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Freitag, 23.03.2001

Der letzte Weg der Mir

Von Gisbert Mrozek (Moskau/Koroljow/ZUP). Auch zwei Flaschen Sowjetskoje Schampanskoje standen auf dem Verkaufstresen in der Kaffeebar der Flugleitzentrale. Zwei Flaschen Schampanskoje, auch ein paar Wodkaflaschen. Sauber aufgereiht, akkurat im gleichen Abstand voneinander und von der Tischkante. So standen sie die ganze Nacht über, in der die Mir im Pazifik versenkt wurde, aber niemand rührte sie an.

Wahrlich keinem von den mehreren Hundert Beobachtern, Gästen, Experten, Journalisten und Mitarbeitern war zum Feiern zumute. Und schon gar nicht denen, die auf der Mir geflogen waren, wie Siegmund Jähn, der erste DDR-Kosmonaut, der da in der Kaffeebar an seiner Tasse nippt.
2:38:01 Moskauer Zeit. Flugleitzentrale im Städtchen Koroljow. Knapp eine Stunde Zeit noch, bis zum ersten Bremsimpuls. Beleibt, mit einem zuversichtlichen, festen Lächeln auf dem wie immer leicht geröteten Gesicht kommt Jurij Koptew erstmals in den grossen Saal der Flugleitzentrale, die auf russisch ZUP abgekürzt wird. Im Gefolge des Chefs der russischen Raumfahrbehörde die anderen Grössen der russischen Raumfahrt. Wladimir Solowjow, Leiter des ZUP, der heute die Mir beerdigen muss, die er vor 15 Jahren als erster Kommandant an Bord der ersten bemannten Weltraumstation selbst aufgebaut hatte. Vier Mal war er dann noch auf der Mir, einer von den 104 Menschen, für die die Mir Heimstatt und Arbeitsplatz war.

„Wir werden heute zeigen, welches Potential und welches Personal die russische Raumfahrt hat“, sagt Solowjow. „Wie ist denn die Stimmung ?“ ruft eine junge Journalistin aus der Menge. „Wie schon ?“ fragt Jurij Koptew zurück. „Wir haben zu arbeiten.“ Die Tür zum Analysezentrum, in der die Flugbahn-Daten der Mir später ausgewertet werden sollen, schliesst sich hinter Koptjew und Gefolge. 2 Uhr 41.

Die Sitzreihen auf dem grossen Balkon im Flugleitsaal füllen sich allmählich. Noch 40 Minuten bis zum ersten finalen Bremsimpuls. Es sind unverhältnismässig viele Japanische Gesichter unter den Beobachtern. In wenigen Stunden soll die Mir auf ihrem letzten Weg, wenige Minuten bevor sie in die Athmosphäre eintaucht, noch Nordkorea und Japan überfliegen.

02:52:17 zeigt die Uhr auf dem überdimensionalen Bildschirm. Der Leuchtfleck, der die Position der Mir markiert, bewegt sich auf der riesigen Weltkarte irgendwo in der Gegend der Galapagosinseln. Er rutscht langsam und unaufhaltsam auf der rot markierten Sinuskurve auf den Punkt zu, an dem der erste Bremsimpuls kommen soll. Eine ruhige sonore Männerstimme erklärt in russisch, was eine sanfte Frauenstimme für die ausländischen Gäste übersetzt, die nicht russisch können: Die acht Triebwerke des Transporters Progress M1-5, der an die Mir angekoppelt ist, werden die Raumstation abbremsen, die noch mit einer Geschwindigkeit von 28.000 Stundenkilometern in über 200 km Höhe um die Erde rast. Unaufhaltsam auf den Punkt kurz vor der indischen Küste zu, wo der Bordcomputer der Mir die Triebwerke für eine halbe Stunde lang zünden soll. Mir ist nicht mehr zu helfen.

