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Angeblich adoptierte das deutsche Kanzler-Paar ein Kind aus diesem Petersburger Kinderheim (Foto: www.newsru.com)
Angeblich adoptierte das deutsche Kanzler-Paar ein Kind aus diesem Petersburger Kinderheim (Foto: www.newsru.com)
Mittwoch, 25.08.2004

Waisenheime in Russland: Leben wie in der Kaserne

Von Karsten Packeiser, Pereslawl-Salesski/Moskau. An der Kantinenwand hat jemand mit großen Buchstaben eine optimistische Losung aufgemalt: „Iss Deinen Brei, dann wächst Du bis in den Himmel.“ Tatsächlich stehen die Chancen für Russland Heer von Waisenkindern, jemals den Himmel zu erreichen, alles andere als gut.

„Wenn sie die neunte Klasse absolviert haben, braucht niemand sie“, sagt Alexander Iwachnenko,Direktor eines Internats für lernberhinderte Kinder in Pereslawl-Salesski 150 Kilometer nordöstlich von Moskau.

Etwa 700.000 Kinder in Russland leben in Waisenheimen und Internaten. Die allermeisten von ihnen haben noch leibliche Eltern, die sich aber um ihren Nachwuchs nicht kümmern können oder wollen. Tausende Kinder leben lieber auf der Straße, als bei ihren trinkenden und prügelnden Vätern und Müttern oder in den verwahrlosten staatlichen Heimen. Adoptionsbereite Ehepaare gibt es in Russland nur wenige. Über die Hälfte aller adoptierten russischen Kinder wachsen in den USA oder Westeuropa auf. Ausländer lassen sich die Erledigung aller Formalitäten durch Vermittlungsfirmen bis zu 40.000 Dollar kosten.

Koordinaten:
Kontakt zum Internat für lernbehinderte Kinder in Pereslawl über die Deutsch-Russische Gesellschaft Kraichgau e.V..

Ansprechpartnerin: Dorothea Volkert, Tel. 07263 26 05.
Patriotisch gesonnenen Politikern ist die Adoption durch Ausländer seit Langem ein Dorn im Auge. Nach einer Reihe von Skandalen, bei denen russische Waisenkinder im Ausland spurlos verschwanden oder, wie in mehreren Fällen in den USA, von den Adpotiveltern gar ermordet wurden, sind die Auflagen an interessierte Paare zuletzt immer schärfer geworden.

„Jedes Kind aus dem Heim träumt davon, dass jemand kommt und es abholt“, sagt Maxim Jegorow vom deutsch-russischen Straßenkinderverein Phönix in Moskau, „da ist es egal, ob bei Russen oder Ausländern landet, Hauptsache, es wächst in einer Familie auf“. In den russischen Heimen gehe es zu wie in einer Kaserne. Alle Kinder hätten oft aus Geldmangel die gleichen Sachen an. Dass ältere Heimbewohner die jüngeren quälen, sei an der Tagesordnung. „Im Heim werden die Kinder überhaupt nicht auf das Erwachsenenleben vorbereitet “, so Jegorow. „Die Statistik zeigt, dass ein großer Teil früher oder später im Gefängnis landet.“

Der energische 57 Jahre alte Alexander Iwachnenko, ein ehemaliger Französisch-Lehrer und Militärdolmetscher in Algerien, hat in den vergangenen Jahren den Beweis erbracht, dass Kinderheime auch ohne großzügige staatliche Zuschüsse anders aussehen können als die meisten depressiven Verwahranstalten. Er erhielt von den Behörden Anfang der 90-er Jahren mehrere heruntergekommene Baracken, in denen einmal die Aufseher eines Gefängnisses gelebt hatten.

Aus dem Waisenhaus ins Kloster

Bei Russland-Aktuell
• Adoption: Des Kanzlers neues Kind (17.08.2004)
• Reportage: Projekt Phoenix - Neuer Halt für ehemalige Straßenkinder
• Bundestags-Biker helfen Kinderheim (10.06.2003)
Mit Enthusiasmus und Liebe fürs Detail richtete er gemeinsam mit Mitarbeitern und den Kindern, aber praktisch ohne finanzielle Hilfe des Staates, sein Internat ein. Seine Schützlinge legten Blumenbeete vor den Gebäuden an, nähten Bettwäsche und Gardinen, zimmerten Möbel. „Wer der Ansicht ist, mit der Schulklingel endet sein Arbeitstag, der kann hier nicht als Pädagoge arbeiten“, sagt der Direktor knapp und zeigt zufrieden auf seine beiden Stellvertreterinnen. Die sind offiziell im Urlaub, kamen aber auch heute wieder zur Arbeit, um nach dem Rechten zu sehen.

Alexander und die anderen Lehrer bemühen sich für ihre Schützlinge persönlich um eine Lehrstelle als Näherin oder Schlosser, doch auch ihnen gelingt es bei weitem nicht immer, für einen problemlosen Einstieg ins Arbeitsleben zu sorgen. Einem Mädchen redeten die Lehrer zu, ins örtliche Kloster zu gehen: „Sie wäre selbstständig in dieser Welt nicht zurecht gekommen.“

(epd)


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