Moskau. Viele russische Militärs reagieren auf Anna Politkowskaja, wie der Stier auf das sprichwörtliche rote Tuch. Seit Jahren berichtet die Journalistin der Moskauer Wochenzeitung "Nowaja Gaseta" über den Krieg in Tschetschenien, das Elend der Flüchtlinge und Übergriffe der Militärs. Für ihre Artikel hat sie internationale Journalistenpreise, aber auch Morddrohungen erhalten. Mit Politkowskaja, deren Buch “Tschetschenien – Die Wahrheit über den Krieg” in diesem Februar auch in Deutschland in die Buchläden kam, sprachen Stephanie Prochnow und Karsten Packeiser.
aktuell.RU: In Ihrem Buch versprechen Sie den Lesern, die „Wahrheit über Tschetschenien“ zu erzählen. Interessieren sich die Menschen in Russland überhaupt für diese Wahrheit?
Politkowskaja: Ich kann nicht sagen, dass ich in Russland ein sehr großes Echo erhalten habe. Viel mehr Reaktionen gibt es in Deutschland oder Frankreich. Von russischen Lesern erhalte zwei Sorten von Briefen: entweder mit sehr bösen Anschuldigungen, in denen ich häufig beleidigt werde. Das sind die meisten. Die zweite Sorte von Post nenne ich „depressive Briefe.“ Die Leute sind völlig niedergeschlagen. Sie verstehen, was in Tschetschenien vor sich geht und sind sicher, dass man dort nichts ändern kann.
aktuell.RU: Teilen Sie die Ansicht Ihrer „depressiven Leser“, dass Tschetschenien hoffnungslos in einer Sackgasse steckt?
Politkowskaja: Ich bin Journalistin und habe eigentlich kein Recht, depressiv zu sein. Aber ich bin sicher, dass man für seine Ansichten kämpfen muss. Ich bin davon überzeugt, dass alles getan werden muss, damit Putin Verhandlungen beginnt. Das wäre ein erster Schritt, um die Region zu befrieden.
Ausweiskontrolle in Tschetschenien (
aktuell.RU: Im Moment sieht es nicht danach aus, dass in Moskau jemand solche Verhandlungen will. Im Gegenteil: Russland bemüht sich gerade um die Auslieferung von Achmed Sakajew, eines der letzten möglichen Unterhändler der Rebellen, den Sie in Ihren Berichten verteidigen.
Politkowskaja: Ich habe nicht den Eindruck, dass ich ihn verteidige. Über den Prozess wird kaum berichtet, obwohl dort etwas für unser Land sehr Wichtiges geschieht. Vor dem Gericht in London findet eine juristische Auseinandersetzung darüber statt, was die „antiterroristische Operation“ in Tschetschenien in Wirklichkeit bedeutet, was dort in Wirklichkeit vor sich geht. Wer Aslan Maschadow ist. In allen russischen Dokumenten wird er als nur noch als „Anführer illegaler Kampfgruppen“ bezeichnet.
aktuell.RU: Wer ist er denn für Sie?
Politkowskaja: Für mich ist er der Präsident Tschetscheniens, der gestürzt wurde.
aktuell.RU: …zuvor aber rechtmäßig gewählt worden war?
Politkowskaja: Aber natürlich. Ich habe keine gute Meinung von Maschadow. Denn er stellte sich als ein sehr schwacher Präsident heraus. Aber es lässt sich nun einmal nicht leugnen, dass er rechtmäßig gewählt wurde.
Grosny (Foto: Tutow/.rufo)
aktuell.RU: Was denken Sie über die jüngsten Vorgänge in Tschetschenien. Ist die Annahme der Verfassung nicht vielleicht doch ein Ausweg aus der Krise und besser als die absolute Anarchie, die zuvor herrschte?