03:11:18. Aus diesem Saal, vor diesen Bildschirmen wurde 15 Jahre lang der „Orbitalnyj Kompleks Mir“ gesteuert. Es hat sich nicht besonders vieles geändert. Nur die Ehrentafeln mit den Namen der Kosmonauten und Besatzungen im Eingangsbereich wurden immer mehr. Und unter der grossen Weltkarte, auf der heute die Mir zum letzten Mal die Erde umrundete, sind drei Werbetafeln angebracht, wie Bandenwerbung beim Sechs-Tage-Rennen.

Zu Sowjetzeiten hätte es das nicht gegeben, dass in Moskau Reklame für amerikanische Computer gemacht wird – oder dass die gestrengen Kontrolleure der Cocom-Exportkontrollbehörde etwa den Export von hochwertigen Rechnern ins Reich des Bösen erlaubt hätten. Aber die PCs, die heute an den Arbeitsplätzen zusätzlich aufgebaut sind, haben keine entscheidende Bedeutung für die Flugkontrolle. Und die ZUP-Mitarbeiter verweisen auch mit Stolz darauf, dass keine importierte Software in den ZUP-Rechnern eingesetzt wird. Und schon gar keine Windows-Programme.
03:17:43. Unten im Saal versammeln sich ein paar weisshaarige Männer und eine jüngere Frau um das Pult mit dem Schildchen „Flugleiter“, auf dem ein kleines unscheinbares Modell der Raumstation steht. Etwa nur einen halben Meter lang ist es – und der Mittelpunkt des ganzen Saales. Weitere ZUP-Mitarbeiter stellen sich dazu, gruppieren sich um das Modell und den Flugleiterplatz.

Gruppenbild mit Dame - vor dem Hintergrund der Weltkarte, auf dem die Mir ihrem Untergang entgegenfliegt. Viele Erinnerungsbilder entstehen in dieser Nacht an diesem Platz. Hin und wieder greifen sich ein paar der Menschen da unten nach den Augen. „Es ist für mich fast unvorstellbar, dass in diesem Saal heute das Licht ausgehen wird, dass hier alles leer sein wird, wo 15 Jahre lang die Mir gesteuert wurde“, sagt Alexander Lasutkin, Kosmonaut.

Lasutkin war im Katastrofenjahr 1997 als Bordingenieur zusammen mit dem Kommandanten Wassilij Ziblijew und dem deutschen Astronauten Reinhold Ewald auf der Mir. Die Unglückserie begann mit einem Sauerstoffpatronenbrand, den Kommandeur Ziblijew allerdings schnell mit der Lasutkins Hose ersticken konnte. Dann wurde es nur noch schlimmer: Die Sauerstoffgeneratoren und die Stabilisatoren fielen aus, die Stromversorgung brach zusammen, der Bordcomputer wollte nicht mehr – und schliesslich schlug ein Progress-Raumtransporter beim Andocken die Mir leck.

Die Welt zitterte um die Mir und die mutigen Männer an Bord der klapperigen Kiste im Kosmos. Aber schliesslich mussten die Besatzung sich doch nicht in die bereitstehende Sojus-Kapsel retten. Evakuiert wurde doch nur das leckgeschlagene Wissenschafts-Modul „Spektr“ und nicht die ganze Station. Reinhold Ewald hatte da schon seinen Platz auf der Mir für den US-Astronauten Michail Foyle freigemacht.

Heute werden zusammen mit der Mir die Zahnbürste und die Unterwäsche Foyle’s verglühen, die zurückblieben, als „Spektr“ fluchtartig geräumt wurde. Verbrennen wird auch die Guitarre, die Thomas Reiter für die nachfolgenden Besatzungen auf der Mir zurücklies, die Bordbibliothek, ein Koran, eine Bibel, ein aufklappbares Plastikweihnachtsbäumchen, eine kleine Videothek mit Softerotik zur Anhebung der Arbeitsfähigkeit und ein Foto des Urvaters der Kosmonautik, Jurij Gagarin, das schon seit 20 Jahren um die Erde fliegt. Erst mit Sojus-Raumschiffen, dann mit der Mir. 86.328 Erdumkreisungen von jeweils anderthalb Stunden Länge hatte die Mir bis um 03:31:59 am 23.3.2001 geschafft, irgendwo über dem indischen Ozean, kurz vor der Küste.
03:31:59. „Bum“ sagt leise vor sich hin einer aus der Delegation der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt. Die virtuelle Mir auf der Weltkarte hat den Punkt erreicht, wo die Triebwerke des Progress M1-15 sich für genau 1.293,8 Sekunden mit einer Gegenschubleistung von 9,28 Metern pro Sekunde – das jedenfalls sagt die ruhige sonore russische Männerstimme aus den Lautsprechern. Die sanfte Frauenstimme wiederholt es auf englisch.

