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Frierende Mädchen rufen Studenten zum Trinken.
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Freitag, 25.03.2005

Alkopops in Russland: Auf der Suche nach Erfolg

Von Alexej Knelz, Moskau. Erfrischende zwölf Grad Minus sind wohl das beste Alibi, sich zwecks Aufwärmen einen Scharfen zu genehmigen. Dieses hat auch die russische Werbeagentur „Union LinX“ erkannt. Ihre Leute schenken auf öffentlichen Plätzen gratis „Smirnoff Ice“ an Jugendliche aus. Aber nicht zum Auffrischen, sondern um Marktanteile für das Alkopop zu gewinnen.


„Hallo, möchten sie gratis einen neuen und köstlichen Cocktail probieren?“ fragt ein in rot eingemummtes Fräulein unweit der Metrostation „Uniwersitet“. Sie steht neben einem am Straßenrand geparkten, zur mobilen Trinkstätte umgebauten Bus mit greller „Smirnoff Ice“-Aufschrift.

„Hier entlang, bitte“, brüllt die junge Dame, als sie den gellenden Dieselgenerator zu übertönen versucht, der wohl den Energiedurst des Busses stillt. Sie geleitet ins Innere der rollenden Bar, wo ebenso ohrenbetäubender Krach herrscht – allerdings von der Stereoanlage, die wohl die Jugend ansprechen soll.

Das Innenleben des alten Mercedes-Busses ist unspektakulär: eine kleine Einmann-Bar, Spiegel an den Wänden, ein paar Fußmatten mit Logo des Alkopop-Herstellers, zwei Monitore, auf denen Werbespots laufen – ausreichend für erfolgreiche Promotion? Hierzulande anscheinend schon.

Supervisor fürs Branding und Sampling

Dieser Meinung ist auch Alexander, Student an einer Moskauer Hochschule und vorläufiger Einsatzleiter des mobilen Wirtshauses. Er selbst nennt sich in neurussischer Manier „Supervisor“, ist für das „Branding“ und das „Sampling“ verantwortlich.

Der junge Mann sorgt für Ordnung, damit der Alkohol fließen kann. So hat er die Befehlsgewalt über den Wächter, der die Jungtrinker auf Volljährigkeit untersucht, und die drei Animateur-Damen draußen in der Kälte. Er bestimmt auch die Route sowie die Haltestellen, die der Bus abfährt.

Dieses Mal hat er einen besonders guten Standplatz erschnuppert: zwischen dem Hauptgebäude der Lomonossow-Universität und der U-Bahnstation „Uniwersitet“. Eine strategisch günstige Lage – alle Studenten, die zwischen Metro, Markt und Wohnheim unterwegs sind, kommen zwangsläufig am Bus vorbei. Das sind, wenn man nur die Einwohnerschaft der Uni betrachtet, rund 6.000 potentielle Vorkoster.

Die Klientel besteht aus trinkfreudigen Studenten

Der tüchtige Student hat eine exakte Vorstellung darüber, wo sich das Ausschenken lohnt: „Wir stehen meistens an Hochschulen, Studentenwohnheimen und Clubs“, sagt Alexander. Neben seinem Bus sind noch zwei weitere Cocktail-Mobile in Moskau und eins in St. Petersburg unterwegs. Täglich von 13 bis 18 Uhr.

In diesem Bus gibt es Alkohol gratis.
In diesem Bus gibt es Alkohol gratis.
Diese Methode findet Alexander vollkommen in Ordnung. „Es ist eine ganz gewöhnliche Kampagne, es geht uns nur ums Bekanntmachen“, sagt der Busmanager. „Sie haben das Biertrinken in der Öffentlichkeit verbieten wollen“, erinnert er sich an den krampfhaften Versuch der Duma, den Jugendalkoholismus in den Griff zu kriegen, „wir haben die Alternative zum Bier.“

Alexander sieht auch keine Gefahr in den Alkopops. „Wir bieten es ja nur Volljährigen an“, meint der Supervisor. „Außerdem sprechen wir keine Frauen an, nur junge Männern“, erklärt er kurzerhand die Strategie. Just in diesem Moment kommen zwei leicht taumelnde, junge Frauen aus dem Bus. „Diese hier haben konsequent nachgefragt, da dürfen wir auch nicht nein sagen“, klärt Alexander blitzartig die Situation auf.

