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Donnerstag, 24.10.2002

Ein Theater wird zum Kriegsschauplatz

Von Lothar Deeg. Moskau ist gelähmt, Russland ist geschockt: Die Massengeiselnahme im Musical-Theater "Nord-Ost" hat über Nacht den latent schwelenden Tschetschenienkonflikt mitten in die Hauptstadt gebracht. Immer neue Gerüchte und ein riesiger Aufmarsch der Polizei rund um das Kulturzentrum in der Uliza Melnikowa bestimmen das Bild. Der Kreml gab zu verstehen, dass für ihn das Leben der 500 bis 700 Geiseln absolute Priorität hat. Aber parallel sind auch Vorbereitungen für einen Sturm des Gebäudes im Gange - sowie für einen großen Rettungseinsatz: Es droht ein Blutbad, falls die zum Selbstmord entschlossenen tschetschenischen Terroristen ihre Drohung wahrmachen und sich und ihre Geiseln in die Luft sprengen.

Das Geiseldrama mitten in der russischen Hauptstadt hatte gegen 21 Uhr am Mittwochabend begonnen: In mehreren Autos fuhren Bewaffnete vor der Theater vor und stürmten die laufende Vorstellung des Musicals "Nord-Ost". Aus Maschinenpistolen jagten sie einige Schüsse in die Decke. Bei dem Terror-Angriff kam eine junge Frau ums Leben, was erst bekannt wurde, als ihre Leiche 20 Stunden später aus dem Gebäude geschafft wurde. Die Terroristen erklärten die Zuschauer sowie die etwa 100 Schauspieler und Musiker zu Geiseln ? und teilten ihnen ihre Hauptforderung mit: Der Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien innerhalb einer Woche. Ganz offenbar fühlten sich die Angreifer ihrer Sache sehr sicher: Die Geiseln durften ihre Mobiltelefone behalten und benutzen. Ihre Anrufe zuhause, bei der Polizei und bei Medien rissen Moskau aus der abendlichen Ruhe.

Über die Zahl der Zuschauer, die sich zu diesem Zeitpunkt im Saal befanden, gab es auch am Tag danach keine genauen Angaben: Die Zahl der Geiseln liegt im Bereich von 500 bis 700. Einigen Schauspielern, die in ihrer Garderobe eingeschlossen worden waren, gelang noch die Flucht. Im Laufe der Nacht und des folgenden Tages ließen die Terroristen etwa 50 Geiseln frei ? Moslems sowie Kinder, aber bei weitem nicht alle. Unter den Geiseln sollen auch Ausländer sein, die Rede war zunächst von drei Deutschen und drei Briten. Später hieß es, es handele sich um insgesamt 62 Ausländer. Gegen Abend verlautete dagegen, dass neben Russen nur noch ukrainische Staatsbürger in dem Theater seien.

Frei kam auch Maria Schkolnikowa, die in der Anfangsphase des Dramas über Telefon lange Zeit den einzigen eingermaßen verlässlichen Kontakt zwischen Behörden und Terroristen gehalten hatte. Sie verlass über den Fernsehsender TWS einen offenen Brief der Geiseln, in dem Präsident Putin zum Abzug der Truppen aus Tschetschenien und einer friedlichen Lösung des langjährigen Konflikts aufgefordert wurde. "Wir haben genug vom Krieg, wir wollen Frieden", heißt es in dem Schreiben. Russische Medien bezeichneten dies als Ausdruck des sogenannten Geiselsyndroms ? nach einiger Zeit der Angst beginnen sich viele Opfer mit den Forderungen der Kidnapper zu solidarisieren und entwickeln sogar eine gewisse Sympathie für sie. Allerdings legen die Geiselnehmer von Moskau offenbar auch großen Wert auf eingermaßen korrekte Umgangsformen: Die Geiseln würden nicht angeschriehen, die Kinder bekämen Getränke und Schokolade, hieß es aus dem Theater. Andererseits wurden den ganzen Tag über keine Essenslieferungen für die Geiseln akzeptiert.

