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Freitag, 27.04.2001

Ein Handstand für die Atomenergie

Von Gisbert Mrozek (Moskau). Zu guter letzt macht Wladimir Schikalow einen perfekten Handstand. Einarmig auf dem Küchenstuhl. „Das soll mir erstmal jemand mit 61 Jahren nachmachen“, sagt der Tschernobyl-Veteran nicht ohne Stolz. Dabei hat er sich in den Tagen der Katastrophe eine Strahlenbelastung von 52 rem eingefangen – mehr als das Doppelte der zulässigen Höchstdosis. Und niemand war dichter dran an dem zerstörten Reaktor als Wladimir Schikalow, der damals die Messtrupps leitete. Unter dem Reaktor, über dem Reaktor. Auf dem zerstörten Dach. Im Gebäude. Ja, Angst hatte er, sagt er heute, 15 Jahre danach. Und dies ist der Anfang eines Berichtes, der den meisten Vorstellungen über Tschernobyl widerspricht. Den darum viele lieber nicht lesen mögen.

Es war die Angst, über halbzerstörte Treppen und Feuerleitern, unter herabhängenden Betonplatten und Stahlträgern in Richtung Reaktor zu klettern. Immer in der Ungewissheit, trotz des Dosimeters in der Trümmerwüste plötzlich auf einen neuen Strahlenherd zu stoßen, vor dem man nicht schnell genug zurückweichen kann. Es war ein wenig so, erinnert er sich, wie die Angst, als er das erste Mal in seinem Leben an einer steilen Skiabfahrt stand. Aber er überwand diese Angst – und liebt es bis heute, auf einem Bein stehend, den anderen Ski in die Luft gereckt, auf Huckeltrassen in die Tiefe zu wedeln, auf denen manche Profis scheitern würden. Ich habs selbst gesehen. Und er überwand natürlich auch damals die Angst in Tschernobyl – in dem Bewusstsein, etwas zu tun, was sein muss und was niemand sonst so gut kann wie er. Sagt er.



Wladimir Schikalow war schließlich wahrhaftig kein Laie, sondern bereits Leiter des Labors für automatisierte Kontrollsysteme des Moskauer Kurtschatow-Institutes. Und darum war er auch dabei, als am Sonntag, dem 27.April 1986 in Moskau die ersten Krisenstäbe gebildet wurden. Das Bewusstsein der Gefahr wuchs im Laufe des Tages lawinenartig an, erinnert er sich. Am Sonntagabend war schon die Staatsspitze in den Stäben vertreten.



Es war klar, dass es Tote gegeben hatte, aber es war unklar, was mit dem Reaktor passiert war und welche Folgen dies haben würde. Ein ausgearbeitetes Aktionsprogramm gab es darum nicht. Am 2.Mai war Wladimir Schikalow als Diensthabender im Stab und weil er verstand, dass er nichts verstand, entwickelte er eine Idee, wie dies zu ändern sei.



„Im Prinzip war es eine ganz einfache Idee“, sagt er. Da der Reaktor eigentlich auf 14 Meter Höhe lag, müsste es doch möglich sein, entlang der Kabelschächte bis unter den Reaktor vorzudringen. Und die Kabelschächte aller sowjetischen AKWs kannte Wladimir Schikalow in- und auswendig. Sie waren geschlossen, relativ sauber und durch dicke Betonplatten eingeschlossen.



Zusammen mit Professor Michail Mitelman aus dem Kurtschatow-Institut und dem ehemaligen U-Boot-Fahrer Georgij Reichtman (der übrigens bis zur Stillegung des Reaktors im Jahre 2000 Abteilungsleiter in Tschernobyl blieb) arbeitete sich Schikalow bis auf 18 Meter Entfernung an den Reaktor heran. Von hier aus konnte gemessen werden, geschützt durch drei Meter dicken Beton.



„Das war ein riesiger Erfolg“, erinnert sich Wladimir Schikalow. Erst jetzt war klar, dass der Reaktorkern nicht durchgeschmolzen war. Drei Etagen unter dem Reaktor waren relativ intakt geblieben. Es war also nicht nötig, einen Betonschutzschild unter den Reaktor zu schieben. Ab dem 2.Juni 1986 wurde hier regelmäßig gemessen.



Als nächstes vermaß Schikalows Messtrupp die Strahlenbelastung im Gebäude selbst. Teilte es ein in schwarze, rote, gelbe und grüne Zonen. Schwarze und rote Zonen waren tödlich. Gelbe kurzfristig zugänglich. In den grünen Bereichen blieb auch bei längerem Aufenthalt die Strahlenbelastung innerhalb der vorgeschriebenen Normen, sagt Schikalow. Es gab diese Normen – und sie wurden eingehalten, versichert er. Meistens. 25 rem ist nach den sowjetischen Vorschriften die maximal zulässige Dosis für Reaktorpersonal im Falle eines Unfalles. Schikalow handelte sich alleine im Jahre 1986 bei insgesamt 144 Tagen Einsatz in Tschernobyl 52 rem ein. Davor hatte er allerdings schon ein Jahrzehnt lang auf dem Atomtestgelände von Semipalatinsk Bestrahlung akkumuliert.



