Die Heimat des russischen Weihnachtsmanns wird zum Pilgerziel
Von Karsten Packeiser, Welikij Ustjug. Bei minus 25 Grad knirscht der Schnee unter den Stiefeln. Eisiger Wind fegt vom zugefrorenen Suchona-Fluss über die Uferstraße, wo sich eine orthodoxe Kirche an die andere reiht. Welikij Ustjug, seit dem Mittelalter Vorposten des Zarenreiches im äußersten Nordosten Europas, hatte schon immer einen magischen Klang.
Von hier starteten Händler und Eroberer zu ihren Entdeckungsreisen nach Sibirien und Alaska. Heute ist das Provinzstädtchen wieder in aller Munde. Welikij Ustjug ist die offizielle Heimat von „Väterchen Frost“.
Der russische Weihnachtsmann Djeduschka Moros bringt den Kindern gemeinsam mit seiner Helferin Snegurotschka, dem Schneefräulein, in der Neujahrsnacht die Geschenke.
In Welikij Ustjug ist der Alte mit dem langen weißen Bart und dem Geschenkesack inzwischen überall: In den Schaufenstern, auf dem Dach des Hotels, sogar auf der Heckflosse der Flugzeuge, die den Miniaturflughafen vom 500 Kilometer entfernten Gebietszentrum Wologda ansteuern.
Weihnachtsmann-Post (Foto: Packeiser/rUFO)
Von einem in Rosa gestrichenen Altbau am „Prospekt der Sowjets“, der Hauptstraße von Welikij Ustjug, hängen meterlange Eiszapfen. Hier befindet sich die Stadtresidenz des Weihnachtsmanns samt Postamt und Souvenirladen.
Egal, von wo aus russische Kinder an ihn schreiben, der Wunschzettel landet hier. „Wir beantworten jeden Brief“, sagt Galina Tschernizina, die Leiterin des Postamts, voller Stolz. Knapp eine halbe Million Schreiben hat sie mit ihren vier Mitarbeiterinnen in den letzten Jahren bearbeitet.
„An Väterchen Frost. Nordpol, Lappland“, steht in krakeliger Kinderschrift auf einem Umschlag ohne Briefmarke, der ebenfalls den Weg nach Welikij Ustjug fand. Viele Kinder, weiß Galina Tschernizina, wünschen sich nicht nur Spielsachen oder Süßigkeiten, sondern schicken Bilder und selbst Gebasteltes an Väterchen Frost.
Zuweilen erhält der Weihnachtsmann auch kuriose Anfragen. „Liebes Väterchen Frost“, schreibt etwa ein Junge, „ich will keine teuren Geschenke von Dir. Aber bitte schick meiner Oma einen Sack mit Dollars.“
Kirchen am Ufer des Suchona-Flusses (Foto: Packeiser/rUFO)
Acht Kilometer von der Stadt entfernt liegt der neue Palast von Väterchen Frost, ein dreistöckiger Holzbau mit vielen Türmchen und Zinnen, auf den ersten Blick ein wenig kitschig. Kinder und ihre Eltern können das ganze Jahr über die Arbeits- und Schlafzimmer des obersten russischen Weihnachtsmannes besichtigen.
Im Thronsaal bittet Väterchen Frost, eine zwei Meter große Hünengestalt, mitsamt einem Hofstaat von kostümierten Helfershelfern zur Audienz. „Hier gibt es ein Märchen zum Anfassen“, sagt die „Chosjajka“, die Haushälterin des Weihnachtsmanns, die in einem bunten Fantasiekostüm die Besucher durch die Gemächer führt.
„Väterchen Frost ist kein Clown. Er ist gutherzig, ruhig und nachdenklich, aber er kann auch streng sein“, erzählt sie den Gästen.
Weihnachtsmann-Souvenirladen in Welikij Ustjug (Foto: Packeiser/rUFO)
Gerade mal 3.000 Besucher verirrten sich früher in die Kleinstadt inmitten der Taiga. 2009 kamen schon mehr als eine Million Menschen in das Gebiet um Wologda. „Welikij Ustjug zur Heimat von Väterchen Frost zu erklären, war die beste nur denkbare Idee“, freut sich Jurij Plechanow, Tourismus-Chef im Verwaltungsgebiet Wologda.
Mit ihren unzähligen historischen Bauwerken habe die Stadt zwar viel zu bieten, aber nicht genug, damit sich Moskauer oder Petersburger Familien für eine so weite Reise entscheiden. Den echten Weihnachtsmann aber gebe es nur hier.
„Andere Städte hatten die Idee früher als wir“, gesteht eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung, „aber sie hatten nicht genug Geld, um die Kampagne ins Rollen zu bringen.“
Welikij Ustjug aber hatte einen mächtigen Freund in Moskau. Oberbürgermeister Juri Luschkow besuchte die Stadt 1998 nach einer verheerenden Hochwasserkatastrophe und verliebte sich sofort in sie. Die Idee, Väterchen Frost in Welikij Ustjug anzusiedeln, wurde aus Moskau großzügig gesponsert.
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Inzwischen ist das Städtchen so berühmt, dass es mit dem Besucheransturm zum Jahreswechsel gar nicht mehr zurechtkommt. Vor Neujahr sind auch alle Privatquartiere und sogar Internatswohnheime auf Monate im Voraus ausgebucht.
Viele Besucher kommen deshalb morgens im Sonderzug und reisen am Abend wieder ab. „Wir stehen erst am Anfang unserer Entwicklung“, sagt der ehemalige Bürgermeister Michail Detkow.
Auch der finnische Santa Claus, der offizielle Weihnachtsmann der westlichen Welt, war bereits zwei Mal zu Besuch bei seinem Kollegen. Rivalität zwischen den beiden Weihnachtsmännern gebe es nicht, heißt es. „Wir hatten zuerst ein wenig Angst vor ihm“, erinnert sich die Haushälterin von Väterchen Frost, „aber dann hat er uns alle ganz heftig umarmt“.
(epd)
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