Das Waterloo von Chef-Anhalter Worow/alle Fotos: Deeg
Montag, 18.02.2002
Russisch Autostop: Rallyefahren ohne Auto
Von Lothar Deeg (St. Petersburg, Juni 1997) Innerhalb von 30 Stunden und 20 Minuten haben wir über 1000 Kilometer über russische Provinz- und Überlandstraßen zurückgelegt. Am Ziel trennten uns nur 13 Minuten vom zweiten Platz. Eine Reifenpanne und eine Radarkontrolle hatten vorübergehend unser zügiges Fortkommen gehemmt. Gegenüber dem Schlusslicht hatten wir einen Vorsprung von fast neun Stunden. Unser Fahrzeug? Laut unserem Kontroll-Journal 29 verschiedene Autos und Lastwagen. Bei einem Rennen per Autostop gibt es keine Werks-Teams.
Der Start verläuft schleppend, obwohl der Verkehr an diesem unangenehm kühlen Samstagmorgen ziemlich dicht ist: Über eine Stunde stehen wir am Rand der Ausfallstraße in Richtung Moskau. Die Chancen, mitgenommen zu werden, sind schlecht: Zwar fahren reichlich Sammeltaxis und Linienbusse vorbei, doch die sind für uns tabu. Die Masse des Verkehrs machen mit Baumaterial, Kindern, Oma und Hund vollgestopfte Ladas aus: Ganz St. Petersburg scheint an diesem Maimorgen auf dem Weg zur Datscha zu sein. Sind die Rücksitze einmal unbesetzt, hebt sich die Hand (der Daumen allein reicht in Russland nicht) auch meist vergebens. Der größte Feind des Anhalters ist die Tomate: Die vermeintlich freie Sitzplatzkapazität, die da in unserer Marschrichtung unterwegs ist, zeigt sich beim Herannahen weitgehend mit jungen Stauden aufgefüllt. Auf Fensterbrettern in den Stadtwohnungen gezüchtet, treten die Pflanzen nun ihre Reise zum Freilandeinsatz an.
Inzwischen sind drei der sechs anderen Teams winkend und feixend an uns vorbeigefahren. Mitglieder der "Petersburger Liga für Autostop" (PLAS) sind gut zu erkennen: Gelbe Goretex-Overalls, die auf Lebenszeit zugeteilte Startnummer am Oberarm, machen sie nicht nur am Straßenrand weithin sichtbar. Nur meine Teamführerin Olga reist in Zivil, sie hat ihre Kluft einem Anfänger ausgeliehen. Auch ich bin fachgerecht eingekleidet worden. Zusammen mit dem ultrakompakten, eigens von Liga-Präsident Alexej Worow für das sportive Autostoppen entwickelten Rucksack muss man mich für einen im Abseits niedergegangen Fallschirmspringer halten.
Regeln für Autostop-Rennen; Paragraf 6, Absatz 2: Die Benutzung beliebiger Arten von öffentlichen Verkehrsmitteln führt zu einem Streckenverweis. Die Benutzung eines Taxis führt zu einer zeitweisen Disqualifikation.
Den roten Lada, der schließlich ein gutes Stück hinter uns hält, übersehen wir beinahe. Olga spricht zwei Sätze mit dem Fahrer, dann sitzen wir drin. "Habe schon im Radio gehört, dass so ein Rennen stattfindet. Jetzt sehe ich es auch", meint der Gute und tritt aufs Gas. Die Autostop-Liga betreibt intensive Medienarbeit bis hinein ins Internet. Dieses Zwei-Tage-Rennen in Journalisten-Begleitung gehört dazu.
Nur in St. Petersburg wurde die improvisierte und billige Fortbewegungsart von Studenten und Landjugend zur Sportart fortentwickelt. Die PLAS verfügt über einen Rennarzt, einen Oberschiedsrichter, keinerlei Geld, ein achtseitiges Regelwerk für Autostop-Rennen und über die erfahrensten Tramper der Welt: Liga-Chef Alexej Worow umrundete 1992/93 per Anhalter die Welt. Zur Beringstraße gelangte er im Winter, der einzigen Jahreszeit, zu der es dort Straßen gibt. 1,12 Millionen Autostop-Kilometer hat er bereits angesammelt. Seine Bewerbung beim Guiness-Buch der Rekorde ist eingereicht.