Es wurde alles Erdenkliche gemessen, um zu verstehen, was im Reaktor abläuft. Von einem Hubschrauber aus wurde eine 18 Meter lange „Nadel“ mit Messgeräten von oben her in den Reaktorsaal gestellt. Später ließ Pilot Melnik eine „Girlande“ genannte Trosse mit Messgeräten in den noch stehenden Schornstein des Reaktors hinab, die am Schornsteinrand mit einem Anker festgekrallt wurde. Trotz allem konnten aber nur mehr 30 Prozent des radioaktiven Materials aus dem Reaktor überhaupt lokalisiert werden.



„Wir hatten Angst bei jeder Operation“, erinnert sich Schikalow. „Wir wussten, was Strahlenkrankheit ist“. Unter dem Reaktor war es noch relativ sicher. Schlimmer war es, durchs zerstörte Gebäude zu klettern. Immer unter der Atemschutzmaske, hinter der es trotzdem ständig penetrant nach verbranntem Plastik stank. Es waren „einige hundert Mann“, die da im Einsatz waren: aus dem Kurtschatow-Institut, aus Ukrainischen Instituten und aus dem sowjetischen Verteidigungsministerium. „Alle waren sich der Gefahren bewusst.“ Am Anfang hatten alle einen trockenen Dauerhusten, weil die Schleimhäute durch Beta-Strahlung beschädigt waren. Alle kannten die Grenzwerte – waren aber immer in der Gefahr, sie zu überschreiten. „Daran kann man sich nicht gewöhnen.“



Das Schlimmste war das Dach des Reaktorgebäudes, das übersät war mit radioaktiven Trümmern und Brennstoffresten, die durch die Explosion heraufgeschleudert worden waren. Die Militärs versuchten, das Dach zu reinigen. „Die wollten handeln, um jeden Preis“. Viele Tausend Soldaten, sagt Schikalow wurden auf das Dach geschickt, wo jeder für wenige Sekunden im Einsatz war, um ein paar Trümmer wegzuschaffen. „Wir waren dagegen. Aber erst, nachdem wir mit einer riesigen Folie, die mit Messgeräten gespickt war, die Radioaktivitätsverteilung auf dem Dach gemessen hatten, konnten wir beweisen, dass die Säuberungsaktion der Militärs nichts gebracht hatte. Brennstoffreste hatten sich in die Bitumenschicht des Daches eingebrannt. Schließlich setzen wir durch, dass das Dach einbetoniert wurde. Der Kampf gegen die Bürokraten erforderte genausoviel Mut, wie auf das Dach hinauszugehen.“



„Ich habe überall versucht, Schockbelastung zu vermeiden“, sagt Schikalow. Bei jedem Einsatz war er – wie auch alle anderen - mit verschiedenen Dosimetern ausgerüstet. Trotzdem kostete ein einziger Tag einmal 17 rem. Das war der 25.Mai unter dem Reaktor. „Und auch das Dach war nicht billig“.



Wladimir Schikalow, der wusste, was er tat, hat seitdem nicht nur sich selbst ständig weiter kontrolliert, sondern auch über die Gesundheit und das Schicksal von 682 Liquidatoren - vor allem aus den Messtrupps - akkurat Buch geführt. 682 Menschen, die im Durchschnitt mit 12 rem belastet wurden. Manche um ein Vielfaches mehr. Das Ergebnis ist frappierend:



Es gab keine Fälle von Leukämie. Alle sind so gesund oder so krank, wie der Bevölkerungsdurchschnitt auch – unabhängig davon, wie stark einer der Liquidatoren belastet war. Es gibt keinen feststellbaren Zusammenhang zwischen Strahlenbelastung – die sich in etwa im Rahmen der Normen hält – und Erkrankungen.



Im Gegenteil: Bis jetzt ist die Sterblichkeitsrate unter Schikalows 682 Liquidatoren etwas niedriger als in der Gesamtbevölkerung.



„Das soll nicht heißen, dass Strahlung gesund ist“, sagt Wladimir Schikalow. „Natürlich gibt es eine tödliche Dosis. Natürlich gibt es Strahlenkrankheit. Natürlich verursacht vor allem Belastung mit radioaktivem Jod bei Kindern Schilddrüsenkrebs. Und natürlich hat Radioaktivität Auswirkungen auf das Erbgut. Aber Strahlenbelastung im Rahmen der Normen hat nicht die Folgen, von denen immer geredet wird.“



Sagts und macht einen einarmigen Handstand auf dem Küchenstuhl - der Wladimir Schikalow, 61, der Vater von zwei erwachsenen Töchtern ist. Und immer noch im Kurtschatow-Institut an der Weiterentwicklung von Überwachungs- und Steuerungssystemen arbeitet.



PS.: Wir denken, dass dieser Bericht Widerspruch provoziert und eine Diskussion auslöst. Kommentare bitte direkt auf dieser Seite unter dem Artikel. Oder in unserem Forum.

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