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NTW-Sondersendung zum Geiseldrama (Foto: NTW/rUFO)
NTW-Sondersendung zum Geiseldrama (Foto: NTW/rUFO)
Mittwoch, 30.10.2002

Die Lage normalisiert sich doch schon längst

Von Karsten Packeiser, Moskau. Einen Tag nach dem Sturm des Moskauer Musical-Theaters begann der Staatssender „Majak“ (Leuchtturm) seine Nachrichten mit der Meldung, dass die meisten befreiten Geiseln sich gut fühlten und bald nach Hause gehen könnten. Auf Informationen über die Todesopfer, die der Sturm gefordert hatte, warteten die Radiohörer vergeblich. Die Berichterstattung über das Moskauer Geiseldrama zeigt einmal mehr, dass es sich die staatsnahen Medien Russlands in den letzten Jahren wieder abgewöhnt haben, unangenehme Fragen anzusprechen.

Während die Opferzahlen in den Moskauer Krankenhäusern immer weiter steigen, wird die Befreiungsaktion von Kremlloyalen Radio- und Fernsehsendern als unbezweifelbarer Sieg der Sicherheitskräfte und auch für Wladimir Putin persönlich eingestuft. Denn das Schlimmste, eine Explosion des verminten Musical-Theaters sei vermieden worden.

Putin selbst und seine Medienberater vermieden während des Geiseldramas immerhin die Fehler, die sie noch beim Untergang der Kursk begangen hatten. Damals war der Präsident während der chaotischen Rettungsarbeiten mit seinem hemdsärmeligen Auftritt an der russischen Ferienküste bei Sotschi in so ziemlich jedes nur mögliche Fettnäpfchen getreten.

Alle übten sich in Selbstzensur

Beim Moskauer Geiseldrama zeigte er sich nun als echter Staatsmann. An die Angehörigen der Opfer wandte er sich in einer Fernsehansprache mit den Worten: „Wir konnten nicht alle retten. Verzeihen Sie uns.“ Im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zeigte er sich entschlossen und unnachgiebig. Bei der ersten Massengeiselnahme durch ein tschetschenisches Himmelfahrtskommando in Budjonnowsk war die russische Regierung 1995 noch eingeknickt. Dieses Mal, so Putin, habe sich Russland „nicht in die Knie zwingen“ lassen. In Ausschnitten wird die Ansprache an die Nation unzählige Male wiederholt.

Ein ganz anderer Tenor klingt aus den Berichten der verbliebenen kritischen elektronischen Medien, aber auch vieler Moskauer Zeitungen. Bereits in der ersten Nacht des Geiseldramas ließ der Fernsehsender TWS etliche Experten wie den aus Tschetschenien stammenden Ex-Parlamentschef Ruslan Chasbulatow zu Wort kommen, die alle nur das eine erklärten: Angesichts des russischen Vorgehens in Tschetschenien sei das Auftauchen von mit Sprengstoff behängten Kamikadse-Terroristen vor den Toren des Kreml leider nicht verwunderlich. Beharrlich zweifelt auch der Radiosender „Echo Moskaus“ die offiziellen Angaben über verwendete „Spezialmittel“ und die Zahl der Opfer an.

Um eine Selbstzensur kam unterdessen während der dramatischen Moskauer Tage niemand herum. „Wir haben beeindruckende Bilder nicht gezeigt, weil sie den Geiseln hätten schaden können“, sagte ORT-Generaldirektor Konstantin Ernst in einem Zeitungsinterview. Live-Übertragungen vom Beginn des Sturms auf das Theater bezeichnete er als gefährlichen „Schwachsinn“. Auch die Terroristen hätten schließlich einen Fernseher gehabt.

Der Sender „Moskowija“ verlor seine Lizenz

Die von den Terroristen erzwungenen Anti-Kriegsdemos in Moskau wurden vom Staatsfernsehen vollständig ausgeblendet. Der Sender NTW, dessen Journalisten als einzige ein Interview mit dem Terroristen-Chef Mowsar Barajew aufzeichneten, spielten die Bilder ohne O-Ton ab.

Presseminister Michail Lessin persönlich hatte ernsthafte Konsequenzen angedroht, sollte den Geiselnehmer eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung geboten werden. Den eigentlich für seine stramm patriotischen Inhalte bekannten Sender „Moskowija“ erwischte es dennoch. Er verlor die Sendelizenz wegen „Verbreitung terroristischer Propaganda“. Welcher Bericht den Zorn des Presseministeriums erzeugt hatte, ist bis heute unklar.

Immerhin vermeiden auch die vom Kreml gelenkten Staatsmedien, die Tschetschenen zum Feindbild zu stilisieren. Der Krieg in der Kaukasus-Republik, so die offizielle Ansicht, sei ja auch bereits seit langem vorbei. Nicht die Tschetschenen als Volks sind der Feind, sondern fast besiegte Reste eines Terroristen-Trupps. Staatssender zeigen ausführliche Berichte über den friedlichen Wiederaufbau der Republik. Als der liberale Duma-Politiker Boris Nemzow bei ORT eine politische Lösung des Konflikts anmahnte, damit sich die Lage in Tschetschenien normalisieren könne, unterbrach ihn die Moderatorin mit den Worten: „Aber die Lage normalisiert sich doch schon längst.“

Weit verbreitet ist dagegen im russischen Fernsehen die Kritik an der westlichen Presse. Fast triumphierend hielt ein russischer Korrespondent in New York eine amerikanische Zeitung in die Kamera, die es endlich erkannt habe: Die Rebellen sind in Wirklichkeit Terroristen. Noch immer, so lauten die Klagen, würden die tschetschenischen Kampfgruppen von vielen westlichen Medien aber weiter als Rebellen oder Aufständige bezeichnet. Was für die Moskauer Presse Zweifel daran nährt, ob Russland vom Westen als vollwertiges Mitglied der Anti-Terror-Internationale akzeptiert wird.

(epd).

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