Leider müssen wir nach 10 Minuten an einer Abzweigung raus, um nicht von der Route abzukommen. Ein anderes Team steht schon dort. Noch bevor wir die Straße überquert haben, sind die beiden an Bord eines blauen Lada entschwunden. Damit können wir ihre "Position" einnehmen. Dem Reglement zufolge hätten wir uns sonst entweder in Fahrtrichtung mindestens einen Bremsweg weit entfernt hinter den Konkurrenten aufstellen müssen oder außerhalb ihrer Sichtweite entgegen der Fahrtrichtung. Eine "Position", lerne ich von Olga, ist immer dem vorbehalten, der sie als erster erreicht.
Absatz 3: Das Zeichengeben auf einer fremden Position und ähnliche Verletzungen der Priorität auf einer Position führen zum Streckenverweis. Bleiben sie folgenlos und beruhen auf Unaufmerksamkeit, führen sie zu einer Verwarnung.
Lange brauchen wir hier nicht Handzeichen zu geben (Das russische Verb dafür, "golosowatj", bedeutet auch wählen, abstimmen. Dabei wählen wir doch gar nicht. Wir nehmen jedes Auto. Aber früher gab es in Russland ja auch nur eine Partei, aber "gewählt" wurde trotzdem immer wieder.) Ein uralter Brotlaster hält. In der Kabine ist es eng, aber es riecht lecker. "Nur bis Nikolskoje", meint der Brotfahrer. Die Strecke reicht, um ihm zu erklären, um was es geht. Er zeigt Sportsgeist und fährt wortlos sieben Kilometer bis zur nächsten Kreuzung weiter - zumal in Nikolskoje schon zwei gelbe Gestalten am Straßenrand stehen. Diesmal feixen wir. "Schon erstaunlich, worüber sich erwachsene Menschen freuen können", meint Olga fröhlich. Im Zivilberuf ist sie bei der Steuerinspektion.
Das Glück bleibt uns treu: Als nächstes gabelt uns ein redseliger Mercedes-Fahrer auf. Von Deutschland kennt er alle großen Verkehrsflughäfen sowie einen Gebrauchtwagenhandel in Duisburg. Früher war er Aeroflot-Pilot in Georgien. Von dort hat ihn der Bürgerkrieg vertrieben. Doch schlecht scheint es ihm nicht zu gehen. An seinem schmucken Häuschen in nächsten Dorf fährt er vorbei: "Wisst ihr was, ich bringe Euch bis zur Murmansker Chaussee. Damit ihr gewinnt." Das bedeutet einen Sympathie-Bonus von 20 Kilometer verkehrsarmer Strecke. Nach Benutzung von sechs Ladas und einem tiefergelegten 5er BMW (überraschenderweise nicht mit Banditen besetzt, sondern mit einer dreiköpfigen Normalfamilie - nur ohne Tomaten) erreichen wir den ersten Kontrollpunkt, das Ortsschild von Sjasstroj.
Am Pfosten kleben bereits zwei Leukoplast-Streifen, beschriftet mit Uhrzeit und Startnummer der zuvor angekommenen Teams. Nach fast fünf Stunden Renndauer liegen wir mit 26 Minuten Rückstand auf Platz 3. Fahren per Anhalter funktioniert in Russland also weit besser, als gedacht: Obwohl sogar einmal der Bus der von einer Tournee heimkehrenden Petersburger Philharmoniker auf der kurzen Strecke vom Flughafen in die Stadt Wildwest-mäßig überfallen wurde, sind offenbar längst nicht alle Autofahrer davon überzeugt, Fremde am Straßenrand könnten nur Wegelagerer sein. Noch hat bisher irgendjemand von uns Geld gefordert. Und das in einem Land, in dem es alltäglich ist, statt eines Taxis ein Privatauto heranzuwinken und sich für ein paar Rubel zum gewünschten Ort bringen zu lassen.
