Von Karsten Packeiser, Moskau. Sie werden bis zu 1.200 Kilogramm schwer, sehen aus wie riesige zerzauste Rinder, muhen aber nicht, sondern grunzen allenfalls von Zeit zu Zeit. Die fünf Wisente, die in einem Gatter des Aufzuchtzentrums im russischen Priokskij-Naturreservat stehen, gehören einer Tierart an, die dem Aussterben so nahe war, dass es sie eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Jetzt planen Naturschützer und Umweltbehörden die Ansiedelung einer 1.000 Tiere starken Population in den Wäldern Zentralrusslands.
Natalja Treboganowa, die Chefin des Wisent-Aufzuchtzentrums, legt ein paar Heuballen nach, die ihre Schützlinge gierig verschlingen. Während ihres Studiums machte sie ein Praktikum in dem Park und war so fasziniert von den Wisenten, dass sie blieb. Sie kennt ihre Tiere. „Wisente paaren
sich nie vor den Augen der anderen Herdentiere“, erzählt sie über das romantische Liebesleben der Huftiere, „sie gehen zu zweit tief in den Wald, um ungestört zu sein.“
Natalja Treboganowa und ihre Schützlinge (Foto: Packeiser/epd/rUFO)
Die urigen Wildrinder im Gatter für Neueingänge, die aus den Schweizer Zoos von Bern und Winterthur nach Russland gebracht wurden, widersetzen sich vorerst ihrer Auswilderung. In der äußersten Ecke ihres riesigen Geheges stehen sie so dicht wie möglich an den Futtertrögen. Eine
lärmende Kindergruppe lässt sich vor dem Gehege die Unterschiede zwischen dem europäischen Wisent und dem amerikanischen Bison erklären.
Vor allem an Sommerwochenenden kommen täglich bis zu dreißig voll besetzte Reisebusse aus Moskau und den anderen Großstädten der Umgebung in den Park gerollt. Dann drängeln sich die Besucher auch in dem kleinen Souvenir-Laden, wo es Wisent-Postkarten und Wisent-T-Shirts
zu kaufen gibt. Die Gäste des Zuchtzentrums bringen ein wenig Geld in die leeren Kassen des Priokskij-Naturreservats, in dem auf nur 50 Quadratkilometern etwa 50 Säugetier- und über 130 Vogelarten leben. Die notorischen Geldprobleme der vom Staat vergessenen russischen Nationalparks und Schutzgebiete können jedoch auch ein paar verkaufte Andenken nicht lösen.
Wisent im Zuchtzentrum (Foto: Packeiser/epd/rUFO)
Dabei spielte das Wisent-Zentrum 100 Kilometer südlich von Moskau eine Schlüsselrolle bei der Rettung der Tierart. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs schien ihr Schicksal bereits besiegelt. Die letzten Exemplare in freier Wildbahn wurden dahingemetzelt, als das Russische Reich in den
Bürgerkriegswirren versank und sich niemand Gedanken um Tierschutz machte. In verschiedenen über die Welt verstreuten Zoos lebten damals noch zwölf fortpflanzungsfähige Tiere.
Inzwischen gibt es wieder etwa 3.000 Exemplare in Zoos und Wildparks auf der ganzen Welt sowie in einigen Nationalparks. „In den Tiergärten Europas vermehren sich die Wisente so sehr, dass die Europäer inzwischen oft gar nicht mehr wissen, wohin mit ihnen“, sagt Treboganowa. Im Priokskij-Naturreservat bereitet sie die Tiere langsam auf das Leben in freier Wildbahn vor. Ausgewählte Exemplare werden zur Zucht dabehalten, nicht immer ging das ohne Probleme ab.
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Die ersten Auswilderungsversuche zu Sowjetzeiten endeten mit einem Fiasko. Zuerst setzten die russischen Zoologen ihre Wisente in einem Nationalpark in der ukrainischen Steppe aus, dort fanden die Tiere nichts zu fressen und verendeten. Dann konzentrierte sich das Auswilderungsprogramm auf den Kaukasus, und Wisente aus dem Zucht-Zentrum wurden nach Ossetien und Tschetschenien transportiert. Kurz darauf begann Anfang der 90er Jahre für die Kaukasus-Region eine Zeit von Krieg und Chaos. Angaben darüber, ob Tiere überlebt haben, gibt es nicht. „Wir gehen davon aus, dass alle umgekommen sind“, sagt Treboganowa.
In den zentralrussischen Verwaltungsgebieten Orjol, Brjansk und Kaluga ziehen Behörden, russische Umweltschützer und die Umweltstiftung WWF an einem Strang. Hier wurden neue Naturschutzgebiete eingerichtet und die ersten Tiere aus dem Zuchtzentrum in die Freiheit entlassen.
Die Wisent-Experten im Priokskij-Nationalpark hoffen, dass die Tiere dieses Mal besser auf das Leben ohne menschliche Hilfe vorbereitet sind.
Die ersten Wisente in der Region hatten aber noch eine regelrechte Sehnsucht nach der Zivilisation entwickelt. „Die kamen buchstäblich in die Kuhställe der Kolchosen gelaufen“, erinnert sich Natalja Treboganowa. Letztlich sei das nicht verwunderlich, denn die Wisente hätten schließlich über Generationen hinweg nur ein Leben in Gefangenschaft gekannt.
(epd).
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