Russlands Bahn-Chef Wladimir Jakunin hat die hochfliegenden ICE-Pläne gebremst (Foto: Packeiser/rufo)
Montag, 12.09.2005
Bahn: Deutsch-russischer ICE liegt auf Eis
Karsten Packeiser, Moskau. Die russische Eisenbahn plant bis 2008 Investitionen im Umfang von knapp 15 Milliarden Euro. Gelder für den mit Siemens vereinbarten Bau von ICE-Zügen sind jedoch nicht vorgesehen.
Auf der Hannover-Messe hatten Siemens und die russische Eisenbahn im Frühjahr den Bau von 60 ICE-Zügen vereinbart. Bereits im Jahr 2007 sollten die ersten Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Moskau und St. Petersburg verkehren. Doch nun sieht es so aus, als ob das 1,5-Milliarden-Euro-Projekt nach der Entlassung des russischen Bahnchefs Gennadi Fadejew auf Eis gelegt werden soll.
Die eigentlich geplante Unterzeichnung eines Endvertrags über den ICE-Bau wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin “Itogi” hatte der neue RZD-Präsident Wladimir Jakunin erklärt, er habe “die Realisierung des Projektes nach Konsultationen mit Eisenbahn-Experten und Finanzisten in der ursprünglich geplanten Form” stoppen müssen. “Wir hoffen, das Programm ohne Milliarden-Kredite durchzuführen”, so Jakunin.
Kosten bis heute unklar
Wann es zu der Vertragsunterzeichnung komme, sei noch immer unklar, sagte ein Siemens-Sprecher am Montag auf Anfrage von russland-aktuell.RU. Der RZD-Vorstand wolle bis Ende des Jahres über die Zukunft des Projektes entscheiden.
In der RZD gibt es inzwischen offenbar erhebliche Zweifel über die nötige Anzahl der ICE-Züge und auch über die Zweckmäßigkeit des Hochgeschwindigkeits-Projektes insgesamt. Siemens habe allerdings bislang selbst noch immer keinen endgültigen Kostenplan für die russische Variante der Züge vorlegen können, erfuhr russland-aktuell.RU aus gut informierten Eisenbahner-Kreisen. Die dafür vereinbarte Frist sei auf Initiative der Deutschen verschoben worden. Womöglich muss für die russischen Strecken eine so stark veränderte Version des Zuges entwickelt werden, dass deren Einsatz wirtschaftlich keinen Sinn mehr macht.
Weil die RZD noch immer nicht die genauen Kosten abschätzen könne, sei das ICE-Projekt noch nicht in das Investitionsprogramm aufgenommen worden. Dies sei allerdings noch keineswegs das Todesurteil für das gesamte Projekt, da das Programm durchaus noch nachgebessert werden könne.
Aus wirtschaftlichen Gründen ist derzeit auch schon die Realisierung eines weiteren deutsch-russischen Eisenbahnprojektes bedroht: Ob der geplante Komfort-Zug auf der Strecke Berlin – Kaliningrad – St. Petersburg mit Talgo-Technik zur automatischen Veränderung der Spurbreite jemals fahren wird, steht in den Sternen.
Zufahrtswege zu den Häfen werden ausgebaut
Der Löwenanteil der 15 Milliarden Euro, die die RZD in den Jahren 2006 bis 2008 investieren will – etwa 75 Prozent - soll in die Modernisierung der überlasteten und veralteten Infrastruktur fließen, hatte der Bahn-Vorstand letzte Woche beschlossen. Schwerpunkt bei den Infrastrukturmaßnahmen ist dabei der Ausbau der Zufahrtswege zu den russischen Seehäfen am Pazifik, in der Schwarzmeer- und der Nordwestregion, die derzeit dem gewachsenen russischen Export-Volumen nicht mehr gewachsen sind.
Die RZD setzt weiterhin auf den Ausbau der internationalen Transportkorridore, auch wenn einige Projekte der jüngsten Vergangenheit, etwa der Nord-Süd-Korridor von Europa über Russland und das Kaspische Meer nach Südasien, die in sie gesetzten Hoffnungen enttäuschten. 18,5 Prozent der geplanten Investitionssumme sind für die Erneuerung des Lokomotiven- und Waggon-Parks vorgesehen, etwa 330 Millionen Euro alleine für die Anschaffung und Modernisierung von Güterwaggons.
(kp/.rufo)
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