Von Gisbert Mrozek, Moskau. Zu Beginn des zweiten Musical-Aktes stand
plötzlich eine schwarzmaskierte Frau mit MP auf der Bühne und erklärte
die 711 Zuschauer zu Geiseln. Jemand schoss in die Luft. Sie riefen,
sie seien Tschetschenen und wollten mit ihrer Aktion ein Ende des
Krieges erzwingen. Unter den entsetzten Zuschauern waren vermutlich
auch mindestens drei Deutsche und drei Briten. Eine deutsche Schülerin konnte per Mobiltelefon ihren Eltern noch mitteilen, das mit ihr alles in Ordnung sei. Erster Akt eines Geiseldramas, das lange zu dauern droht.
Stunden später sassen hunderte von Zuschauern immer noch auf ihren
Plätzen. Die Musiker hatten den Orchestergraben räumen müssen. Aber
der Saal applaudierte, als schwangere Frauen und Kinder freigelassen
wurden. Auf der Musical-Bühne und drumherum zwei oder drei Dutzend
Männer in Tarnanzügen. 14 Frauen mit verhüllten Gesichtern hat da
jemand gezählt - tschetschenische Witwen, MP-bewaffnet und mit
Sprengsätzen behängt. Wer kaukasischer Abstammung sei oder einen
ausländischen Pass vorweisen könne, dürfe gehen, sagten sie.
In Moskau wurden noch in der Nacht alle wichtigen Gebäude unter
verschärfte Bewachung genommen. In der Stadt wurden Polizeisperren
errichtet. Im Kreml tagte unter Vorsitz Wladimir Putins ein Krisenstab
in Permanenz, daran beteiligt auch Innenmnister Gryslow, FSB-Chef
Patruschew, Regierungschef Kassjanow und Kreml-Kanzleichef Woloschin.
Putin sagte seinen Besuch in Berlin ab.
Gegen Mitternacht begannen auch Verhandlungen mit den Geiselnehmern.
Im Fernsehen baten Geiseln per Mobiltelefon mit Tränen in der Stimme,
keine gewaltsame Befreiung zu versuchen. Tschetschenische
Geschäftsleute und Politiker aus Moskau boten sich als Ersatzgeiseln
an. Der tschetschenische Abgeordnete und Milizgeneral a.D. Aslanbek Aslachanow wagte sich in das Gebäude.
Kurz zuvor hatte der Moskauer Polizeichef Wladimir Pronin erklärt, es
seien insgesamt etwa 300 Geiseln freigekommen. Die Zahl der
Geiselnehmer wird mit zwischen 15 und 50 angegeben. Sie hätten sich
den Zuschauern gegenüber korrekt verhalten, berichten Freigelassene.
Den Kindern wurde zu Trinken gegeben. Zum frühen Morgen hin waren 21
von ihnen frei.
Gegen 3 Uhr Ortszeit wurden die Verhandlungen wieder unterbrochen,
nachdem die Geiselnehmer angeboten hatten, weitere 50 Menschen
freizulassen, wenn im Gegenzug der moskautreue tschetschenische
Verwaltungschef Achmed Kadyrow zu ihnen kommen würde. Kadyrow, der
schon acht Attentate von Kampfgruppen überlebt hat, lehnte das ab.
Aber das Lagezentrum erklärte auch, dass es keinen Sturmangriff geben
solle.
Zwei Schützenpanzerwagen wurden wieder zurückgezogen. Zur gleichen
Zeit drängten allerdings Milizionäre bei eiskaltem Nieselregen auch
Schaulustige und Journalisten immer weiter aus der Schusslinie und vom
Ort des Geschehens ab.
Das Fabrikgelände in der Ul.Melnitsowa war sehr schnell von Miliz
abgeriegelt worden. Die Antiterrogruppe Alfa des Inlandsgeheimdienstes
FSB traf nach Augenzeugenberichten auch bereits etwa eine Stunde nach
Beginn des Geiseldramas vor Ort ein, hielt sich aber weitgehend
zurück.