03:44:52. Die Mir tritt in die Kontaktzone ein, in der eine Verbindung mit dem Kontrollzentrum aufgebaut werden kann, verkünden die Stimmen. Auf dem überdimensionalen Display im Kontrollsaal flackern zunächst Flugbahndaten, dann wird plötzlich die Bordkamera der Mir zugeschaltet. Die Erde ist zu erkennen und die Wolken, auf die die Mir zusteuert.

Alle Systeme arbeiten stabil und normal. Die Triebwerke arbeiten normal, wiederholen die Stimmen in regelmässigen Abständen. Schweigen im Saal, die ZUP-Mitarbeiter starren gebannt auf die Leinwand in diesem Kino, das heute nacht live die kosmische Beerdigung eines Objektes des russischen Nationalstolzes überträgt.

Der erste Bremsimpuls ist beendet, die Triebwerke abgeschaltet, sagen die Stimmen. Die Mir ist 20 km tiefer gesackt, dem Pazifik entgegen. Die Stimmen beginnen, die lange Geschichte der Mir und ihrer Besatzungen zu erzählen. Es soll ja auch eine schöne Beerdigung werden, sagt eine alte ZUP-Mitarbeiterin, die heute nach irgendwo in dem Gebäude den Schreibtisch ihres Chefs hütet, solange es ihn noch gibt.

Auf Taiwan habe ein junger Mann Selbstmord begangen – weil er den Panikberichten glaubte, ausser Kontrolle geratene Trümmer der Mir könnten die Insel treffen, heisst es in den Radionachrichten. Im ZUP wird die Meldung mit einem Achselzucken notiert. Man hätte die Versenkung der Mir nicht so dramatisieren sollen, rät Jurij Kotjew.
05:00:24 kommt der zweite Bremsimpuls, nach langem Warten und einer Extra-Erdumrundung um 8:07:36 über Lybien der dritte und allerletzte. Die Mir überfliegt noch einmal ganz Russland, Nordkorea und den Süden Japans. Um 8:31:05 verschwindet die Mir von den Bildschirmen des ZUP. Nach amerikanischen Radardaten fliegt die Mir genau auf der vorausberechneten Bahn, sagen die Stimmen aus den ZUP-Lautsprechern.

9:00:13. Auf der Leinwand erscheint ein Foto der Raumstation. „Start am 20.2.1986. Ende am 23.3.2001. Die Mir hat ihren triumfalen Flug beendet. Er war beispielslos.“ Schweigen im Saal. ZUP-Mitarbeiter fangen an die PCs einzupacken. „Doch“, sagt Hubertus Wanke, stellvertretender Leiter der Deutschen Bodenkontrollstelle der DLR anerkennend, „das war eine Glanzleistung. Die wollten der Welt zeigen, was sie können. Und das haben sie auch getan.“

Und unter den ZUP-Mitarbeitern, die langsam den Saal verlassen heisst es, so wie die neue Internationale Raumfahrstation ISS ohne die russischen Erfahrungen kaum schnell hätte aufgebaut werden können, so wird das ZUP auch wieder gebraucht werden, wenn die ISS in 15 Jahren versenkt werden muss. Denn runter kommen sie immer. Und bis dahin wird die ISS gemeinsam aus Houston und Koroljow gesteuert – aus dem zweiten Kontrollsaal des ZUPs.

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