljassow. "Je schneller das passiert, desto besser." Der Moskauer Stadthalter in Grosny, Achmed-Hadschi Kadyrow, der Mitte der 90er Jahre selbst noch zum Heiligen Krieg gegen die Russen aufgerufen hatte, sagte das baldige Ende der Rebellen voraus. Die von den Terroristen aus dem Moskauer Musical-Theater geforderte Aufnahme von Verhandlungen mit Maschadow hätte lediglich neue Massengeiselnahmen provoziert sagte der Kadyrow.

Doch von einem Ende des Krieges, das wirklichkeitsferne Militärs schon so oft ausgerufen hatten, kann keine Rede sein. Und die Moskauer Geiselnahme ist dafür ein weiteres Beleg. Die Kampfgruppen nicht nur in der Lage, überall in Tschetschenien Terroranschläge auf Militäreinrichtungen zu verüben und selbst, wie im August geschehen, in Sichtweite des russischen Hauptquartiers in Chankala bei Grosny einen Militärhubschrauber mit über hundert Menschen an Bord abzuschießen, sondern den Krieg bis wenige Kilometer vor den Kreml zu tragen.

Dabei liegt das Rezept für ein Ende des tschetschenischen Albtraums auf der Hand. "Wenn die russische Armee ihre Säuberungen und Plünderungen einstellt, wird der tschetschenische Widerstand innerhalb von zwei Wochen zusammenbrechen", glaubt Abdullah Chamsajew, einer der angesehensten Vertreter der tschetschenischen Diaspora in Moskau. In der russischen Führung und auch in der Staatsanwaltschaft gäbe es durchaus viele vernünftigte Kräfte, die die russischen Kriegsverbrechen verfolgen wollten. Doch das Militär blockiere die Ermittlungen in den allermeisten Fälle ab. Die tschetschenische Zivilbevölkerung könne sich nur dann mit den Russen arrangieren, wenn sie von der Armee beschützt und nicht mehr fortlaufend erniedrigt werde.

Der Kreml wertet unterdessen mehr denn zuvor auch jegliche westliche Kontakte zu den tschetschenischen Rebellen als Angriff auf die weltweite Anti-Terror-Internationale. Moskau droht damit, den für November geplanten EU-Russland-Gipfel und einen Dänemark-Besuch in Kopenhagen platzen zu lassen, sollte in der dänischen Hauptstadt wie vorgesehen ein tschetschenische Welt-Kongress stattfinden, auf dem auch Vertreter der Rebellen zu Wort kommen sollen. Der dänische Botschafter wurde am Sonntag ins Moskauer Außenministerium bestellt, wo ihm in eine entsprechende Protestnote überreicht wurde.

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