Alkopops im Russland-Feldzug

Die Markteinführung von „Smirnoff Ice“ soll laut Alexander letztes Jahr im Sommer gewesen sein. Seitdem habe sich das Getränk ständig zu etablieren versucht. Aber mit wenig Erfolg – Russland ist und bleibt ein konservatives Land, was die Getränkewahl betrifft. Wodka und – in den letzten 15 Jahren verstärkt – Bier prägen das Party-Menü der Jugendlichen.

Damit soll jetzt Schluss sein. Schließlich hat ja selbst die Duma das Biertrinken in der Öffentlichkeit verbieten wollen. Alexander stimmt der Staatsführung zu, dass das Gebräu der Mönche schlecht sei: „Bier macht dick“, punktet er für sein Produkt, das angeblich kalorienarm ist (ungeachtet der 710 kcal auf 100 g reinen Alkohol). Dazu sehe das 275 Milliliter-Alkopop-Fläschchen auch schöner aus, als eine 0,5-Liter-Bierpulle.

Man kann sich damit in der Öffentlichkeit zeigen, ohne gleich als Alkoholiker abgestempelt zu werden. Und dank dem Wegbleiben von Einschränkungen für schwache Alkoholika in der russischen Gesetzgebung sieht die Zukunft des kleinen Alki-Zwergs zumindest in Russland rosig aus.

Europa schlägt Alarm wegen zunehmendem Jugendalkoholismus

In Europa hingegen hat es längst warnendes Fanfarendröhnen wegen den Alkopops gegeben. Nach Untersuchungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2003 verursache der Genuss von Alkopops einen erhöhten Drang zum Trinken. Die Reklamemacher positionieren ihre Ware deutlich als Imagegetränk im jugendlichen Trend. Mit der Konsequenz, dass 2003 allein in Deutschland viermal so viel Alkopops getrunken wurden als 1998.

Vor zwei Jahren drückten deswegen erst Frankreich und hinterher die Schweiz den leckeren Suchtmachern eine enorme Steuer auf. Deutschland folgte im September 2004. Mit dem Ergebnis, dass der Alkopop-Konsum und somit die Wahrscheinlichkeit eines frühen Alkoholismus bei Jugendlichen rapide gesunken sind.

Diese das Geschäft schädigende Maßnahmen zwangen wohl die Hersteller, nach neuer Kundschaft Ausschau zu halten. Und wo in Europa gibt es – jedenfalls dem Klischeedenken nach – eine trinkfreudigere Gesellschaft, als in Russland?

Leichtes Spiel mit russischen Jugendlichen

Ihre Vermutung bestätigt auch Alexander: „Wir hatten schon Fälle, dass Leute zigmal gekommen sind und Nachschlag verlangt haben.“ Für gewöhnlich gebe es nur ein Mal gratis nippen. Wer hartnäckig bleibe, bekomme einen zusätzlichen Degustationsbecher. Doch hinterher ist wirklich Schluss. Demnach findet das „Cocktail“ bereits, wenn auch noch gratis, Stammkundschaft.

Diese begibt sich hinterher in Clubs, wo die Alkopops zurzeit besonders im Aufmarsch sind. Eine Flasche kostet rund 30 Rubel (etwa 0,90 Euro) – etwas mehr, als eine Flasche Bier. Und der Alkoholgehalt der kleinen „Longneck“, wie das Fläschchen trendy heißt, entspricht dem eines doppelten Wodkas, der bei 70 bis 90 Rubel liegt.

„Es kam tatsächlich schon vor, dass sich die Leute in Clubs mit dem Smirnoff überschätzt haben“, erzählt Alexander. Die Konsequenzen dürften jedem bekannt sein.

Be smart – drink responsibly

Smart sein und verantwortungsbewusst trinken, fordert der Getränkehersteller. Seine Werbefachkräfte zeigen bereits Cleverness: Um 21.00 Uhr steht der Bus trotz angekündigten Feierabends um 18.00 Uhr immer noch am selben Platz. Der Generator versorgt die wummernde Stereoanlage, eines von den drei Fräuleins hält im Dunkeln Ausschau nach später Kundschaft, deren angeheiterte Vertreter eben aus dem Bus steigen. Die wird in Moskau noch lange nicht ausgehen.


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