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Dienstag, 29.10.2002

Keine Geiselbefreiung, sondern Terroristenvernichtung

Von Gisbert Mrozek, Moskau. „Das war keine Geiselbefreiungsaktion, sondern eine Aktion zur Vernichtung der Terroristen“, so urteilt die Journalistin Anna Politkowskaja, die noch bis in die Samstagnacht als Unterhändlerin zwischen Musical-Halle und Lagezentrum pendelte. Geheimdienst-Offiziere widersprechen dem in Interviews, in denen sie erstmals aus ihrer Sicht über das Ende des Geiseldramas berichten, das der Anfang des Gasdramas wurde. Ohne Gaseinsatz wäre es nicht möglich gewesen, über 600 Geiseln zu retten. Aus Zeugenaussagen fügt sich langsam ein erschütterndes Mosaik zusammen, obwohl noch viele entscheidende Details und Abläufe unklar bleiben.

Etwa eine Stunde vor dem Beginn des Sturmangriffs der Antiterrorgruppen sagte eine der Tschetscheninen zu den Geiseln im Saal: „Jetzt wird es Zeit zu beten. Es wird bald etwas geschehen.“ Es klingt, als hätte tatsächlich ein Polizeioffizier die Tschetschenen per Handy laufend mit Informationen aus dem Lagezentrum versorgt, wie Geheimdienstler mit Bitterkeit vermelden.

Etwa eine halbe Stunde nach der Vorwarnung drang aus den Lüftungsschlitzen Gas in den Saal. Aber die Geiseln konnten sich noch gegenseitig wecken. Und sie hatten Zeit, sich nasse Tücher vor die Nase zu halten, wie die Ärzte unter ihnen geraten hatten, bevor sie bewusstlos wurden. „Ich wurde nach 15 bis 30 Sekunden ohnmächtig“, berichtet die Programmiererin Olga Chuchrina in der Iswestia. In dieser Zeit hätten die Tschetscheninen die Sprengsätze mehrfach zünden können, taten es aber nicht.

„Die waren wohl doch keine Kamikadse“, sagt Olga. Dennoch klingt ganz und gar unglaubwürdig, dass die Tschetschenen noch am Freitagabend dem Kreml angeboten haben sollen, alle Geiseln am Morgen freizulassen. Hätten sie dies, wie es auch logisch gewesen wäre, den Geiseln selbst gesagt, gäbe es jetzt Zeugen für ihr Alibi. Tatsächlich aber hatten sie angekündigt, alle zu erschiessen.

Kurz danach fiel – nach unseren Informationen – am späten Freitagabend im Kreml die Entscheidung zur Befreiungsaktion. Aber es scheint, als hätten die Tschetschenen, die mit dem Tod der Geiseln drohten, doch nur den eigenen gemeint. Jedenfalls gibt es keine Berichte darüber, dass irgendeiner der Geiselnehmer versucht hätte, das verminte Gebäude in die Luft zu jagen.

Auch nicht in der Viertelstunde, die der Kampf zwischen den Alfa-Männern und den Tschetschenen dauerte. Denn während Gas in den Saal strömte und alle dort betäubte, drangen gleichzeitig Alfa-Kämpfer in Gasmasken über den benachbarten Schwulen-Klub „Zentralstation“ und durch Kanalisation und Keller ins Theater ein. Sie erschossen die Posten der Geiselnehmer mit geräuschlosen MPs, bis sie doch entdeckt wurden.

Einer der Alfa-Männer, der am Montag zu Bericht und Belobigung zu Präsident Putin in den Kreml geladen wurde, berichtete danach, er sei plötzlich mit einem Tschetschenen zusammengestossen, der aber nur noch dazu kam, mit „zitternden Händen“ eine MP-Salve abzufeuern, die über die Köpfe der Alfa-Leute hinwegfuhr. Auch der Kampf mit den dadurch erst aufmerksam gewordenen Tschetschenen dauerte nicht lange. Sie wurden durch Blend-Schock-Granaten ausser Gefecht gesetzt und dann erschossen.

Zwei der Tschetscheninen sprengten sich selbst, aber ausserhalb des Saales. Demnach gab es auch hier nicht die unbedingte Entschlossenheit, die Geiseln zu töten. Demnach waren die Tschetschenen nur Kamikadse-Kämpfer in dem Sinne, wie sie es selbst gesagt hatten: „Wir sind gekommen, um zu sterben“.

Vielleicht liegt das aber auch daran, dass sie alle auf den Befehl ihres Anführerers Mowsar Barajew zur finalen Sprengung warteten - Barajew sich aber in einem kleinen Raum befand, der wahrscheinlich besonders stark vergast wurde. Er konnte also wohl kaum den Befehl geben, vermuten jedenfalls Moskauer Zeitungen.

Barajew soll lebend gefangen genommen worden sein. Er wurde verhört und erschossen, als nichts mehr aus ihm herauszuholen war. Irgendjemand drückte dem Toten eine Edel-Cognak-Flasche in die Hand, bevor die Fernsehteams kamen.

Es dauerte allerdings eine Stunde lang, bis die 200 Mann der Sonderkommandos Alfa, Wimpel und Witjas das Theatergebäude durchkämmt hatten. In dieser Stunde konnte den fast 800 Geiseln im vergasten Saal nicht geholfen werden. Als die Rettungstrupps kamen, schafften sie als erste die Bewusstlosen an die frische Luft, die bei Schlägen auf die Wangen überhaupt noch reagierten, die anderen blieben vorerst liegen.

Am schlimmsten war das für die, die in dem stickigen, stinkenden Saal vor den Lüftungsschlitzen gesessen hatten. Als am Sonntag der 49-jährige amerikanische Elektriker Sandy Alan Booker aus Oklahoma City von US-Botschaftsmitarbeitern im Leichenhaus gefunden wurde, wurde festgestellt, dass seine Lungen völlig verätzt waren.

Bis Montagabend gab es immer noch keine offzielle Antwort auf die Frage, was für ein Gas eingesetzt wurde. Stattdessen gab es den Versuch der Behörden, zu vertuschen, wieviele Geiseln ums Leben kamen.

Und wie es so oft im Russland der Jelzin Zeit war, stellt sich jetzt wieder die Frage, ob das schiere Chaos in der Informationspolitik des Kreml nun bodenlose Inkompetenz oder grenzenlose Raffinesse ist. Oder wem Putin versprochen hat, den Namen des Gases nicht zu nennen. Klar ist nur, dass diese "Informationspolitik" a la Tschernobyl, Kursk und Tschetschenien den relativen Erfolg der Geiselbefreiung schnell in eine Niederlage verwandeln kann.



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