Absatz 18: Das Bezahlen eines Fahrers wird als Bestechung gewertet und führt zum Streckenverweis.
Allerdings muss Olga fast jedem Fahrer erst die Philosophie ihres Sports erläutern: Freude am schnellen Fortkommen, unabhängiges Reisen. Gefordert seien taktisches und psychologisches Geschick, Fitness und Ausdauer. Denn Anhalter-Rennen können auch zwei oder drei Wochen dauern. Im Januar (!) 1991 hat Olga ein solches Rennen rund um die Ostsee gewonnen. Von der Gastfreundschaft eines Hamburger Architekten, der sie und ihren Begleiter nachts um 3 Uhr in sein Privathaus einlud, schwärmt sie noch immer. Von der Idee seiner totmüden Passagiere, mitten in Hamburg einen Platz zum Zelten zu suchen, hielt der Mann wenig. Dabei liegt die Herausforderung des Profi-Autostops gerade darin, sich wie ein Trapper in der Taiga sicher und selbständig durch eine vom Straßenverkehr geprägte Umwelt zu schlagen. In den 19 Jahren ihres Bestehens wurde noch kein Liga-Mitglied Opfer eines Un- oder Überfalls, heißt es.
Den Kreml von Alt-Ladoga, eine der mittelalterlichen Keimzellen des russischen Staates, betrachten wir nur im Vorbeifahren. Rennsportler haben leider keine Zeit für Kulturgüter. "Deswegen mag ich Rennen eigentlich nicht so gerne. Lieber reise ich geruhsam per Autostop", meint später am Ziel der Film-Student Artjom, mit der Startnummer 72 der letzte Neuzugang der Liga. Gewonnen hat er trotzdem.
Absatz 6: Die Imitation von Verkehrspolizei, Straßendienst o.ä. führt zu einem Streckenverweis oder zur Disqualifikation.
Auf dem zweiten Platz kam die Nr. 71. Der Erfolg der beiden Liga-Newcomer beweist, dass nicht nur Routine und die Lebens-Kilometerleistung entscheiden. Russisches Autostop ist zugleich ein Glücksspiel, eine überdimensionierte Partie Mensch-ärgere-Dich-nicht, bei der die Spieler selbst die Hütchen sind: Zwei Stunden versauern wir auf der öden Trasse von Wolchow nach Kirischi, bis sich endlich der Fahrer eines kleinen Moskwitsch-Kastenwagens erbarmt. Aber er hat nur einen Sitzplatz frei. Wenn wir unbedingt mitwollen, muss ich wohl oder übel für 50 Kilometer in den nach Altöl stinkenden, finsteren Gepäckraum. Und wir wollen mit. Der kurz darauf folgenden Reifenpanne lassen sich deshalb, kräftig durchatmend, auch positive Seiten abgewinnen.
PLAS unterwegs
Auf Platz 5 zurückgefallen, rollen wir eine Stunde später an Bord eines schweren Toyota-Geländewagens das Feld wieder auf: Der müde, aber schnelle Fahrer ist auf dem 2000 Kilometer langen Nonstop-Heimweg von seiner Arbeitsstelle, den Wäldern im Norden Kareliens, nach Rjasan südöstlich von Moskau. Mit 120 km/h - erlaubt sind in Russland maximal 90 - rauschen wir Kontrollpunkt Nr. 2 in den Waldai-Höhen entgegen. Saschas Firma liefert Holz aus den Urwäldern im Grenzgebiet nach Finnland. "Seid ihr von Greenpeace?" fragt er nach einiger Zeit vorsichtig. Wir verneinen, was unser weiteres Verbleiben an Bord sicherstellt.
An der Straßengabelung Moskau-Nowgorod passieren wir PLAS-Präsident Alexej Worow und eine Radiokollegin, die sich dort um ihr Fortkommen bemühen. Als wir um halb zwölf nachts auf dem Rückweg an der gleichen Stelle aus einem Fernlaster klettern, stehen die beiden noch immer dort - seit sechs Stunden. Der Ober-Anhalter ist demoralisiert: "Das ist mir in 20 Jahren noch nie passiert. Völlig unerklärlich. Kein Kommentar." Aber an Aufgeben denkt Alexej nicht. Stattdessen erteilt er mir eine Verwarnung für das am Oberarm getragene Reflektorband, das mir Olga ausgehändigt hatte. Das Band muss runter bis zum Handgelenk. Man könnte mich sonst von Ferne für einen GAIschnik, einen Verkehrspolizisten, halten.
