Der Bauboom in St. Petersburg - hier ein Neubau an der Bolschaja Newka - ist fast so schnell wieder in sich zusammengebrochen wie er vor etwa zwei Jahren begonnen hatte. (Foto: ld/rufo)
Mittwoch, 13.07.2005
Krise auf dem Petersburger Bau-Markt
St. Petersburg. Die Baukräne drehen sich nicht mehr so schnell: Der Neubau-Boom in St. Petersburg ist in diesem Jahr dramatisch eingebrochen. Manche Wohnblocks können nur noch zur Hälfte verkauft werden.
Das Jahr 2004 endete für die Petersburger Bauwirtschaft mit einer Rekordmarke: 2 Millionen Quadratmeter Wohnfläche wurden fertiggestellt – und auch weitgehend an den Mann gebracht. Die Branche erreichte damit Flächenzahlen wie zuletzt nur zu Sowjetzeiten, als allein der Staat den faktisch am Fließband hergestellten Wohnraum an seine Bürger verteilte.
Entsprechend optimistisch waren die Prognosen der Stadtverwaltung, dass das Wachstum auf dem Bau-Markt so munter weitergeht: Für 2004 wurden 2,2 Mio. Quadratmeter prognostiziert, für 2010 sogar die Planzahl von 3 Mio. genannt. Doch die Realität sieht anders aus: An zahlreichen Neubauprojekten wird zunehmend lustlos gearbeitet, denn die neuen Wohnungen sind – trotz langsam sinkender Preise - nur noch schwer abzusetzen. Im ersten Halbjahr stellte die Branche gerade einmal 640.000 Quadratmeter fertig.
Leerstand in neuen Plattenbauburgen
Wie die Zeitung „Wedomosti“ jetzt berichtete, können viele Baufirmen 40 bis 50 Prozent der gegenwärtig errichteten Wohnungen nicht verkaufen. Damit fehlt ihnen auch das Geld für neue Projekte – die zudem für die Baufirmen noch teurer geworden sind.
Als einer der Gründe für das Erlahmen der Baubranche gilt eine Änderung bei den Verfahren, wie die Stadtverwaltung die Bauplätze zuteilt: Bis zum letzten Sommer wurden sie durch die „Investitions-Tender-Kommission“ des Smolny zweckgebunden an die einzelnen Baukonzerne verteilt – wo Beziehungen und mancher Schacher eine Rolle spielten. Doch jetzt gilt hier das Gesetz des Marktes: Jede Parzelle wird öffentlich versteigert – und da attraktive und erschlossene Flächen in der Stadt kanpp sind, wuchsen die Bodenpreise.
Ein weiterer Hemmschuh ist eine im April in Kraft getretene Gesetzesänderung, die den schon während der Bauzeit investierenden Wohnungskäufern mehr Rechte und Sicherheiten einräumt. Einseitiges Kündigungsrecht und der Anspruch auf Kompensationen bei Versäumnissen durch die Baufirma dienen zwar ganz zu Recht dem Verbraucherschutz, haben aber so mancher bisher nach dem Hauruck-Prinzip arbeitenden Baufirma den Wind aus den Segeln genommen.
Wohnungskauf für Schnäppchenjäger
Hauptbremse dürfte aber der Preisverfall sein: Die sich letztes Jahr enorm aufblähende Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt ist geplatzt und viele der nicht wegen persönlichem Bedarfs, sondern aus Gewinnabsicht gekauften Wohnungen wurden auf den Markt geworfen. Der statistische Durchschnittspreis für „Neubauten mit Massencharakter“ sank seit Jahreswechsel von 1019 auf 1003 Dollar pro Quadratmeter – und dies bei einem sinkenden Wert des Dollars gegenüber dem Rubel. Wie der „Kommersant“ berichtet, kann man eine schlichte Neubauwohnung in einem unpretenziösen „Schlafviertel“ gegenwärtig aber auch schon für 600 bis 700 Dollar ergattern – denn die Bauherren sind nun froh um jeden Abnehmer.
Ähnlich sieht es gegenwärtig auch auf dem Second-Hand-Immobilienmarkt aus: Schlichter Wohnraum aus sowjetischer Massenfabrikation verfällt gegenwärtig mangels Nachfrage im Preis. Elitäre Wohnungen, seien es standesgemäße Altbauquartiere in der Innenstadt oder luxuriöse Lofts und Penthouses in modernen Wohnanlagen, wachsen dagegen nach wie vor langsam, aber sicher im Preis. Ursache dafür sei, so der „Kommersant“, die ungebrochene Nachfrage durch auswärtige und ausländische Käufer nach Immobilien mit dem ganz besonderen Petersburger Flair.
(ld/rufo)
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
Containerumschlag im Hafen von St. Petersburg: Auf diese Weise importiert Russland vor allem - exportiert werden vorrangig Rohstoffe wie Öl, Gas, Metall und Holz.(Topfoto:Deeg/.rufo)