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| Dienst fürs Vaterland. Nicht jeden Tag ist Parade (Foto: rufo) | |
Donnerstag, 15.09.2005
Militär-Lehrstuhl ade: Alle Russen sollen dienen
Karsten Packeiser, Moskau. Wenn Russlands Studentinnen nach der letzten Vorlesung in die Straßenbahn Richtung Wohnheim steigen, ziehen sich die Studenten einmal in der Woche eine Uniform an.
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An so genannten “Militär-Lehrstühlen” büffeln sie weiter - für den Kriegsfall und in der Hoffnung, auf diese Weise dem Wehrdienst zu entgehen. Doch nun wird das 1926 eingeführte System abgeschafft.
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Sprachwissenschaftler werden seit Sowjetzeiten parallel zu Militärdolmetschern ausgebildet, angehende Chemiker zu C-Waffen-Experten für den Katastrophenschutz, zukünftige Ingenieure im Bau von Ponton-Brücken. Zusammen mit dem Diplom erhielten die Studenten auch gleich einen Offiziersrang und hatten damit meist ihre Pflicht gegenüber dem Vaterland erfüllt.
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Bald nur noch ein Zehntel der Lehrstühle aktiv
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Anstelle der bisher knapp 230 soll es ab 2008 aber nur noch 35 Hochschulen mit herkömmlichen “Militär-Lehrstühlen” geben. Während des Studiums werde auch weiterhin in Russland niemand eingezogen, versprach Verteidigungsminister Sergej Iwanow. Künftige Uni-Absolventen, die bislang dank der militärischen Zusatzausbildung vor der Einberufung zur Armee meist sicher waren, müssen dagegen in die Kasernen einrücken.
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Das Moskauer Verteidigungsministerium bemüht sich wegen akuten Rekrutenmangels seit Jahren darum, die Zahl der Wehrdienstausnahmen zu verringern. Von Wehrgerechtigkeit kann im heutigen Russland keine Rede sein. Nur etwa jeder zehnte junge Mann kann zum Dienst einberufen werden. Die anderen werden aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert, kaufen sich mit Bestechungsgeldern frei - oder beginnen ein Studium.
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Gleichzeitig kann die insgesamt eine Million Mann starke Armee Russlands derzeit dank der Studenten auf dreieinhalb Millionen Reserve-Offiziere zurückgreifen. “Das System der 'Militär-Lehrstühle' hat schon vor langer Zeit jeden Sinn verloren”, sagt Valentina Melnikowa, Vorsitzende des Komitees der Soldatenmütter.
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De facto besteht die Wehrpflicht derzeit nur für junge Männer aus der sozialen Unterschicht des Landes. “Ein gebildeter Junge aus der Hauptstadt wäre in jeder russischen Kaserne ein Aussätziger, der dort für alle anderen die Toiletten putzen muss”, ist sich die Moskauerin Anna sicher. Wie viele besser gestellte Hauptstädter findet sie das gegenwärtige System, dass Studenten den Dienst erspart, angesichts der brutalen Armee-Wirklichkeit durchaus angemessen.
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Rekrutenquälerei – Alltag in der Truppe
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Viele russische Eltern befällt beim Gedanken an die Einberufung ihrer Söhne bereits die nackte Panik, wenn die Sprösslinge noch im Kinderwagen sitzen. Nach wie vor gehört Rekruten-Quälerei zum Alltag in der Truppe. Die Versorgung ist so schlecht, dass Soldaten Passanten um Zigaretten oder Lebensmittel anschnorren. Musterungs-Ärzte profitieren vom miserablen Zustand der Armee: sie zählen zu den korruptesten Staatsangestellten des Landes.
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Trotzdem sei die Abschaffung der “Militär-Lehrstühle” ein Schritt in die richtige Richtung, meint Melnikowa. “Für die Jungs ist es besser so.” In der Vergangenheit seien zunehmend Hochschul-Abgänger aus der Reserve als Offiziere zur Armee einberufen worden - und ohne die eigentlich nötige Vorbereitung nach Tschetschenien und in andere Krisenzonen entsandt worden.
(epd/kp)
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