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Journalisten sind verpflichtet, die Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin kritisch zu kommentieren (Foto: Archiv).
Journalisten sind verpflichtet, die Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin kritisch zu kommentieren (Foto: Archiv).
Mittwoch, 08.11.2006

Fürchtet den Polemik-Hammer!

Christian Jahn, Moskau. „Fürchtet Russland!“ warnt die FTD. Putins Russland weise faschistische Tendenzen auf. Leider nimmt es der Kommentator nicht sehr genau mit der journalistischen Sorgfalt.

Russland hat in den vergangenen fünfzehn Jahren einen für Ausländer unbegreiflichen Umbruch vom sozialistischen Plansystem zur Marktwirtschaft durchgemacht. Von einem auf den anderen Tag standen viele Russen vor dem Existenz bedrohenden Nichts. Chaos und Totschlag waren in den Neunzigern die Folge.

Heute scheint das Ärgste ausgestanden. Dennoch ist in Russland noch lange nicht alles zum Besten bestellt. Anlass zur Kritik gibt es in der Tat. Oft genug an der Politik der russischen Regierung:

Kritik ist notwendig!


Die zunehmende Dominanz staatlicher Strukturen in der russischen Medienlandschaft ist schwer erträglich. Repressive Maßnahmen gegenüber lange in Russland lebenden ethnischen Minderheiten, wie etwa den Georgiern, dürfen nicht toleriert werden.

Das rücksichtslose Vorgehen der russischen Regierung gegenüber der Ukraine im Gasstreit Anfang dieses Jahres oder die jüngsten Gas-Drohungen gegenüber Georgien oder Weißrussland sind entschlossen zu kritisieren.

Journalisten haben hier eine wichtige Funktion. Doch der Autor von „Fürchtet Russland!“ (FTD vom 06. November 2006) trifft bei seinem orientierungslosen Rundumschlag leider viel zu oft daneben. Nur zwei Beispiele:

Russen sind keine Georgier-Hasser


Vollkommen zu Recht kritisiert der Autor die repressiven Maßnahmen der russischen Regierung gegenüber den in Russland lebenden Georgiern. Dann jedoch, gestützt auf einen bunten Mix von nicht zusammen gehörenden Umfrageergebnissen, macht er die Mehrheit der russischen Bevölkerung zum Mittäter: „Drei Viertel begrüßten die Verhaftungen und Deportationen von Georgiern, die Listen, die Schulen über georgisch-stämmige Schüler erstellten.“

Es mag durchaus sein, dass sich drei Viertel der Bevölkerung für eine harte Haltung gegenüber Georgien ausgesprochen haben. Die Namenslisten georgischer Schüler, die die Schulleitungen anfertigen sollten, stießen aber von Anfang an auf breite Ablehnung.

Wer ermordete Politkowskaja?


Unmittelbar nach Ankündigung der Maßnahme sprach sich etwa Ljubow Kesina, in Moskau zuständig für das Bildungswesen, laut, deutlich und öffentlich gegen die Listen aus und diese gelangten nicht in Umlauf. Viele andere Schulleiter und einfache Bürger äußerten sich ähnlich – übrigens auch auf dem Regierungssender „Pervyj kanal“.

Mehr dazu im Internet
• „Fürchtet Russland!“, Kommentar von Rene Gribnitz in der FTD

aktuell.RU ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.
Wer hat Anna Politkowskaja ermordet? In Russland weiß es noch keiner. In Hamburg scheint man mit der Aufklärung schon weiter zu sein: „Journalisten, die sich dem System verweigern, bezahlen das mit ihrem Job und Gerichtsverfahren. Manchmal auch mit dem Leben wie zuletzt Anna Politkowskaja“, schreibt der Autor. In Moskau, aus der nächsten Nähe betrachtet, sehen die Dinge lange nicht so Schwarz-Weiß aus wie aus der entfernten Hansestadt. Die investigative Journalistin Politkowskaja hatte viele Feinde, auch außerhalb der Kreml-Kreise. Zum Beispiel in Tschetschenien, wo sie engagiert versuchte, mit ihren Recherchen die Kriegs-Greuel aufzuklären.

Lassen Sie sich helfen!


Vom Ressortleiter einer wichtigen deutschen Wirtschaftszeitung erwarte ich mehr Sorgfalt und Durchblick bei der Beurteilung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in Russland – auch wenn es sich um einen Kommentar handelt. Selbst weit entfernt von Russland, etwa an der Elbe, dürfte es genügend Experten geben, die dem Autor des Kommentars zu mehr Klarsicht hätten verhelfen können.

Wenn er keine Hilfe in Anspruch nehmen will, sollte er sich in Zukunft doch besser mit für ihn überschaubaren Themen auseinandersetzen – der Hamburger Fischmarkt hat ja auch seine interessanten Seiten.

Augenhöhe Bordsteinkante


„Fürchtet Russland“ – ein solcher Kommentar dient niemandem und gehört in die Redaktionsmülltonne. Zunageln und auf den Mond schießen, lautet meine wärmste Empfehlung. Inhaltlich bringt der Text weder Erkenntnis oder Klarheit noch zeigt er Perspektiven auf. Sprachlich – man muss es leider sagen – bringt er es höchstens auf Augenhöhe mit der Oberkante Bordstein („Putins eiserner Griff“).

Aus Verleger-Sicht könnte sich solch dumpfe Panikmache sogar geschäftsschädigend auswirken: Die Leser, die an fundierter Information interessiert sind, werden sich bald eine andere Zeitung suchen. Und die Fans der Holzhammer-Polemik lesen seit jeher lieber das Original des Springer-Verlags. (cj/.rufo)


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