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Müde, Spadnaja-Kapitalnaja. (Foto: ntvru.com))
Müde, Spadnaja-Kapitalnaja. (Foto: ntvru.com))
Dienstag, 28.10.2003

Grubenunglück: Besser, wenn man gemeinsam stirbt

Von Gisbert Mrozek, Moskau. Das Zechengelände sieht streckenweise aus wie die Kulisse für einen Weltkriegsfilm. Gebäuderuinen, leere Fensterhöhlen, vernagelte Eingänge, verrostete Anlagen. „Das ist alles nur passiert, weil sie gespart haben. Weil sie die fünf Mann von der Wasserpumpstation entlassen haben. Obwohl es doch schon im Januar einmal einen Wassereinbruch gegeben hatte.“ Dem wiederspricht niemand in der dichtgedrängten grauen Menschentraube nicht weit vom Hauptschacht von „Sapadnaja-Kapitalnaja“.

Darum haben sich also 28 Millionen Tonnen Wasser in einem unterirdischen See aufgestaut. Bis schliesslich der Beton den Druck nicht mehr aushielt und die Wassermassen losbrachen und alles auf ihrem Wege weggerissen und wegspülten. „Wasser unter Tage ist schlimmer als Feuer“, meint einer der ergrauten Grubenveteranen.

„Mein Mann ist auch da unten“, sagt Lubow Tkatsch. „Das letzte Mal hat er im März seinen Lohn nach Hause gebracht. Es waren 350 Rubel – statt der 2.500 (71.- Euro) , die ihm zustehen. Seitdem hat man ihm gar nichts mehr gezahlt“. Auch Lubow steht im Dunkeln nicht weit von dem offenen Maul des Katastrophen-Schachtes.

In endlosen Kolonnen fahren schwere Kamas-LKWs gewaltige Felsbrocken, Schutt und Müll an und kippen es in den Abgrund. Lubow weint und weiss, dass ihr Sergej wohl da unten bleiben wird. Und sie alleine mit ihren zwei Kindern und ihrer Invalidenrente. „Sogar die Kohleration für den Hausgebrauch hat es seit langem nicht mehr gegeben. Wir werden im Winter frieren müssen.“

Sergej Tkatsch hatten seine Kollegen das letzte Mal wohl am Freitag gesehen. Da hatten sie sich, 17 Mann stark, halb watend, halb schwimmend durch den Wasserstrom gekämpft und auf eine höhergelegene Stelle gerettet. Hatten dort im Dunkeln noch eine Gruppe von 17 Mann gefunden und wussten erstmal nicht mehr weiter.

„Sergej hat sich plötzlich umgedreht“, erzählt sein Brigadier später. „Hat gesagt: ich gehe los, einen Ausweg suchen. Und ist im finsteren Gang verschwunden, der schon voller Wasser war. Plötzlich ist auch seine Grubenlampe erloschen. Vielleicht weil er hingefallen ist. Zwei von uns sind ihm noch nachgelaufen, haben gerufen und ins Dunkel hinein geschrieen. Haben eine Stunde lang im kalten Wasser gestanden und gehofft, Sergej werde ihre Lampen sehen und auf das Licht zulaufen.“

Aber Sergej kam nicht. Sonst wäre er jetzt oben bei seiner Lubov und seinen zwei Kindern. „Es ist nicht gut, wenn man alleine ist“, sinniert einer seiner geretteten Kollegen. „Besser ist es, wenn man gemeinsam stirbt.“

Gerettet hat die 33 Mann nicht das Moskauer Katastrophenschutzministerium, nicht die schnell eingeflogenen Rettungstaucher, nicht die Anweisung Putins, alles zu tun, um das Leben der Kumpel zu retten. Gerettet hat sie ein Zufall. Zufällig hatte einer einen Telefonhörer mit. Zufällig waren sie in einem Schacht, in dem die Telefonkabel an der Wand noch intakt waren. Und sie konnten nach oben melden, wo sie waren. Wurden rausgeholt – und erschöpft, dreckig, nass, müde, ausgehungert, glücklich – aber auf den eigenen Beinen – gleich in den Krankenhäuser abgefahren. Das war am Sonntag.

