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foto: Deeg/.RUFO
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Dienstag, 03.06.2003

Jubiläum – und jetzt?

Von Susanne Brammerloh, St. Petersburg. Nach den fieberhaften Abschlusstagen der Jubiläumsdekade scheint Petersburg dem Schüttelfrost anheim gefallen zu sein – sechs Grad und ein schneidender Wind verwehten die letzten Reste der warmen Geburtstagsgrüße, mit denen die Größen dieser Welt Petersburg am Wochenende überhäuften. Das ernüchternde Wetter hilft uns zurück auf den Boden der Tatsachen, um Bilanz zu ziehen: Was hat das Jubiläum für Petersburg gebracht, und was kann die Stadt in der Zukunft davon erwarten?

Es gibt ein Leben nach dem Jubiläum!

Zum Ersten: Wir leben noch. Die anwachsende Hysterie in den letzten Monaten vor dem Fest konnte dem unbedarften Bürger fast den Eindruck vermitteln, Petersburg ginge nicht einem freudigen Ereignis entgegen, sondern schnurstracks auf den unvermeidlichen Untergang zu. „Deine Stadt wird 300 Jahre werden, und dann wird sie nicht mehr sein“, war dem Stadtgründer Peter I. bereits bei der Grundsteinlegung im Jahre 1703 vorausgesagt worden. Da haben sich die alten Mythenschöpfer geirrt, wie wir nun wissen – müde zwar und fröstelnd, steht Petersburg doch fest und unbeirrt an seinem Ort. Und nichts spricht dafür, dass sich das nächstens ändern würde.

Zweitens: Das mit Horror erwartete Zehntagesfest war so übel nicht. Es gab jede Menge Veranstaltungen fürs Volk, die Miliz war ausgesucht höflich. Bis auf die dicken Patzer bei der Wasser- und Lasershow auf der Newa, bei der die Organisation mehr als zu wünschen übrig ließ, ging das Fest so gut wie reibungslos über die Bühne. Die Stadt war angenehm verkehrsentlastet – und das nicht, weil keiner mit seinem Auto hineingelassen wurde, sondern weil viele die Blechkisten vorsorglich zu Hause stehen ließen. Die Menschen konnten in dieser Atmosphäre buchstäblich freier atmen. Die Stimmung war meist locker bis nett, es wurde viel gelächelt auf den Straßen. Allein das ist für die oft sehr zugeknöpften Petersburger eine positive Bilanz.

Und: Petersburg bleiben nach dem Ende der Fete eine ganze Reihe restaurierter Baudenkmäler und Museen, neue Denkmäler und glatt asphaltierte Straßen. Hätte es den 300. Geburtstag nicht gegeben, hätten wir noch längst nicht das Vergnügen, uns am wiederhergestellten und nun öffentlich zugänglichen Stroganow-Palais oder Michael-Schloss zu erfreuen, in die jahrzehntelang kein Unbefugter Zutritt hatte. Vom Konstantin-Palast in Strelna, der noch vor zwei Jahren hoffnungslos in Ruinen lag, und dem nach 24 Jahren skrupulöser Arbeit wiedererstandenen Bernsteinzimmer in Zarskoje Selo ganz zu schweigen.

Petersburg erobert sich einen Platz in der Welt

In gewisser Weise kann das Stadtjubiläum und besonders der Polit-Gipfel zum Schluss der Feiern als eine Entschädigung für die jahrzehntelange, erzwungene Vergessenheit der Stadt zu Sowjetzeiten angesehen werden. Ausrangiert auf dem Abstellgleis der Geschichte, verkümmert zu einem Provinzzentrum von zweitrangiger Bedeutung – das war erniedrigend und kaum erträglich für eine Stadt, die als Hauptstadt und greifbare Verkörperung der Staatsideologie des Russischen Kaiserreiches konzipiert, aufgebaut und unterhalten worden war.

Nach 1917 (vielleicht gar schon ab 1914, als die Stadt ihren Namen in Petrograd wechseln musste) ging es nur noch bergab mit der Newa-Metropole. Der Bürgerkrieg nach der Revolution, die Wirtschaftsumwälzungen unter Stalin, die grausamen Säuberungen der 1930er Jahre, die Belagerung im Zweiten Weltkrieg, die erneuten Repressionen in den Jahren danach... Bis zur Perestroika hielt man sich mehr schlecht als recht über Wasser, der graue Sowjetlook überzog und lähmte Leningrad und erlaubte ihm nur wenig Individualität.

Auch nach dem Zerfall der Sowjetunion ging es nur zäh voran. Zwar konnte Petersburg bereits 1991 seinen alten Namen zurückgewinnen, doch damit begann erst der lange Weg zu einer erneuerten Akzeptanz und Rolle im eigenen Land und in der Welt. In diesem Sinne hat der gebürtige Leningrader Wladimir Putin mit der Einladung von 44 Staatschefs aus aller Welt der Stadt einen mächtigen Stoß nach vorn versetzt. Damit setzt er das Werk des ersten freigewählten Bürgermeisters der Stadt, Anatoli Sobtschak, fort, der Petersburg die eingebüßte internationale Anerkennung wiedergeben wollte. Putins Handlungsweise ist sicher alles andere als Zufall, denn Sobtschak verdankt er ganz persönlich den Beginn seiner schwindelerregende Politkarriere.

