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| Michail Gerassimow ist der Gründer des Instituts. |
Dass sich das weiche Gesichtsgewebe wie ein Strumpf über seine
Knochengrundlage stülpt, postulierte als erster der russische
Anthropologe Michail Gerassimow in den 30er-Jahren. Sein Laboratorium
konnte er erst 1950 gründen. Er zog sich SchülerInnen
heran, welche die von ihm entwickelte Rekonstruktionsmethode nach seinem
Tode weiterführten. Tatjana Sergejewna, selbst in den
50ern, verkörpert im Institut bereits die 3. Generation. Ihr Vater
kehrte 1956, während Chruschtschows Tauwetter, als Sohn in
Belgien lebender russischer Emigranten in die Heimat seiner Eltern
zurück.
Nach Gerassimows Verfahren wird heute in vielen Ländern der Erde
gearbeitet. Doch die Messungen, aus denen man die dort
verallgemeinerten Daten gewonnen hat, wurden überall an Verstorbenen
vorgenommen. Deren Morphologie unterscheidet sich schon
sehr bald von der Lebender. Den entscheidenden Schub in Richtung
Originaltreue gewann das Moskauer Laboratorium während
einer Reihe von Expeditionen durch die Sowjetunion 1988 bis 1992. Sie
führten von den Tschuktschen auf Kamtschatka über die
Burjäten bis hin zu den Litauern. Über 4.000 lebende Personen aus fast
allen Sowjetvölkern und -ethnien hielten ihre Schädel für
Ultraschall-Aufnahmen hin und ließen die EthnologInnenhände jeweils über
50 Abstände zwischen diversen Knochenpunkten im
eigenen Gesicht abtasten. Ziel war nicht die Erforschung der
verschiedenen Populationen, sondern die Vervollkommnung der
Rekonstruktionsmethode.
"Wir erhielten dadurch statistische Mittelwerte für die Beziehungen
zwischen den weichen Gesichtsgeweben und dem Schädel. Und
siehe da", freut sich Balujewa, "die so verfeinerte
Rekonstruktionsmethode führt bei allen Ex-Sowjetvölkern zu gleich guten
Ergebnissen."
"Damals haben wir auch Gewissheit darüber gewonnen", erklärt sie, "dass
selbst die allerindividuellsten Gesichtszüge einer Person
in letzter Instanz durch den Knochenbau vorbestimmt sind." Gern würde
die neugierige Ethnologin selbst nachprüfen, ob ihre
Methode auch bei Afrikanern oder australischen Ureinwohnern so hinhaut.
Aber bei den spärlichen Mitteln, die die Akademie der
Wissenschaften heute für ihr Institut ausgibt, ist das undenkbar.
Trotzdem ist Balujewa guten Mutes, was die Perspektiven ihrer
Arbeit betrifft.
"Da ist einmal der museale Aspekt", meint sie: "Es ist doch hübsch, wenn
man ein Museumsdorf besucht und dort dessen
einstigen Bewohnern ins Gesicht blicken kann." Und dann bliebe noch
immer die Verbrechensaufklärung. "Wenn es um die
Identifizierung von Leichnamen ohne erkennbare Züge geht, so galten
unsere Rekonstruktionen früher in unserem Lande als ein
Hilfsmittel unter anderen. Heute sind sie das Hauptmittel." Die
Mitarbeiter des Instituts fertigen für die Kriminalpolizei verbale
Steckbriefe und Phantomzeichnungen der Gesichter der aufgefundenen
Toten. Die werden dann publiziert. Nicht nur gewinnen viele
Familien auf solche Weise Klarheit über den Verbleib von Angehörigen,
auch Gerassimows Methode wird dank dieser Praxis weiter
vervollkommnet. "Wir haben da noch eine kleine Unklarheit im Bereich der
Augen", gesteht Tatjana Sergejewna und fügt
entschuldigend hinzu: "Nur was deren Abstand voneinander betrifft."
Und hat sie schon einmal einen Blindversuch gemacht und sich erboten,
das Gesicht einer ihr unbekannen lebenden Person zu
rekonstruieren? "Oft. Erst neulich hat sich das bei unserer Teilnahme an
einer Fernseh-Magazinsendung namens Scanner ergeben",
berichtet Tatjana Sergejewna. "Vorher brachte die Moderatorin mir
Röntgenaufnahmen eines Schädels und sagte: ,Versuchen Sies
doch mal mit dem.' Während der Arbeit fiel mir schon auf, dass das
entstehende Frauengesicht große Ähnlichkeit mit der
Moderaorin selbst hatte. Aber es gab da Abweichungen, an denen konnte
ich nichts ändern." Tatsächlich hatte die TV-Moderatorin
sich selbst röntgen lassen und erzählte dann, was die Anthropologen
nicht wissen konnten: Vor einigen Jahren hatte sie durch eine
kosmetische Operation die Höhe ihrer Brauen verändern und die Oberlippe
aufpolstern lassen.
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