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Igor Maximytschew, langjähriger sowjetischer Gesandter in Berlin und Deutschlandkenner (Foto: Knelz/.rufo)
Igor Maximytschew, langjähriger sowjetischer Gesandter in Berlin und Deutschlandkenner (Foto: Knelz/.rufo)
Donnerstag, 07.07.2005

Deutsch-russische Beziehungen vor dem Wandel?

Moskau. Wie könnten sich die deutsch-russischen Beziehungen entwickeln, wenn nicht mehr Gerhard Schröder, sondern Angela Merkel Kanzler wäre? Der Moskauer Politologe Maximytschew sieht gemäßigt schwarz.



Igor Maximytschew arbeitete von 1987 bis 1992 als Gesandter der sowjetischen Botschaft in Berlin, erlebte die Wiedervereinigung mit und meint, die politische Lage in der Bundesrepublik Deutschland gut einschätzen zu können.

Nach einem kurzen Exkurs in die Geschichte der deutsch-russichen Beziehungen teilte Maximytschew auf einer Pressekonferenz mit, dass die gegenwärtig unstabile politische Lage vor den Bundestagswahlen in Deutschland zur Unsicherheit im Lande und zur Destabilisierung in ganz Europa führe.

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Gerhard Schröder werde nach Ansichten des ehemaligen Gesandten zu heftig kritisiert. Dies sei aber auf den Wahlkampf, der in Deutschland momentan in vollem Gange sei, zurück zu führen: „Es fallen nur oberflächliche Anschuldigungen: die Reformen kämen zu spät, ihre Durchführung sei zu unkonsequent“, bemerkt Maximytschew. Der Reformkurs an sich bleibe von der Opposition aber verschont. Für den Politikwissenschaftler der Beweis dafür, dass die Rot-Grüne Regierung mit der eingeschlagenen Richtung sogar bei der Opposition – auch wenn nicht öffentlich – Zustimmung fände.

Innenpolitik bleibt gleich, Zusammenarbeit mit Russland auch

Falls Angela Merkel „den Bundeskanzler-Sessel erringen würde“, so spekuliert Maximytschew, würde die Innenpolitik unverändert fortgeführt (auf Näheres ging er nicht ein), oder allerhöchstens „kosmetisch verschönert“.

Was die Außenpolitik angeht, so zeigte sich der Politologe optimistisch. „Die Aussage ,je weniger Putin desto besser’ stammt zwar von Frau Merkel, dies bedeutet aber noch nicht, dass die russisch-deutschen Beziehungen darunter leiden müssen“. Die strategische Zusammenarbeit der beiden Staaten werde durch diese Aussage nicht in Frage gestellt.

Immerhin habe Helmut Kohl dereinst seinen Kollegen
Michail Gorbatschow 1987 in einem Interview mit „Newsweek“ mit Josef Goebbels verglichen. Allerdings auf „nette“ Weise. Kohl lobte Gorbatschow für sein demagogisches Talent. Dies habe nicht etwa zu Komplikationen geführt. Im Gegenteil am Ende verband die beiden Regierungschefs eine „gute Freundschaft“.

Abkühlung der Russland-Beziehungen

Eine Abkühlung der deutsch-russischen Beziehungen sei aber trotzdem möglich. Und zwar von deutscher Seite aus: „Es wäre zwar besser, wenn das Verhältnis Deutschland-Russland keinen Morgenfrost durchmachen müsste. Doch wenn Deutschland Morgenfrost will – bitte schön. Russland wird ihn überleben.“ Allerdings würden die wirtschaftlichen Beziehungen durch diese zeitlich befristete Abkühlung auf keinen Fall leiden.

Der Hauptgrund für die Beziehungskälte sei die proamerikanische Haltung der Bundeskanzlerkandidatin. „Es ist noch unklar, wie sich Angela Merkel verhalten wird“, sagte Maximytschew. Am wahrscheinlichsten sei aber, dass sie wie schon zuvor die Bush-Politik unterstützen wird, statt bei der europäischen Dreifaltigkeit Chirac-Merkel-Putin mitzumachen.

Die Kandidatur Stoibers für den Posten des Außenministers in einer Merkel-Regierung befürwortet Maximytschew hingegen. „Er erinnert mich an Franz-Josef Strauß“, bekannte der Politologe. „Er übt ähnlich konstruktive Kritik, die unseren Ländern zugute kommen könnte“. Den Konservatismus lobte der Ex-Gesandte: „Stoiber beweist, dass der Konservatismus russlandfreundlicher ist, als der radikale Liberalismus“.

Kritik an den Medien

Diser „linke Liberalismus“ erntete weitere Maxymitschew-Minuspunkte in der Kategorie Presse und Medien. Die deutschen Medien sind nach Meinung des Politikwissenschaftlers zu subjektiv, reagieren zu obszön, präsentieren die negativen Seiten Russlands mit Genuss. Und das nicht etwa nur in jüngster Zeit, sondern traditionell seit 1914 (also dem Ausbruch des 1. Weltkrieges). Jüngstes Beispiel sei die Chodorkowski-Berichterstattung in den deutschen Medien. „Einen Dieb sollte man ihrer Meinung nach nicht verurteilen, sondern belohnen“, interpretiert Maximytschew den deutschen Berichts-Tenor.

Gemeinsame Politik für ein starkes Europa

Russland reagiere aber zu empfindlich auf diese Berichterstattung, gab er zu. „Wir benehmen uns wie hintergangene Liebhaber, denen man in die Seele gespuckt hat.“ Stattdessen sollte Russland den Medienrummel ruhiger über sich ergehen lassen.

„Wir werden nicht Grobheiten mit Grobheiten vergelten“, postulierte der Politologe. Präsident Wladimir Putin werde die von der russischen Seite aus warmen und freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland weiterhin pflegen. Auch falls die Bundestagswahl tatsächlich im September stattfinden und Angela Merkel gewinnen sollte. „Wir betreiben gemeinsame Politik für ein starkes Europa“, resümierte Igor Maximytschew.

(ali/.rufo)


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