Nachbarn und Augenzeugen berichten allerdings immer wieder per
Telefon, dass hin und wieder Schüsse zu hören. Pläne für eine
weiträumige Evakuierung der anliegenden Wohngebiete wurden aber von
den Behörden in der Nacht noch zurückgestellt.
Offensichtlich setzten die Behörden und Sicherheitskräfte darauf,
ruhig und besonnen vorzugehen, um ein Blutbad zu verhindern. Putins
PR-Berater Sergei Jastrschembski versprach Besonnenheit. Für die nach
und nach freigelassenen Geiseln wurde ein psychologisches
Betreuungszentrum eingerichtet. Es gehe jetzt vor allem darum, das
Leben der Geiseln zu retten, sagte der ehemalige russische
Innenminister Kulikow im Fernsehen.
Unter den Musical-Besuchern waren wahrscheinlich auch mindestens drei
Deutsche und drei Briten.
Der russische Bankier und Finanzmanager Andrei Netschajew, der auch
mit deutschen Unternehmen eng zusammenarbeitet, berichtet am Abend,
seine Frau und sein Kind befänden sich noch im Saal.
Auch der Regisseur und Autor des Musicals, Georgij Wassiljew, einige
Journalisten und Moskauer Prominenz hatten das Musical besucht. Dem
Liedermacher und zweiten Musicalregisseur Alexej Iwaschenko gelang
zusammen mit fünf Schauspielern die Flucht. Iwaschenko sprang aus
einem Fenster und brach sich dabei ein Bein.
Vor dem Musical-Saal, einem recht ansehnlich umgebauten ehemaligen
Kugellager-Fabrikgebäude, waren recht schnell auch Moskauer
Spitzenpolitiker eingetroffen, darunter auch der Moskauer
Bürgermeister Jurij Luschkow und Polizeichef Waldimir Pronin. Auch
zahlreiche Duma-Abgeordnete fanden sich ein.
Hatten die Geiselnehmer zunächst gar keine Forderungen genannt, hiess
es wenig später laut russischen Fernsehberichten, dass auf der
Internetseite der Tschetschenischen Separatisten (www.kavkaz.org) ein
Feldkommandeur namens Mowsar Barajew erklärt habe, dass die
Geiselnahme von ihm organisiert worden sei, um ein Ende des Krieges in
Tschetschenien zu erzwingen.
Es soll sich um einen Verwandten des berüchtigten Kommandeurs Arbi
Barajew handeln, der vor etwa einem Jahr getötet wurde. Barajew hatte
sich durch Geschäfte mit brutalen Geiselnahmen einen Namen gemacht. Er
liess unter anderem 4 gefangenen britischen und australischen
Ingenieuren die Köpfe abschlagen . Arbi Barajew gab sich als
moslemischer Fundamentalist aus. Die zitierte Internetseite war aber
kurz nach Beginn der Geiselnahme nicht mehr zugänglich.
Es besteht aber dennoch fast kein Zweifel mehr daran, dass es sich um
eine Aktion tschetschenischer Kampfgruppen handelt. Augenzeugen
erzählen, die Bewaffneten hätten sich von Anfang an selbst als
Tschetschenen vorgestellt. Sie hatten ihre Aktion offensichtlich als Show auf
"Öffentlichkeitswirkung" angelegt. Die Eingeschlossenen konnten - mit
Zustimmung der Geiselnehmer - fortlaufend per Mobiltelefon nach
drausssen berichten.
Es scheint, als handelten sie nach demselben Drehbuch, wie die
Feldkommandeure Schamil Bassajew und Salman Radujew bei den blutigen
Massengeiselnahmen von Budjonnowsk 1995 und Kisljar/Perwomaiskoe 1996.
Schon 1995 hatte Bassajew nach eigenem Bekunden eigentlich nicht
vorgehabt, das Krankenhaus von Budjonnowsk zu überfallen, sondern
hatte nach Moskau fahren wollen. Ihm sei aber unterwegs das Geld zur
Bestechung der Milizposten ausgegangen, sagte er.
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