Moskau. Die Gründungskonferenz der Kreml-treuen Jugendbewegung „Naschi“ endete chaotisch: Eine junge Frau randalierte auf der Bühne. „Sie wurde erschossen“, scherzte Sprecher Wassili Jakemenko später makaber.
Die junge „demokratisch-antifaschistische“ Bewegung „Naschi“ („Die Unsrigen“) hatte die Presse zu ihrer Gründungsveranstaltung in den großen Saal der russischen Akademie der Wissenschaften gebeten. Harte Sicherheitskontrollen erwarteten dort die Journalisten.
An der Garderobe bot sich ein gespenstisches Bild: Hunderte identischer rot-weißer Jacken unterstrichen betont die Einheit der neuen Bewegung. „Eine Armee braucht eine Uniform. Das war doch immer schon so“, kommentierte die Garderobenfrau die Situation. Im Saal bot sich dann ein ähnlicher Anblick. Die zahlreichen Naschi-Aktivisten schwenkten rot-weiße Fähnchen und trugen das „Naschi“-Programm, Blöcke und Stifte in den gleichen Farben bei sich.
Erst Napoleon und Hitler, jetzt der Terrorismus
„Naschi“-Sprecher Wassili Jakemenko stellte zunächst das Programm vor, das gleich anschließend von den anwesenden Mitgliedern einstimmig angenommen wurde. Als politische Ziele der Bewegung nannte er den Schutz der Souveränität und der Werte Russlands, die Modernisierung des Landes und die Formation einer politisch und gesellschaftlich aktiven Zivilgesellschaft.
Schon Napoleon und Hitler hätten davon geträumt, Russland einzunehmen, führte Jakemenko aus. Die aktuelle Bedrohung der Gegenwart sei der Terrorismus. Inhaltlich scheint die Organisation große Ähnlichkeit zu der ebenfalls Putin-treuen Jugendorganisation „Gemeinsam Gehende“ aufzuweisen, die in der Vergangenheit von Jakemenko gegründet und geführt wurde.
Gegen Faschisten, Liberale und Bürokraten
„Wir betonen nicht die persönliche Beziehung zu Präsident Putin“, erklärte Jakemenko, „aber wir halten diejenigen für unsere politische Gegner, die seine politischen Überzeugungen nicht teilen“. Als Feinde der Organisation bezeichnete er „Faschisten und deren Sympathisanten, also auch Liberale und Bürokraten“.
Randale bei „Naschi“
Als sich nach Annahme des Programmes Saal und Podium schon zum Absingen der Nationalhymne erhoben hatten, kam es plötzlich zum Tumult. Der historische Augenblick der Gründung wird den Mitgliedern wohl noch lange in unangenehmer Erinnerung bleiben.
Der Berufs-Jugendliche des Kreml: Wassili Jakemenko (foto: aj/rufo)
Eine junge Frau stürmte auf die Bühne und fegte Wasserflaschen, Mikrofone und Fähnchen schwungvoll von den Tischen. Sie wurde sofort von Sicherheitskräften abgeführt. Die große Schar der anwesenden Journalisten stürmte hinterher, Sprecher Jakemenko plädierte vergeblich auf Nichtbeachtung des Zwischenfalls. „Solche Leute meinte ich in meiner Rede“, kommentierte er. „Bitte beruhigen sie sich, es ist alles in Ordnung“.
„Dürft ihr schon allein in die Disco?“
Auf der nachfolgenden Pressekonferenz war die Stimmung dementsprechend aufgeheizt und aggressiv. Neben Jakemenko stellten sich vier Mitglieder von „Naschi“ den Fragen der Journalisten. Die teils pickligen, sehr jung wirkenden Studenten schienen auf den Auftritt nicht entsprechend vorbereitet: Mit teilweise hochroten Gesichtern antworteten sie nur dann, wenn sie namentlich dazu aufgefordert wurden, rhetorisch eher schwach und inhaltlich unstimmig.
Dementsprechend bissig waren die Fragen der Presse: „Wissen Eure Eltern, dass ihr hier seid? Dürft ihr abends schon allein in die Disco?“ „Selbstverständlich!“ brauste Jakemenko an Stelle der Angesprochenen auf. „Eine dumme Frage“. Und wieder: „Es ist alles in Ordnung“. Das schlimmste Manko der heutigen Jugend sei ihre politische und gesellschaftliche Apathie, kommentierte der Sprecher. Er sei stolz auf die jungen Mitglieder seiner Bewegung.
