Brandstiftung in Bischkek. 25.3.2005, 6:38 Uhr Ortzeit. Das Schuhgechäft Lion brennt (Foto: morrire/Bischkek)
Freitag, 25.03.2005
Kirgisien: Politischer Ausweg trotz Plünderungen
Moskau. Während die Opposition sich um eine geordnete Machtübernahme bemüht und bereits einen amtierenden Präsidenten anstelle des abgetauchten Akajew gewählt hat, sieht die Hauptstadt Bischkek am Morgen streckenweise aus, als sei sie von einem Orkan verwüstet worden. Bereits gestern hatten Bekannte von dort berichtet, dass vor allem die russische Minderheit Angst vor Pogromen hat.
Selbstverteidigungsgruppen gegen die „Mohren“ wurden gebildet, wie die Südkirgisen im Jargon verächtlich genannt werden. Wer nicht auf die Strasse musste, schloss sich zu Hause ein.
In der Nacht löste die Zitronenrevolution tatsächlich Plünderungen und Totschlag aus. Alle grösseren Geschäfte Bischkeks wurden geplündert, berichten Nachrichtenagenturen. Augenzeugen präzisieren, es habe sich um die Geschäfte des Akajew-Clans gehandelt. Allerdings wurden auch alle kleineren Internetcafes in der Innenstadt in Mittleidenschaft gezogen. Fünf Menschen kamen ums Leben, hunderte wurden verletzt, vor allem Personal der betroffenen Geschäfte.
An den Unruhen waren zehntausende Jugendlicher beteiligt. Viele von ihnen standen unter Alkoholeinfluss. Die Miliz mischte sich nicht ein. Ein Vorstoss des Mobs gegen ein grosses Hotel wurde verhindert.
Am Morgen danach - geplündertes Geschäft in Bischkek (Foto:morrire/Bischkek)
Die Opposition hatte über Nacht offensichtlich die Kontrolle und den Überblick verloren. Oppositionssprecher Felix Kulow erklärte im kirgisischen Fernsehen, die Unruhen seien möglicherweise provoziert worden, um die Lage zu destabilisieren.
Opposition fordert Akajew zum Dialog auf und garantiert dessen Sicherheit
Kulow forderte den abgetauchten Präsidenten Askar Akajew zum Dialog und zur friedlichen Machtübergabe auf. Kulow sagte, er garantiere Akajew für dessen persönliche Sicherheit. Kulow war unter Akajew Vizepräsident und Geheimdienstchef, wurde aber vor vier Jahren wegen fianzieller Machenschaften zu einer 10-jährigen Haftstrafe verurteilt. Gestern war er befreit worden.
Akajew ist seit gestern Nachmittag verschwunden. Berichte, er habe sich mit seiner Familie ins benachbarte Kasachstan abgesetzt, wurden offiziell bisher nicht bestätigt. Es heisst, er halte sich im Kurort Borowoje im Norden Kasachstans in der Nähe der kasachischen Hauptstadt Astana auf. Sicher scheint aber, dass Akajew bisher offiziell von seinem Amt nicht zurückgetreten ist und darum in Kirgisien selbst keine legale Regierung existiert.
Umso wichtiger sind die Auseinandersetzungen, die am Morgen am Parlamentsgebäude begannen, in dem sich sowohl die bei den umstrittenen Wahlen neugewählten Abgeordneten als auch die alten Parlamentarier versammelt hatten.
Vollversammlung der Parlamentarier wählt amtierenden Premier
In der Nacht hatte die Vollversammlung der Abgeordneten den Oppositionspolitiker Kurmanbek Bakijew zum amtierenden Premierminister ernannt. Damit wäre Bakijew auch amtierender Präsident bis zu Neuwahlen. Vor den Abgeordneten erklärte der Vorsitzende des Obersten Gerichts, die umstrittenen Parlamentswahlen seien ungültig. Damit wären auch Parlamentsneuwahlen fällig.
Bakijew war unter Ex-Präsident Akajew bereits Premierminister.
Brandstiftung in Bischkek. 25.3.2005, 6:38 Uhr Ortzeit. Das Schuhgechäft Lion brennt (Foto: morrire/Bischkek)
Am Morgen umstellten etwa 3.000 Demonstranten das Parlamentsgebäude und versuchten, es zu stürmen. Die Eingangstür wurde zerschlagen. Erst auf Intervention Bakijews zog die Menge dann aber doch ab und schloss sich der Großkundgebung der Opposition an, die 400 Meter weiter vor dem historischen Museum begonnen hatte.
Damit scheinen die Voraussetzungen für einen politischen Ausweg aus der Krise gegeben zu sein. Wenn es den neuen Machthabern gelingt, für Ruhe in Bischkek und im Süden des Landes zu sorgen.
Die Hauptstadt Bischkek sieht am Morgen nach den nächtlichen Plünderungen streckenweise aus, als sei sie von einem Orkan verwüstet worden.
(gim/.rufo)
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