Im Laufe des Donnerstag verdichteten sich die Informationen über in die Identität und Zahl der Geiselnehmer: Nach Angaben des russischen Inlandsgeheimdiestes FSB handelt sich um 25 Männer und 25 Frauen. Wie Geiseln telefonisch aus dem Theater berichtetet hatten, hätten sich die Kämpfer Sprengstoffgürtel umgebunden und im Zuschauerraum zahlreiche Sprengsätze verteilt. Ihr Verhandlungsführer habe sich als Abu Said aus dem tschetschenischen Bergdorf Wedeno vorgestellt. Er uns sein Kommando seien „Schahids“ – zum Sterben bereite radikalislamische Kämpfer. Nach Angaben aus dem tschetschenischen Untergrund handelt es sich bei dem Terroristenanführer um Mowsar Barajew. Er ist ein Neffe des als Menschenhändler berüchtigten Arbi Barajew. Dieser 2001 getötete tschetschenische Bandenchef betrieb während der tschetschenischen Quasi-Unabhängigkeit ein florierendes Geschäft mit Entführungen. Auf sein Konto ging unter anderem die Enthauptung von vier Technikern, drei Briten und einem Neuseeländer.

Präsident Wladimir Putin verbrachte die Nacht im Kreml an seinem Arbeitsplatz. In einer Fernsehansprache sagte er, die Terroristen wollten den Staat mit ihrem Terrorangriff dazu zwingen, in Moskau das gleiche Ausnahme-Regime wie im terrorgeplagten Tschetschenien einzuführen. Die Geiselnahme sei von ausländischen Kräften geplant worden, die den Normalisierungsprozess in der Kaukasusrepublik stören wollten, so Putin. Das Geschehen stehe in einer Reihe mit den Attentaten in Indonesien und auf den Philippinen. Nach

Informationen aus dem Einsatzstab halten die Geiselnehmer telefonischen Kontakt mit Mitverschwörern in der Türkei, in Tschetschenien sowie in den Vereinten Arabischen Emiraten. Putin wie auch Vertreter des für die Terrorbekämfung zuständigen Geheimdienstes FSB erklärten, dass die Befreiung der Geiseln beim weiteren Vorgehen des Staates oberste Priorität habe.

Allerdings lässt man auch durchblicken, dass von einer Erfüllung der Forderung der Terroristen nicht die Rede sein könnte. Bisher läuft die Taktik der Sicherheitsorgane darauf hinaus, Zeit zu gewinnen, in Verhandlungen die Versorgung der Geiseln mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe zu gewährleisten und die Geiselnehmer zur Freilassung weiterer Menschen zu bewegen. Gleichzeitig wurden die Sicherheitsmaßnahmen um den Tatort verstärkt: Presse und Schaulustige wurden einige hundert Meter abgedrängt, ein gegenüberliegendes Altersheim wurde evakuiert, während Miliz und Armee ein wahres Feldlager errichteten. Auch ist ein Zaun ist im Aufbau - angeblich, um eine Flucht der Täter zu verhindern.

Am Nachmittag kamen die für Stunden unterbrochenen Kontakte mit den Terroristen wieder in Gang: Die Geiselnehmer akzeptierten einige Duma-Abgeordnete - aber nur als Mittelsmänner und nicht, wie es zunächst gehießen hatte, im Austausch gegen Geiseln. Josif Kobson, zugleich ein bekannter Sänger und Showstar, ging zweimal in das besetzte Gebäude hinein. Beim ersten Mal kehrte er mit drei Kindern, einer Frau und einem erkrankten britischen Staatsbürger zurück. Der zweite Vermittlungsversuch brachte dagegen keinen offensichtlichen Erfolge: Kobson und seine Begleiter, die prominenten liberalen Politiker Irina Chakamada und Boris Nemzow, fuhren danach in den Kreml, um Bericht zu erstatten.

Sie waren von den maskiert und mit Sprengstoffgürteln auftretenden Terroristen nicht zu den Geiseln im Zuschauersaal vorgelassen worden, konnten aber offenbar Absprachen über die ärztliche Behandlung von Geiseln un die Freilassung einiger weiterer Kinder treffen. Die Geiselnehmer ließen dabei durchblicken, dass sie an einer weiteren Pendeldiplomatie dieser Art nicht interessiert sind, sondern nur noch "ernsthafte und konkrete Vorschläge" der Staatsführung entgegennehmen wollen. "Wir kamen hierher, um zu sterben", erklärten sie den Parlamentariern.

(ld/rUFO)

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