Randaliererin war bewaffnet
Auch Fragen nach dem Schicksal der jungen Randaliererin, die einige der Pressevertreter als Olga Schalina, Mitglied der Nationalen Bolschewistischen Partei, erkannt hatten, wurden laut. „Sie wurde natürlich erschossen“, versuchte Jakemenko einen misslungenen Scherz. „Das Schicksal dieser Frau interessiert mich überhaupt nicht“. Später meldete gazeta.ru, Schalina habe eine Schusswaffe bei sich getragen.
“Das wird jedem so gehen, der die Hand gegen uns erhebt“
Im Folgenden berichtete Jakemenko, wie in Kaluga ein Milizionär einen „Naschi“-Aktivisten geschlagen habe und am Folgetag Tausende Mitglieder der Bewegung vor Ort protestierten. Noch am Abend sei der Milizionär aus dem Dienst entlassen worden. „Und das wird jedem so gehen, der die Hand gegen ein Mitglied unserer Bewegung erhebt“, kommentierte Jakemenko auf der Pressekonferenz.
Insgesamt gab der „Naschi“-Chef ein eher unglückliches Bild ab. Auf die Frage nach der Namenswahl der Bewegung erklärte er, die meisten Mitglieder hätten eben für diesen Entwurf gestimmt. Das Rot in der Flagge symbolisiere die historische Vergangenheit Russlands, die weiße Farbe dessen Zukunft. Jakemenko kommentierte einige Fragen in verächtlichem Tonfall und ließ Journalisten das Wort entziehen, so dass zwei sogar demonstrativ den Raum verließen.
„Kasparow sympathisiert mit den Faschisten“
Auf die Frage, wen die Bewegung denn konkret als Faschisten und damit als ihre Gegner bezeichne, antwortete Jakemenko: „Ryschkow, Chakamada und unzweifelhaft Kasparow sympathisieren mit den Faschisten. Sie verbindet nur eines – der Hass auf Putin“. Später sagte eine junge Aktivistin der Bewegung gegenüber Journalisten, sie wisse auch nicht genau, wie ein Faschist aussehe. Sie glaube aber schon, dass alle Nichtmitglieder von „Naschi“ immerhin Sympathisanten von faschistischen Organisationen seien.
Unfairer Schachzug gegen Kasparow
Ein potentielles Opfer der letzten Aussage Jakemenkos könnte Ex-Schachweltmeister Kasparow geworden sein. Auf einem Treffen mit Jugendlichen am gleichen Tag trat ein junger Mann mit einem Autogrammwunsch an ihn heran und schlug ihm dann das mitgebrachte Schachbrett auf den Kopf.
Kasparows Beraterin Marina Litwinowitsch äußerte sogleich die Vermutung, dass „Naschi“ hinter der Tat stehe. Der Pressesekretär der Putin-treuen Jugendbewegung dementierte den Vorwurf jedoch umgehend und bemerkte, der Schach-Angriff sei wie das Umwerfen von Wasserflaschen auf der Gründungsveranstaltung nur ein Glied in einer ganzen Kette von Provokationen. Kasparow selbst kommentierte, er sei froh, dass zu Sowjetzeiten Schach und nicht Baseball ein populärer Sport gewesen sei.
„Naschi“ schon 2008 starke politische Kraft
In Bezug auf die politischen Fernziele seiner Bewegung hielt sich Sprecher Jakemenko mit Kommentaren zurück. Zu den Wahlen 2008 sehe er „Naschi“ jedenfalls als eine wesentliche politische Kraft. Eventuell werde die Bewegung auch noch rechtzeitig als Partei registriert, um schon an den Parlamentswahlen im Jahre 2007 teilnehmen zu können.
Populäre Unterstützung hat „Naschi“ jedenfalls schon. Als Gäste der Konferenz erschienen Bildungsminister Andrej Fursenko und der Gouverneur des Gebietes Twer, Dmitri Selenin, ein Mitglied der Kreml-Partei „Einiges Russland“.
(aj./rufo)
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)