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Montag, 28.10.2002

Mehr Kamikadse-Krieger gegen den Kreml ?

Von Gisbert Mrozek, Moskau. Kaum jemand in den russischen Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten zweifelt daran, dass es kein Allheilmittel gegen Terroraktionen gibt. Auch der gut gerüstete und hochsensibilisierte Sicherheitsapparat Israels könne Kamikadse-Angriffe nicht verhindern, stellt Sergei Gontscharow, ehemaliger Kommandeur der Anti-Terrorgruppe Alfa, fest, der während der Befreiungsaktion als Berater hinter den Kulissen wirkte. Auch die kompromisslose Vernichtung palästinensischer Terroristen helfe den Israelis nicht, sagt er. Anstelle eines Toten rücke ein neuer Kamikadse-Kämpfer nach. "Wie bei uns." Angesichts der totalen Korrumpiertheit des russischen Sicherheitssystems, sagt Gontscharow, könne es keine Sicherheitsgarantien geben.

"Bei der Fülle von Problemen, vor denen Russland steht, müssen die Bürger sich selbst um ihre Sicherheit sorgen."

Dass auch die Tschetschenen in der Lage sind, einen langandauernden Partisanenkrieg zu führen, ohne dass die russischen Geheimdienste sie daran hindern könnten, beweisen sie tagtäglich in den tschetchenischen Dörfern und in den Ruinen von Grosny. Die Frage ist nur, ob sie sich entschlossen haben, diesen Krieg nun auch im Dschungel der Städte fortzusetzen - und ob sie in der Lage wären, dies zu tun. Die einzige Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, wäre prophylatische Arbeit der Geheimdienste, sagt Gontscharow. Das schwerste dabei sei, ein effektives Netzwerk von Informanten zu unterhalten.

In der Tat hatten die russischen Geheimdienste besonders nach 1991 erhebliche Schwierigkeiten, das Agentennetz wieder aufzubauen, dass in Tschetschenien gründlich zerschlagen worden war. Die hermetische Organisation der Tschetschenen in Familien und Stammesverbänden ist ein effektives Mittel gegen Aussenstehende - besonders wenn diese auch noch Vertreter der Staatsstruktur sind, die für Jahrzehnte von Deportation und Leiden verantwortlich gemacht wurde. Die Lage hat sich inzwischen soweit geändert, dass sich Ansätze einer moskautreuen Miliz, Verwaltung, Innenbehörde und FSB-Filialen in Tschetschenien halten können. Die tschetschenische Gesellschaft hat sich im Laufe des Krieges gespalten. Feldkommandeure wie Bassajew haben viel an Unterstützung verloren, weil sie keine Perspektiven bieten mehr können.

Aber offensichtlich können Aslan Maschadow oder Schamil Bassajew bis heute die Handlungsfähigkeit einer gegen die eigenen Nachbarn im Dorf gut abgeschotteten Untergrundstruktur dort erhalten. Es vergeht kaum ein Tag ohne einen Sprengstoffanschlag, seitdem im Frühjahr 2001 Maschadow dazu aufrief, zum Sprengstoffkrieg überzugehen. Tschetschenien ist sicher ausser Palästina das idealste Trainingsgebiet für die allerhärtesten Terrorgruppen, die, wenn es not tut, auch Stützpunkte ausserhalb Tschetscheniens finden. Und in drei Kilometer Entfernung vom Kreml aktionsfähig waren.

In Moskau wurden nach der Geiselbefreiungsaktion 30 mutmassliche Mitwisser in der Tschetschenischen Diaspora verhaftet - die allerdings insgesamt den Truppen Bassajews feindlich-ablehnend gegenübersteht, weil sie ihnen das Geschäftsklima stören. Mit jedem neuen Terroranschlag wird das Leben für sie schwerer, zumal die Sicherheitsbehörden jedesmal den Druck enorm erhöhen. In den letzten Tagen half die tschetschenische Disapora aktiv den russischen Sicherheitskräften.

Es sieht fast so aus, als wiederhole sich die traditionelle Spaltung der Tschetschenen: in die Fundamentalisten in den armen Bergdörfern und die saturierten Kollaborateure in der Ebene.

Drei Massengeiseldramen gab es in Russland. Budjonnowsk, Kislar und Moskau. Die zwei ersten endeten für die Tschetschenen erfolgreich. Nach dem dritten dürfte es ihnen schwerfallen, Grossaktionen ausserhalb des Kaukasus zu wiederholen. Einzelne Kamikadse-Aktionen und Bombenanschläge sind nicht auszuschliessen. Aber sie dürften kaum in der Lage sein, Russland zu destabilisieren.

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