Von Karsten Packeiser, Moskau. Richtig überzeugend klingt der oberste russische Amtsarzt Gennadij Onischtschenko nicht, als er im Fernsehen erklärt, es gebe keinen Grund zur Panik. Die russischen Fernsehsender
setzen ihre Interview-Gäste gerne vor die beeindruckende Kulisse des Kremls in ihre Studios im Hotel „Rossija“. Doch während Onischtschenko spricht, ist hinter seinem Rücken von dem nur wenige Schritte entfernten Moskauer Wahrzeichen nichts mehr zu sehen. Nur weißer Qualm wabert vor dem Studiofenster.
Zum zweiten Mal in diesem Sommer wird die Zehn-Millionen-Metropole von einem nie da gewesenen Smog heimgesucht. Der Rauch, der von den brennenden Torffeldern im Moskauer Umland in die Hauptstadt geweht wird, kneift in den Augen und brennt im Hals. Er ist überall. In den Schlafzimmern, in den Büros, selbst in den tiefen Schächten der Metro ist er zu spüren. Auf den Straßen herrscht eine Sichtweite von zum Teil deutlich unter 100 Metern. Am späten Vormittag ist die Sonne nur als rötliche Scheibe durch den Dunst zu erkennen.
„Wir haben heute alle Atemmasken ausverkauft, die wir auf Lager hatten“, berichtet Andrej, Verkäufer in einer Innenstadt-Apotheke und vertröstet weitere Interessenten auf eine neue Lieferung, die morgen eintreffen soll. Außer den einfachen Mull-Binden für umgerechnet weniger als 20 Cent gehen bei ihm zurzeit vor allem Augentropfen über den Ladentisch.
Roter Platz im Smog (Foto: Siegmund/rUFO)
Nach offiziellen Angaben liegen allein die Kohlenmonoxid-Werte in Moskau derzeit um ein Mehrfaches über den Grenzwerten. Grundsätzlich bestehe aber kein Anlass zur Aufregung, wiederholen Behördensprecher gebetsmühlenartig. Sie empfahlen, Kinder, Asthmatiker und Schwangere
Frauen sollten möglichst zu Hause bleiben. Fenster sollten zusätzlich mit feuchten Tüchern abgedichtet werden, lautete eine weiterer Rat.
„Wenn sich Eltern Sorgen machen, müssen sie ihre Kinder jetzt nicht zur Schule schicken“, sagt Enno Gowers, Direktor der Deutschen Schule Moskau. Der Unterricht werde jedoch vorerst fortgesetzt. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace warnte unterdessen, dass Menschen, die längere Zeit mit derartigem Rauch lebten, eine wesentlich höhere Chance hätten, an Asthma oder chronischer Bronchitis zu erkranken.
Anders als noch im Juli, während der ersten Rauchattacke auf Moskau, brennen jetzt nicht mehr nur die Torfböden bei Schatura und Ramenskoje. Nach extrem trockenen Wochen stehen rund um die Hauptstadt auch hunderte Hektar Wald in Flammen. In Teilen des Moskauer Umlands
wurde der Katastrophenalarm ausgerufen. Dort setzten die überforderte Feuerwehr und das Katastrophenschutz-Ministerium inzwischen auch Flugzeuge und spezielle Löschzüge ein.
Nach leichten Regenfällen verbessert sich die Lage derzeit leicht. Doch auf ein Ende der Smogplage werden die Moskauer noch mehrere Tage warten müssen. Längst hat auch die Suche nach den Schuldigen für das Umwelt-Desaster begonnen. Die Feuerwehr macht vor allem unachtsame Spaziergänger für die Brände verantwortlich. Gleichzeitig schießt sich die Moskauer Presse bereits auf Bürgermeister Jurij Luschkow ein: Die Stadtregierung habe die Lage unnötig zugespitzt, als sie am vergangenen Wochenende mit Chemikalien-Fliegern die Regenwolken über Moskau auflösen ließ. Der pompös gefeierte Stadtgeburtstag sollte nämlich nicht ins Wasser fallen. (epd).
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