Ich dränge auf Übernachten: Wer hält schon mitten in der Nacht für wildfremde winkende Gestalten auf einem russischen Highway? Doch Olga bleibt hart, nicht nur, weil es links und rechts der Piste zu sumpfig zum Zelten ist. "Ein bisschen geht noch", meint sie - und behält recht: Innerhalb weniger Minuten sehen wir zunächst Alexej in Richtung Moskau entschwinden, dann hält auch für uns noch ein Auto. Als Nachtlager finden wir so eine wunderbar trockene Nische unter dem Balkon eines Mietshauses, günstig an der passenden Ortsausfahrt Nowgorods gelegen und unbehelligt von Mitmenschen und Moskitos. Lediglich eine Katze möchte gerne auf mir übernachten.
Absatz 10: Die Benutzung eines eigenen Fahrzeugs oder des einer zuvor informierten Person zur Fortbewegung auf der Rennstrecke führt zur Disqualifikation.
Am nächsten Tag klappt fast alles wie vorbestellt: Das erste Fahrzeug überhaupt - nach 15 Minuten -, zwei Händler mit einem Kleinbus auf dem Weg zum Markt, verschafft uns einen Lift durch fast 100 Kilometer kaum bewohntes Wald- und Sumpfgebiet nach Luga. Kaum haben wir beim dritten Kontrollpunkt anhand der Klebemarken festgestellt, dass hier die führenden Teams 71 und 72 nach über 24 Stunden Renndauer mit einer Minute Abstand angekommen waren (sie wurden zufällig von der gleichen Lkw-Kolonne aufgelesen), bremst auch schon ein schwarzer Wolga für den Rückweg. Der Vorsprung der Führenden beträgt 80 Minuten. Und es scheint fast so, dass wir ihn noch aufholen.
Das Ziel.
Unsere beiden Chauffeure sind Kaukasier. Sie arbeiten für die größte Bierbrauerei Petersburgs und waren dienstlich in Weißrussland. Sie reden nicht viel, dafür spielen sie während der Fahrt Karten. Bei 130 km/h auf dem Tacho gewinnt dabei nur die GAI: Nach einer Radarkontrolle, abzugelten mit 100000 Rubel (30 Mark) Strafe, mäßigen sich ihr Tempo und meine Kopfschmerzen etwas.
Nicht auf der direkten, sondern auf der vom Frachtfernverkehr benutzten Route durchqueren wir zügig St. Petersburg. Zum Finish - dem 77. Kilometer der M10 in Richtung Finnland - reisen wir schließlich erhaben in der Luxus-Kabine eines russischen Renault-Fernlasters. Sein Fahrer macht den Endspurt zum Höhepunkt des Rennens: Wolodja mit den strahlend blauen Augen klagt nicht nur - wie alle - über die korrupten Abkassierer von GAI und Zoll, die niedrigen Löhne und die schlechten Straßen. Er kritisiert und lobt wohlbegründet einzelne Politiker, philosophiert über Verkehrssitten und Sozialgefüge in Russland und Deutschland und empört sich "als gläubiger Mensch" über die Wodka-Geschäfte der orthodoxen Kirche. Wolodja wollte gern Künstler werden. Doch für ein Hobby hat der Fernfahrer keine Zeit: "Das letzte was ich gemalt habe, war ein Stempel auf irgendeinem dämlichen Papier", erzählt er Olga. Am 77. Kilometer steigen wir ungern aus: Mit Wolodja wären wir auch noch bis Helsinki weitergefahren. (1997)
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Lothar Deeg arbeitet seit 1994 als freier Korrespondent für deutschsprachige Printmedien in St. Petersburg. Seit 2001 schreibt er für Russland-aktuell.