Politkowskaja: Für mich ist wichtig, dass alles in Übereinstimmung mit dem Gesetz vor sich geht. Die föderale Regierung sagt, dies sei die erste Verfassung Tschetscheniens. Aber vorher gab es auch eine Verfassung und einen anderen Präsidenten. Es ist schlecht, noch mehr Öl in das Feuer des tschetschenischen Bürgerkriegs zu gießen. Ich lehne all diese Vorgänge daher ab. Auch nach der Annahme der Verfassung hat sich nichts geändert. Den jungen Mädchen, die nachts entführt werden, nützt die Verfassung nichts.
aktuell.RU: Wie war die Stimmung in Tschetschenien, als Sie zum letzten Mal dort waren?
Politkowskaja: Die Leute sind sich sicher, dass ihnen Kadyrow als neuer Präsident aufgezwungen wird und dass der Krieg deshalb weitergeht. Das wäre eine sehr schlechte Wahl.
A. Maschadow (Foto: Chasanow/.rufo)
aktuell.RU: Und wenn in Tschetschenien nun doch echte Wahlen abgehalten werden und derjenige gewinnt, für den die Mehrheit der Menschen stimmt?
Politkowskaja: Die Ergebnisse könnten gefälscht werden, wenn für Kadyrow mindestens zehn oder fünfzehn Prozent stimmen. Dann könnten seine Ergebnisse aufgeblasen werden, die Technologien dafür sind ja bekannt. Wenn er aber ein Prozent erhält, hilft auch keine Wahlfälschung mehr. Deswegen dürfen die Tschetschenen jetzt nicht in Apathie verfallen, von ihnen hängt in der Tat viel ab. Aber viele Familien sind schon eingeschüchtert worden.
aktuell.RU: Kam es für Sie überraschend, dass die tschetschenischen Rebellen immer häufiger zum Einsatz von Selbstmordattentätern greifen?
Politkowskaja: Erstens sind es nicht „die Rebellen“, die zum Terror greifen und zweitens hat es mich nicht gewundert, dass es in Tschetschenien immer mehr Menschen gibt, die bereit sind zu sterben, wenn sie dabei möglichst viele derer mit in den Tod reißen, die sie für schuldig an ihrer eigenen Tragödie halten. Alles lief darauf zu. Als sich alle sechs Monate eine Tschetschin in die Luft sprengte, winkten die Militärs ab: Eine einzelne Verrückte sei keine Bedrohung. Aber diese Bewegung wird weitergehen, wenn der Krieg nicht beendet wird. Das sage ich nicht, weil ich so schlau bin, sondern weil ich mit den Menschen dort rede und höre, was sie sagen.
aktuell.RU: Ihre Kritiker werfen Ihnen Einseitigkeit bei der Berichterstattung vor.
Politkowskaja: Ich bin damit ganz und gar nicht einverstanden. Ich verschweige nichts, auch nicht die Verbrechen der Kämpfer. Wenn ich von solchen Fällen erfahre, schreibe ich darüber. Im Juni habe ich darüber berichtet, wie eine Gruppe von Rebellen ein abgelegenes Bergdorf überfallen hat. Ich habe anschließend Maschadow ein Ultimatum gestellt.
aktuell.RU: Ein was bitte?
Politkowskaja: Na ja, so habe ich das für mich genannt. Ich habe ihm über Mittelsmänner einen Brief übergeben, in dem ich von dem Überfall schrieb und davon, dass meine Position ihm gegenüber entscheidend davon abhängt, was er darauf antwort. Auf den konkreten Vorwurf, dass Dorfbewohner von den Kämpfern des Widerstandes misshandelt wurden.
aktuell.RU: Die Position vieler seiner letzten Sympathisanten war aber doch schon klar, als er die Massengeiselnahme im Moskauer Nord-Ost-Theater nicht verurteilte.
Politkowskaja: Maschadow lebt unter sehr schwierigen Verhältnissen. Er hat kein Fernsehen. Zeitungen erreichen ihn mit einmonatiger Verspätung. Mit seinen Vertretern kommuniziert er über Audiokassetten und erhält ihre aufgenommenen Antworten einen Monat später. Ich schließe nicht aus, dass er von der Geiselnahme erst Ende Oktober erfahren hat.
aktuell.RU: Wie hat Maschadow denn auf Ihr Ultimatum reagiert?
Politkowskaja: Ich warte noch auf die Antwort.
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