Von Karsten Packeiser, Moskau. Sie hassen den Westen und seine Werte, kämpfen gegen eine angebliche jüdische Weltverschwörung und wollen den Wunderheiler Rasputin und Iwan den Schrecklichen heilig sprechen. Innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche wächst der Einfluss radikal-nationalistischer Kreise. Aus Angst vor einer neuen Kirchenspaltung duldet das Patriarchat die Fundamentalisten in den eigenen Reihen.
„Die so genannte Trennung von Kirche und Staat ist dumm und gefährlich“, heißt es in der Parteizeitung der Bewegung „Für das Heilige Russland“, die bei den Dumawahlen im Dezember antritt. Die Partei - ohne Chance, die Fünf-Prozent-Hurde zu meistern - fordert, der orthodoxen Kirche den Rang einer Staatsreligion einzuräumen und die 1917 abgeschaffte Monarchie wieder einzuführen.
Das orthodoxe Patriarchat hält sich offiziell fern von jedweder Parteipolitik und vermeidet Stellungnahmen zu politischen Streitfragen. Patriarch Alexi II. wird von den radikalen Fundamentalisten fur seine guten Beziehungen zur russischen Führung offen kritisiert. Um ihren Einfluss auf das gesellschaftliche Leben zu steigern, setzt die Kirche auf gemäßigt nationalistische Organisationen wie den „Bund rechtgläubiger Bürger“, der beispielsweise groß angelegte Protestaktionen gegen den Papst-Besuch in der Ukraine organisierte.
„Der größere Teil der innerkirchlichen Nationalisten und Fundamentalisten steht heute loyal hinter dem Patriarchat“, sagt Alexander Werchowski, Autor des unlängst erschienenen Buches „Politische Orthodoxie“. Doch das war nicht immer so: Als Ende der 90er Jahre Gläubige in den neu eingeführten russischen Steuernummern die Zahl des Antichristen ausmachten, setzte sich
das einflussreiche Moskauer Sretenski-Kloster zeitweilig an die Spitze der Proteste gegen den Zahlencode.
Obwohl die Hysterie eindeutig dem Willen des Patriarchen widersprach, musste dieser die russische Regierung bitten, Rücksicht auf die Gefühle der Gläubigen zu nehmen, als die Bewegung gegen die Steuernummern unkontrollierbare Ausmaße annahm. Ähnlich deutlich spürte Alexij den Widerstand der orthodoxen Fundamentalisten bereits Anfang der 90er Jahre, nachdem er sich mit einer Gruppe amerikanischer Rabbiner getroffen hatte. Aus Protest wurde Alexij von einer Reihe von Geistlichen unter anderem des größten russischen Klosters in Sergiew Possad nicht mehr bei der Gottesdienst-Fürbitte erwähnt.
Seitdem wurde in der orthodoxen Kirche kein Versuch mehr unternommen, den innerkirchlichen Antisemitismus zu diskutieren, dem bei weitem nicht nur die extremen Fundamentalisten frönen. In manchen Moskauer Kirchen werden offen antisemitische Hetzschriften verkauft. Die orthodox-nationalistische Wochenzeitung „Russkij Westnik“ („Russischer Bote“), die zum zehnjährigen Bestehen ein herzliches Glückwunschschreiben Alexijs erhielt, hatte einige Jahre zuvor ein Buch des Holocaust-Leugners Jurgen Graf abgedruckt.
Bei den nächsten Wahlen eines neuen Patriarchen werden die Fundamentalisten noch keine Chance haben, einen Kandidaten ihrer Wahl durchzusetzen, glaubt Autor Werchowski. Doch mittelfristig könnten die Fundamentalisten zu einer noch machtigeren Kraft werden, zumal der
liberale Flügel innerhalb der orthodoxen Kirche „vollständig besiegt“ sei. Die Liberalen, die sich für eine Modernisierung der russischen Kirche und deren intensivere Teilnahme an der Ökumene aussprechen, hatten 1990 durch den bis heute nicht aufgeklärten Mord an dem Priester Alexander Men ihre charismatische Galionsfigur verloren und sind seitdem in Bedeutungslosigkeit verfallen.
(epd)
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... und in der Ferne glänzen die goldenen Kreml-Kuppeln vor dem Winterpanorama der Stadt Moskau. Das historische Moskau, das "Goldköpfige" genannt, hatte 40x40 goldene Kirchenkuppeln. ( Topfoto: mig/.rufo)