Das Lob der Summit-Teilnehmer für die mächtig auf Vordermann gebrachte Stadt ließ dann auch nicht lange auf sich warten. „Petersburg ist nun nicht mehr nur das Fenster Russlands nach Westen, sondern ebenso das Fenster Europas und der Welt nach Russland“, ließ einer der hohen Gäste am letzten Wochenende verlauten. In diese Begeisterung stimmte auch der staatliche Fernsehsender RTR ein: „Jetzt wird keiner mehr sagen, Petersburg sei eine große Stadt mit Provinzschicksal!“ Peter der Große, der die wahre Blüte seiner Stadt selbst nicht mehr erleben durfte, hätte seine helle Freude an solchen Worten.

Politkrimi an der Newa

Ob die demonstrierte helle Freude des aktuellen Petersburger Stadtoberhaupts an dem bunten Jubiläums-Spiel so ganz echt war, bleibt zumindest zweifelhaft. Gouverneur Wladimir Jakowlew sieht sich seit geraumer Zeit selbst aufs Abstellgleis geschoben. Die Moskauer hohe Beamtenschaft und allen voran Wladimir Putin mögen ihn nicht. Letzterer hält ihn gar für einen Verräter am Werke Sobtschaks, war Jakowlew doch zuerst Vize in Sobtschaks Mannschaft gewesen, um dann gegen ihn anzutreten. Nach dem Szenarium der letzten Tage scheint sich Petersburgs Wiedereintritt in die Welt also paradoxerweise ganz persönlich gegen den jetzigen Gouverneur zu wenden.

Jakowlew war sehr präsent bei der Geburtstagsfeier – überall weihte er ein, eröffnete, schnitt Bändchen durch und gratulierte. Und doch machte er keine sonderlich gute Figur. Er sprach zu laut, zu pathetisch und nicht immer passend zum Thema. Bei der Eröffnung des neuen Eingangs in die Ermitage stiftete er am 27. Mai durch seine deplacierte Rede vom Sturm auf den Winterpalast das versammelte Volk regelrecht dazu an, es den Vorfahren des Jahres 1917 gleichzutun. Zum Glück kam bei der dabei entstandenen Drängelei und Schubserei auf dem Schlossplatz keiner zu Schaden.

Jakowlews Tage als Haupt von St. Petersburg sind gezählt. Auf die Kandidatur zu einer dritten Amtszeit hatte er bereits freiwillig im Vorfeld der Feiern verzichtet. Nun wird spekuliert – geht er gleich nach dem Jubiläum oder sitzt er seinen Posten aus bis September oder noch länger? Und wer wird sein Nachfolger? Valentina Matwijenko, bevollmächtigte Vertreterin des russischen Präsidenten in der Nordwest-Region, scheint in den Startlöchern zu hocken. Ebenso Vize-Gouverneurin Anna Markowa, die Wunschnachfolgerin Jakowlews. Doch niemand der potentiellen Kandidaten für das Amt im Smolny hat bisher offiziell verkündet, sich zur Wahl zu stellen.

Die VIPs gehen, die Probleme bleiben

Die Aufwertung Petersburgs auf der internationalen Arena wird der Stadt sicher weiterhin gut tun: Am Horizont tauchen steigende Investitionen, Touristenströme und weitere Gipfeltreffen der Weltpolitiker auf. Die VIPs werden zu Hause erzählen von den atemberaubenden Stadt-Panoramen an der Newa, den umwerfenden Vorort-Schlössern und der hinreißenden Gala im Mariinski-Theater. Und die TV-Anstalten der halben Welt haben dieser Tage Petersburgs einzigartige Schönheit gezeigt und gepriesen.

Das ist gut fürs Selbstgefühl, das entschädigt für viele Ungereimtheiten im Vorfeld des Jubiläums, etwa für das jahrelange Hüpfen über Baustellen und aufgerissene Straßen. Aber es verpflichtet auch. Der Bonus, den die internationale Anerkennung gebracht hat, muss jetzt mit Taten gerechtfertigt werden. Denn die Geburtstagsgäste sind davon gerauscht, die Stadt bleibt mit ihren Problemen zurück.

Nur wenn die föderale Finanzierung, wie versprochen, ununterbrochen weiterläuft, können Petersburgs unausgeheilte Wunden (die unterbrochene Metrolinie, die Ringautobahn, der Hochwasserdamm) verarztet werden. Viele Baudenkmäler sind zum Jubiläum nicht fertig geworden und harren der Fortsetzung der Arbeit. Die kommunale Wohnungswirtschaft bedarf einer dringenden Reform. Sind viele Fassaden auch frisch gestrichen, so eröffnet der Blick in einen beliebigen Hinterhof das ganze Ausmaß dessen, was noch zu tun bleibt.

Das große Fest kann ein mächtiger Impuls sein für die qualitative Aufwärtsentwicklung der Stadt. Aber das ist eine Frage der Zukunft – nicht heute und nicht morgen wird sich zeigen, was die schicke Fete der Stadt gegeben hat. Denn Petersburg ist, neben den ausgesprochen stadtspezifischen Problemen, auch noch ein Teil Russlands. Da kann viel geredet werden vom Weltniveau, das uns angeblich seit dem letzten Wochenende winkt – solange die Löhne und Renten so gering sind und die Armut breiter Bevölkerungsschichten so offensichtlich, sollte Vorsicht walten beim Verteilen von allzu dicken Vorschusslorbeeren.
(sb/rufo)

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Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)

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