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Der Newski Express legt die Strecke Moskau - St. Petersburg in 4,5 Stunden zurück. Im Bordrestaurant können sich die Passagiere die Zeit lecker vertreiben (Foto: Ballin/.rufo)
Der Newski Express legt die Strecke Moskau - St. Petersburg in 4,5 Stunden zurück. Im Bordrestaurant können sich die Passagiere die Zeit lecker vertreiben (Foto: Ballin/.rufo)
Freitag, 30.09.2005

Russische Bahn stutzt Siemens-Großauftrag zusammen

Moskau. Auf der Hannover-Messe im April wurde sie noch mit großem Bahnhof gefeiert. Doch nun schrumpft die Kooperation von Siemens und der russischen Bahngesellschaft RZD zum Bau von Hochgeschwindigkeits-Zügen immer mehr zusammen.

Nachdem die russische Bahn schon erklärt hatte, dass für das 1,5-Milliarden-Euro-Projekt vorerst kein Geld zur Verfügung stehe, will sie jetzt nur noch sechs statt 60 ICE-Züge anschaffen. Für ein insgesamt gemächlicheres Beschleunigen der russischen Züge will man bevorzugt Hausmittel einsetzen.

Im Beisein von Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde seinerzeit nur ein Vorvertrag über Entwicklungsarbeiten geschlossen. Ziel sollte der gemeinsame Bau von 60 Hochgeschwindigkeitszügen mit deutscher ICE-Technologie sein, wofür die RZD etwa 1,5 Milliarden Euro hätte investieren müssen. 2007 könnten die ersten ICE auf die Strecke von Moskau nach St. Petersburg gehen, lauteten die optimistischen Einschätzungen. Dafür müssten sie allerdings an die russische Breitspur, andere Energie- und Signaltechniken und bedeutend härtere Klimabedingungen angepasst werden.

Nachdem es im Sommer jedoch bei der russischen Bahn einen Führungswechsel gab, färbten sich die Signale für das deutsch-russische Großprojekt zunehmend rot. Der neue Bahn-Chef Wladimir Jakunin erklärte nach seinem Amtsantritt, dass er den Vertrag mit Siemens so nie unterzeichnet hatte. Er wolle versuchen, das Geschäft ohne Milliarden-Kredite umzusetzen.

Nur noch sechs statt 60 ICE-Züge gewünscht

Dass dies auf eine Verschiebung und eine radikale Schrumpfung des Auftragsvolumens hinausläuft, wurde nun auf einer Sitzung des wissenschaftlichen Beirates der RZD zum Hochgeschwindigkeitsverkehr deutlich. RZD-Vizepräsident und Chefingenieur Valentin Gapanowitsch erklärte, dass die russische Bahn mit Siemens nur noch über den Ankauf von sechs – statt ursprünglich 60 – Zügen mit ICE-Technologie reden will. Ein Siemens-Sprecher bezeichnete dies gegenüber der Zeitung „Kommersant“ als „Spekulationen einer von zwei Vertragsparteien“. Die übrigen Züge sollen nach den neuen Plänen nur fur einen beschleunigten Regionalverkehr mit bis zu 160 km/h Geschwindigkeit ausgelegt werden. Dieser Auftrag ginge jedoch an die russische „Transmaschholding“.

Ein sinnvoller Einsatz der für über 300 km/h guten ICE-3-Technologie wäre ohnehin nur auf Neubaustrecken möglich. Doch die gibt es nicht in Russland – und ihr Bau ist seit der Pleite eines ambitiösen Hochgeschwindigkeits-Bahnprojektes in der Ära Jelzin nur noch Theorie. „Kein russischer Eisenbahner spricht heute von der Möglichkeit, auf der Strecke Moskau-St. Petersburg schneller als 250 km/h zu fahren“, so Bahnchef Jakunin.

Moskau-Petersburg: Streckenausbau statt Neubau

Gegenwärtig erreichen auf der weitgehend schnurgeraden Strecke zwischen den beiden russischen Metropolen die schnellsten Züge maximal 200 km/h – und dies auf weniger als der Hälfte der 650 Kilometer langen Route. Tempo 200 fährt zwischen Moskwa und Newa allerdings bislang nur je ein Zug pro Tag. Denn 89 Prozent der 6,2 Millionen Bahnpassagiere bevorzugten 2004 die preiswerteren und gemütlich mit 80 km/h Durchschnitt durch die Nacht bummelnden Schlafwagenzüge.

Bei Russland-Aktuell
• Bahn: Deutsch-russischer ICE liegt auf Eis (12.09.2005)
• Russische Eisenbahn: Wachstum abgebremst (18.07.2005)
• Neuer Güterzug Berlin - Moskau als Test (05.09.2005)
• Privater Hotelzug verbindet Moskau und Petersburg (04.08.2005)
• Russische Regierung verordnet Patriotismus (19.07.2005)
Als ersten Schritt will die RZD nun die ganze Distanz für 200 km/h ausbauen. Schon im nächsten Jahr, versprechen die Eisenbahner, soll dadurch die Fahrzeit der Express-Züge von gegenwärtig 4,5 Stunden um ca. 45 Minuten gesenkt werden – womit die Bahn den etwa eine Stunde in Anspruch nehmenden Flugverbindungen weiter Passagiere abjagen durfte. Mittelfristig sollen dann 250 km/h in Angriff genommen werden, wobei die deutsche Technologie wieder ins Spiel kommen würde.

Frachtverkehr hat Vorrang vor Highspeedzügen

Bedeutend mehr Highspeed-Züge als heute kann die RZD auf dieser Achse aber gar nicht verkraften. Wie Verkehrsminister Igor Lewitin unlängst erklärte, ginge dies nur auf Kosten des wachsenden Frachtverkehrs - vor allem zu dem gegenwärtig im Bau befindlichen Ostseehafen Ust-Luga unweit der estnischen Grenze. Den Bau einer eigenen Trasse für die rasenden Passagierzüge – mit 1,5 Milliarden Dollar etwa ebenso teuer wie der Siemens-Deal – könne sich die russische Bahn jedoch nicht leisten. In dem 15 Milliarden Euro umfassenden Investitionsprogramm der RZD für die Jahre 2006 bis 2008 sind jedenfalls beide Projekte nicht vorgesehen.

Auch die Züge zwischen Petersburg und der finnischen Grenze – der zweite Abschnitt der potentiellen russischen ICE-Trasse – soll erst einmal ohne Siemens-Züge und gigantische Investitionen schneller werden: Bis zu zwei der bislang 5,5 Stunden Fahrzeit nach Helsinki will man mit vereinfachten Grenzkontrollen und dem Einsatz moderner Zuge aus dem Nachbarland herausholen. „Der finnische Pendolino ist auf die winterlichen Einsatzbedingungen und unsere Spurbreite eingerichtet. Man müsste nur einige Sicherheitssysteme anpassen“, so Bahnchef Jakunin. Nach drei Jahren Funkstille sei die finnische Eisenbahn nun auch wieder an der Gründung einer gemeinsamen Betreiberfirma interessiert.

(Lothar Deeg/.rufo)


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