Der zentrale Tempel von Elista (Foto: Packeiser/.rufo)
Donnerstag, 02.10.2003
Buddhas Heimkehr in das Land Chalmg Tangtsch
Von Karsten Packeiser, Elista. Nach zweihundert Kilometern Fahrt durch die Steppe wirkt Elista zunächst wie eine Fata Morgana. Die Hauptstadt der autonomen russischen Teilrepublik Kalmückien verwundert mit viel Grün inmitten ausgedörrter Graslandschaft und etlichen Neubauten mit exotisch anmutenden Pagodendächern. Zur Zeit kennt Elista nur ein Thema: Die mit großem Pomp angekündigte Visite des Dalai Lama in der einzigen traditionell buddhistischen Region Europas muss erneut ausfallen.
„Viele alte Menschen haben so auf seine Heiligkeit gewartet“, sagt eine Frau, die in der Eingangshalle des großen buddhistischen Tempels am Stadtrand Räucherstäbchen, Amulette und Bilder des Dalai Lama verkauft. „Sie wollten ihn noch einmal sehen, bevor sie sterben“, fügt sie hinzu, dann rollen dicke Tränen über ihr Gesicht. Um die Beziehungen zu China nicht zu belasten, verweigerte das russische Außenministerium dem Friedensnobelpreisträger wie schon im vergangenen Jahr erneut das Visum.
Ein Stupa am Stadtrand von Elista. Die Plattenbauten im Hintergrund warten noch auf ihre Sanierung (Foto: Packeiser/.rufo)
„Das ist doch absurd“, wundert sich auch Telo Tulku Rinpotsche, das geistliche Oberhaupt der kalmückischen Buddhisten. „Selbst zu Zeiten von Breschnew konnte der Dalai Lama in die Sowjetunion reisen, aber das neue demokratische Russland darf er nicht mehr besuchen. Ich verstehe“ sagt der Lama, „das ist Politik. Aber was haben wir Gläubigen mit der Politik zu tun?“
In Kalmückien, in der mongolischen Landessprache Chalmg Tangtsch genannt, leben zwischen Wolga und Kaukasus auf einer Fläche von der Größe Bayerns gerade etwas über 300.000 Menschen und etwa genauso viele Schafe. Ebenso wie die Russlanddeutschen waren die Kalmücken während des 2. Weltkrieges nach Sibirien deportiert worden, angeblich, weil sie mit der Wehrmacht kollaborierten. In der Verbannung und auch in den Jahren nach der Heimkehr konnten sie weder ihre Sprache sprechen, noch ihre Religion ausüben. „Anfang der 90-er Jahre wussten die Menschen nicht mehr, wer sie waren und was Buddhismus ist“, resümiert Telo Tulku, ein Nachkomme kalmückischer Emigranten, der in den USA aufwuchs.
Im Stadtpark von Elista (Foto: Packeiser/.rufo)
Seit der skurrile Millionär Kirsan Iljuschinow 1993 die Macht in der Steppenrepublik übernahm, wurde den Nachfahren der mongolischen Nomaden die Rückkehr zu den Traditionen ihrer Vorväter verordnet. Während Iljumschinows Regierungszeit entstanden überall in Kalmückien buddhistische Reliquienschreine und Tempel, angeblich teils aus dessen Privatvermögen bezahlt. Als Präsident des Schachverbandes FIDE holte er die Schach-Olympiade in das der Welt bis dato gänzlich unbekannte staubige Steppenstädtchen Elista.
Gleichzeitig brach die Wirtschaft Kalmückiens endgültig zusammen, in Elista gibt es inzwischen weder einen öffentlichen Busverkehr noch nachts eine Straßenbeleuchtung. Iljumschinows schärfste Kritikerin, die Journalistin Larissa Judina, fiel einem brutalen Mord zum Opfer. Viele Gegner besticht der umtriebige Geschäftsmann aller Misswirtschaft zum Trotz mit seiner Sorge um die nationale Kultur und die religiöse Wiedergeburt Kalmückiens.
„Auch bei uns sind Staat und Kirche getrennt“, erklärt Michail Burninow, in der Präsidentenverwaltung zuständig für die Kontakte zu religiösen Organisationen, die Politik seines Chefs. „Aber der Staat hat zu Sowjetzeiten die religiöse Kultur vernichtet. Was wir tun, ist ein Zeichen der Sühne zu setzen.“
(epd)
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