Bürgerrechtler sehen im Prozess gegen das Sacharow-Zentrum eine neue Hexenjagd (Foto: Prochnow/.rufo)
Montag, 28.06.2004
Doppelte Standards der Bürgerrechtler?
Von Karsten Packeiser, Moskau. Das Christus-Bild mit der Aufschrift „Coca Cola – This is my blood“ und 40 ähnliche provokante Werke sollten nach dem Auskunft der Künstler keineswegs Gläubige beleidigen. Der Direktor des Moskauer Sacharow-Zentrums Juri Samodurow und zwei Co-Organisatoren der Ausstellung „Vorsicht, Religion!“ müssen sich derzeit dennoch vor einem Gericht wegen Volksverhetzung verantworten.
Der Prozess um eines der wichtigsten Zentren der russischen Menschenrechtsbewegung ist beispielhaft für das zerrüttete Verhältnis zwischen Bürgerrechtlern und der orthodoxen Kirche.
Die Moskauer Organisation „Für Menschenrechte“ versucht seit mehreren Jahren, das erste Schulbuch für orthodoxen Religionsunterricht wegen vermeintlich antisemitischer und fremdenfeindlicher Passagen verbieten zu lassen. Das „Moskauer Büro für Menschenrechte“ kündigte Klagen gegen den Filmverleiher an, der im Frühjahr Mel Gibsons Christus-Film zeigte, da der Streifen antisemitisch sei. Der im Westen wegen seines mutigen Engagements gegen den Tschetschenienkrieg bekannte Ex-Dissident Sergej Kowaljow kam gar zu dem Schluss: „Die traditionelle russische Orthodoxie ist eigentlich eine antichristliche Sekte.“
Wsewolod Tschaplin, stellvertretender Leiter des kirchlichen Außenamtes, wirft den Bürgerrechtlern, die einstimmig die Organisatoren der kirchenkritischen Ausstellung verteigen, doppelte Standards vor. Ihre Positionen ähnelten „denen der Bolschewiki“. „Unsere Rückkehr in die Schulen, in die Armee, Stellungnahmen der Kirche zu gesellschaftlich wichtigen Fragen“, zählt der Priester auf, „all dies trifft auf fanatischen Widerstand.“ Die ausländischen Sponsoren der russischen Bürgerrechtler wüssten offenbar nicht immer, welche Positionen ihre russische Partner eigentlich vertreten.
Kein Monopolanspruch auf Menschenrechte
Der kirchenkritische Religionsexperte Alexander Werchowski gibt dagegen dem Moskauer Patriarchat die Hauptschuld für die gegenwärtige Konfrontation. Die Kirche liebe die Bürgerrechtler nicht, weil die sich für religiöse Minderheiten einsetzen und vom Patriarchat eine Aufarbeitung der zu Sowjetzeiten intensiven Kontakte mit dem Geheimdienst KGB einfordern, sagt er. „Die Kirche sieht Menschenrechte als Teil der westlich-liberalen Werte, die eine Herausforderung für das sind, was sie Orthodoxe Zivilisation nennt.“
Weil sie längst nur noch eine verschwindend kleine Minderheit der Bevölkerung repräsentierten, sei der Monopol-Anspruch „in die Jahre gekommener Dissidenten“ in Menschenrechtsfragen unhaltbar, urteilt Wsewolod Tschaplin: „Auch die Kirche sieht die Menschenrechte, die Würde des Menschen und seine von Gott gegebene Freiheit als wichtige Werte.“ Mindestens genauso wichtig seien freilich der Glaube, nationale Heiligtümer, das Wohlergehen und die Unabhängigkeit der Heimat, fügt er hinzu.
Obwohl Kirche und Dissidenten zu Zeiten der Sowjetunion in gleichem Maße von den kommunistischen Machthabern verfolgt wurden, gibt es derzeit praktisch keine gemeinsamen Aktivitäten mehr. Parallel zum Prozess gegen das Sacharow-Museum bemühen sich das Moskauer Antifaschistische Zentrum, eine jüdische Veteranen-Bewegung und die „Union Orthodoxer Bürger“ in einem anderen Verfahren um die Verurteilung eines Autors neonazistischer und antichristlicher Hetzschriften. Bislang ist diese Zusammenarbeit über die ideologischen Gräben hinweg nicht mehr, als ein bemerkenswerter Einzelfall.
(epd)
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