Seitdem gibt es immer noch Hoffnung, aber kein Lebenszeichen mehr aus 700 Meter Tiefe. Nicht von Sergej Tkatsch und den anderen 12 Mann, die gleich am Anfang als das Wasser kam, in die andere Richtung gegengangen ware. Sie flüchteten vor dem Wasser. Dabei war auch der gerade neuernannte Grubendirektor und sein Stellvertreter, die an ihrem ersten Arbeitstag zur Inspektion eingefahren waren. Um zu überprüfen, wie der Sicherheitszustand der Grube ist.

Wahrscheinlich ist diese ganze Gruppe jetzt an der höchstgelegenen Stelle in dem endlosen Labyrint, das sich über mehr als 100 Kilometer erstreckt. Schliesslich war Brigadier Volodja Nechajew bei ihnen und der kennt sich aus.

Davon sind zumindest die Kollegen überzeugt, die jetzt von der Nachbarzeche „Komsomolskaja“ aus durch einen Kohlenflöz in fieberhafter Eile einen Rettungstunnel dorthin vorantreiben, wo sie die Vermissten vermuten. Auf eigene Faust, weil sie sich selbst mehr zutrauen als den Profis vom Katastrophenschutzministerium.

Zerfledderte Montur, unrasiert, müde. Alte löcherige Stiefel an den Füssen. Aber unermüdlich, weil sie wissen, wie das ist, wenn man da unten alleine im Dunkeln ist. Und sie haben es geschafft. Haben tatsächlich in drei Tagen den Tunnel gegraben. Fast 60 Meter weit. Haben die gerade mal zwei Meter dicke Wand, die sie noch von den Verschollenen trennte durchbohrt. Haben sich gefreut, weil das kein Wasser rauskam. Aber es gab auch kein Lebenszeichen.

Noch drei oder vier Tage Zeit haben die Rettungsmannschaften, sagen die Katastrophenschützer. Oder vielleicht auch länger. Je nachdem, ob es gelingt, das Wasser aufzuhalten, das unaufhörlich in den Hauptschacht läuft und die tiefergelegenen Stollen absaufen lässt.

Gleich nach der Katastrophe hat man versucht, es aufzuhalten. Erst waren es gewaltige Felsbrocken und Bauschutt, die ununterbrochen lkw-weise in den Schlund gekippt wurden. Aber der Schacht schluckt alles. Es gelang nicht, die viel höher gelegene Wassereinbruchstrelle abzudichten. Auch Gasrohre und Eisenbahnschienen verschwanden in der Tiefe.

Schliesslich wurde sogar einer der LKW hineingestürzt. Aber auch er verkeilte sich nicht wie geplant. Eine Lokomotive von der Werksbahn fiel in die Tiefe und das Wasser lief doch weiter.

Sogar einen Schützenpanzer wollte der Kommandeur der Katastrophenschützer, Generalmajor Viktor Kapkanschtschikow als Propfen einsetzen, hatte aber keinen zur Hand. Schliesslich wurde eine abenteuerliche Konstruktion aus Rohren, Schienen, Trossen, Schwellen wie eine ungetüme Weltkriegs-Panzersperre zusammenmontiert und in den Schacht geworfen. Das half: Die Konstruktion verklemmte sich. Man konnte erstmal wieder aufschütten. Aber das Wasser lief weiter.

„Wir haben die Grube schon einmal vor dem Wasser gerettet“, sagt Bergarbeiter Juri Sinitsyn. Das war im Januar 2003. Damals konnte das eingesickerte Wasser abgepumpt werden. Danach aber wurde die Pumpstation geschlossen. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Grubenbetreiber Rostov-Ugol und dessen Muttergesellschaft, den moskauer Privatkonzern „Russische Kohle“, an den das Moskauer Energieministerium, dem die Gruben im Gebiet Rostow eigentlich gehören, auch die Zeche „Sapadnaja-Kapitalnaja“ verpachtet hatte.

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